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Olympia 2012 Judoka Kerstin Thiele erringt Silber
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21:14 01.08.2012
 Freut sich über Silber: Judoka Kerstin Thiele. Quelle: dpa
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London

Von der Final-Niederlage ließen sich weder die deutschen Fans noch Kerstin Thiele die Party-Stimmung verderben. Die vierfache Weltmeisterin Lucie Decosse aus Frankreich erwies sich als eine Nummer zu groß, doch auch in dem letzten Duell ließ sich die Leipziger Judo-Mittelgewichtlerin nicht vorzeitig von der Tatami fegen. Rund 90 Minuten zuvor hatte Kerstin Thiele den schönsten Moment ihrer Karriere erlebt: Die JCL-Kämpferin war nach dem Halbfinalsieg gegen die männlich wirkende Chinesin Chen auf die Knie gegangen und in Freudentränen ausgebrochen. Sieben Minuten lang hatte sie geackert wie verrückt, vor allem den Bodenkampf abgewehrt und trotzdem aktiv gewirkt. Weil es nach Verlängerung 0:0 stand, lag ihr Schicksal in den Händen der Kampfrichter. „Als sie die Fahnen in den Händen hielten, zitterten mir die Beine. Ich konnte mir nicht sicher sein, was passiert“, erzählte die 25-Jährige. Die Unparteiischen hielten dreimal die weiße Flagge in die Höhe – in Weiß hatte die Sächsin gekämpft. „Da konnte ich meine Emotionen nicht zurückhalten“, entschuldigte sie sich später fast für ihren Freudenausbruch. Olympiasilber war ihr nun sicher.

In so einem Moment schießen einem Athleten tausend Gedanken durch den Kopf. Zum Beispiel der, dass Kerstin Thiele im April das Olympiaticket fast abschreiben musste, weil sie nach vielen Verletzungsrückständen nicht genügend Weltranglistenpunkte gesammelt hatte. Doch kurz nach der Kehrtwende – sie erhielt eine Wildcard über die Europarangliste und wurde vom deutschen Verband der besser platzierten Berlinerin Iljana Marzok vorgezogen – hatten Experten vermutet: Kerstin kann es packen. Für sie ist der Druck nun am geringsten, nach den jahrelangen Strapazen der Qualifikation kommt jetzt die Zugabe. Außerdem konnte sie sich endlich drei Monate lang in Ruhe vorbereiten, ohne für Wettkämpfe immer wieder abzunehmen. Gestern trat sie das letzte Mal in der 70-Kilo-Klasse an. Ein Limit, das ihr mehr als genug Fastenwochen eingebracht hat.

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Vor dem Finale versuchte Udo Quellmalz, die Blondine neu zu motivieren. „Mädel, die fünf Minuten schaffst du noch, so eine Chance bekommst du nur einmal im Leben“, sagte der Olympiasieger von 1996, als er Kerstin Thiele vor Freude heulend im Aufwärmraum fand. Tatsächlich gab sie im Finale noch einmal alles und sagte dann: „Ich hatte bis zuletzt Kraft, aber der Griff der Französin war zu stark.“

Vor dem Sieg gegen die Chinesin hatte Kerstin Thiele auch die unbequeme Ungarin Meszaros mit 3:0-Kampfrichterstimmen besiegt. Und obwohl sie dabei viele Körner gelassen hatte, gelang ihr gleich danach der größte Coup: Sie warf die Ex-Weltmeisterin Edith Bosch aus den Niederlanden mit einem Beinfasser nach angetäuschtem Schulterwurf konsequent auf die Matte und brachte den halben Punkt über die Zeit.

Bis zu Kerstin Thieles Auftritt hatten die deutschen Judo-Frauen in London erst einen Kampf gewonnen. Das änderte sich gestern gründlich, heute kann JCL-Kollegin Heide Wollert noch nachlegen. Bundestrainer Michael Bazynski, der vor vier Jahren das Erbe des Schkeuditzers Norbert Littkopf antrat, meinte: „Ich freue mich sehr, dass sich Kerstin ihren Traum erfüllt hat. Heute war jeder Kampf ein Finale, sie hat durchweg Weltklasse-Frauen aus dem Weg geräumt.“ Dann verriet der Coach, dass er vor vier Jahren gegenüber dem DOSB einen Namen nennen sollte, wer in London die deutsche Frauen-Medaille holen wird. Er sagte: „Kerstin Thiele.“ Sie hat das Vertrauen mehr als eindrucksvoll zurückgegeben.

Frank Schober

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

01.08.2012
01.08.2012