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Olympia 2012 Usain Bolt will noch mehr
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22:10 06.08.2012
„Das war nur der erste Schritt“: Usain Bolt hat bei den Olympischen Spielen in London noch einiges vor. Quelle: dpa
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London

Wie macht er das bloß? Die Frage nach dem Geheimnis von Usain Bolt haben sich schon viele gestellt. Nach seinem 100-Meter-Olympiasieg in London gewährte Bolt einen kleinen Einblick, als er sich bei Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt bedankte, dem Mannschaftsarzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, der Bolt nach der jamaikanischen Olympia-Ausscheidung wegen muskulärer Probleme am Rücken behandelt hatte. Bolt leidet seit seiner Geburt an Wirbelsäulenschmerzen. „Doktor Müller-Wohlfahrt ist ein großer Mann. Er hat meine Muskeln behandelt, aber er war mehr als ein Arzt für mich“, verriet Bolt. „Er hat uns zum Essen eingeladen, hat sich immer um uns gekümmert. Er hat eine sehr wichtige Rolle gespielt. Ein Stück vom Gold geht so auch nach Deutschland.“

Mancher hatte Zweifel an Bolts Fitness vor dem Rennen am Sonntagabend, aber Björn Bellert hatte immer an den Triumph „seines“ Athleten geglaubt. Hinter einem Erfolg stehen oftmals viele Menschen. Es ist ein komplexes Puzzle, zu dem nicht nur Ärzte zählen, und Bellert ist Produktmanager von Bolts Ausrüster Puma. Gemeinsam mit Designerin Christine Hentschel fieberte Bellert am Sonntag im Olympiastadion mit und spürte Genugtuung, als die Arbeit ihres Teams nach exakt 9,63 Sekunden goldene Früchte getragen hatte.

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Auch der Sprint ist längst ein Hightech-Sport; bei der Wahl der Kleidung kann es um entscheidende Hundertstelsekunden gehen. „Legt man die Labortests zugrunde, würden alle Sprinter in Rennanzügen wie beim Bobsport oder Eisschnelllauf starten“, sagt Hentschel. Solche Anzüge gibt es tatsächlich, durchgesetzt haben sie sich bislang aber nicht. Der Wohlfühlfaktor sei vielen Athleten wichtiger. Und Bolt will nicht nur schnell sein (dabei vertraut er ohnehin zuerst seinem Körper), er will auch gut aussehen. Der 25-Jährige mag es nicht, wenn das Laufshirt über den Schultern zu schmal ist, wenn die Shorts ein paar Zentimeter zu lang ausfallen. „Er orientiert sich in Modefragen eher am Basketball“, verrät Bellert.

In Bolts Heimat Jamaika haben die beiden Deutschen erfahren, wie die Leichtathletik eine ganze Nation elektrisieren kann. „Der Sprint ist für die Menschen das Größte“, erläutert Hentschel und beschreibt, wie sie Hunderte von Jugendlichen unter bescheidenen Bedingungen auf Rasen und mit klapprigen Kraftgeräten trainieren sah. Doch eines treibe alle an: es ihrem Idol gleichzutun, den internationalen Durchbruch zu schaffen und Geld zu verdienen.

Das größte nationale Sportereignis, die Jamaica Champs, zieht wie hierzulande eine Fußball-Europameisterschaft alle Menschen des Karibikstaates in ihren Bann. Es ist der einzige Schulwettkampf der Welt, der garantiert vor 35 000 Zuschauern stattfindet. Die Champs sind das Sprungbrett. Dort ging vor elf Jahren auch der Stern von Usain Bolt auf, als er mit 15 Jahren die 21-Jährigen besiegte.

Der Rest ist beinahe schon Geschichte: Abgesehen von Carl Lewis ist er der einzige Sprinter, der bei zwei Olympischen Spielen hintereinander Gold über 100 Meter gewinnen konnte. Ist er nun eine Legende? „Dies war nur der erste Schritt“, sagte Bolt am späten Sonntagabend. „Sollte ich die 200 Meter gewinnen, dann kann ich zur Legende werden.“

Die Usain-Bolt-Spiele sind es aber jetzt schon. Der Jamaikaner stellte am Montag sogar den Sieg des Schotten Andy Murray in Wimbledon in den Schatten. „Times“, „Guardian“, „Daily Telegraph“, „Daily Mirror“, sie alle titelten mit Bolt. Und der bewies durchaus britischen Humor: „Am 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Jamaikas von der britischen Kolonialmacht ist es ein tolles Gefühl, die Goldmedaille zu gewinnen und die Nationalhymne bei der Siegerehrung zu hören.“

Frank Schober und Jens Kürbis