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Sotschi 2014 Politische Spiele
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00:15 31.01.2014
Von Kristian Teetz
Die Olympischen Spiele als Selbstinszenierung: Wladimir Putin betrachtet Sotschi als "seine" Spiele.
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Hannover/Sotschi

Das Ideal ist fast 3000 Jahre alt: Wenn die Athleten kämpfen, haben der Krieg und damit die Politik zu schweigen. So soll es heute noch sein. Idealerweise. In der Wirklichkeit aber streiten sich Politiker aller Länder und aller Couleur darum, ob sie dem russischen Präsidenten Wladimir Putin bei den Olympischen Spielen in Sotschi guten Gewissens ihre Aufwartung machen dürfen. Und die US-Armee baut für ihre russischen Kollegen eine gute Woche vor der Eröffnungsfeier schnell noch eine elektronische Antiterroranlage am Olympiagelände auf. Friedlich und unpolitisch - geht das?

Mindestens 30 Medaillen sollen die deutschen Athleten in Sotschi holen, findet der Olympische Sportbund. Wer zu den Goldkandidaten zählt, erfahren Sie hier.

Sotschi, so hat es der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in seiner Neujahrsansprache gesagt, solle „keine Plattform für Politik“ sein. Und jüngst kritisierte Thomas Bach Politiker wie den deutschen Bundespräsident Joachim Gauck, die nicht nach Sotschi fahren wollen: „Ich finde, wenn Politiker eine politische Botschaft haben, dann sollten sie auch den Mut haben, diese Botschaft im direkten Dialog mit den politisch Verantwortlichen vorzubringen, und sie nicht auf dem Rücken der Athleten transportieren.“

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Jedes der beiden Systeme, Politik und Sport, soll nach dem Willen des IOC für sich stehen. So heißt es in der Regel 51 der IOC-Charta: „Jede Demonstration oder politische, religiöse oder rassistische Propaganda an den olympischen Stätten, Austragungsorten oder in anderen olympischen Bereichen ist untersagt.“ Ein Blick in die Geschichte aber zeigt, dass das moderne Olympia selten unpolitisch war.

Als der Ire Peter O’Connor bei den „Olympischen Zwischenspielen“ 1906 in Athen Silber gewann, wollte er verhindern, dass die britische Fahne für ihn gehisst wird. Er schwenkte die Fahne Irlands und demonstrierte für die Unabhängigkeit seines Landes. Die Idee des individuellen Sportlerprotests war geboren.

Nach dem Ersten Weltkrieg durften die Verliererstaaten Deutschland, Österreich, Ungarn, Bulgarien und die Türkei nicht an den Wettkämpfen in Antwerpen 1920 teilnehmen. Erst 1928 wurde Deutschland in die olympische Familie zurückgeholt. Im selben Jahr erlebte die Bewegung ihren ersten kleinen Boykott. Die Sowjetunion sagte ihre Teilnahme an den Spielen ab und gründete mit der Spartakiade kommunistische Gegenspiele. Erst 1952 trat die UdSSR erstmals bei Olympia an.

Wie sehr Staaten im Allgemeinen und politische Führer im Speziellen die olympische Bühne als Teil der Selbstinszenierung nutzen können, bewiesen die Spiele in Berlin 1936. Adolf Hitler wollte der Weltöffentlichkeit demonstrieren, wie modern, weltoffen und tolerant das nationalsozialistische Deutschland entgegen allen Vorurteilen doch ist. Innenpolitisch erhoffte er sich, dass sich die Bevölkerung stärker mit dem Regime identifiziert. Hitler nutzte die Spiele erfolgreich und systematisch für seine Propaganda. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieben Politik und Sport einander verbunden. Ab 1964 nahm das IOC politischen Einfluss auf Südafrika: Die obersten Olympioniken schlossen den Apartheidsstaat von allen Wettbewerben aus.

Im Jahr 1956 kam es zum ersten größeren Boykott. Weil die Sowjetunion den Volksaufstand in Ungarn gewaltsam niedergeschlagen hatte, lehnten westliche Staaten wie Spanien, die Niederlande oder die Schweiz eine Teilnahme ab. Als Ungarn und die Sowjetunion im Olympiahalbfinale im Wasserball aufeinandertrafen, spielte der Volksaufstand mit. Die Partie wurde mit einer solchen Härte geführt, dass sie als „Blutbad von Melbourne“ in die Sportgeschichte einging.

Wechselspiel von Sport und Politik

Den berühmtesten individuellen Protest von Sportlern bei Olympischen Spielen konnte die Welt 1968 in Mexico City beobachten. Die beiden US-amerikanischen 200-Meter-Läufer Tommie Smith und John Carlos - Gold- und Bronzemedaillengewinner - reckten während der Siegerehrung ihre Fäuste in die Luft und demonstrierten mit diesem Black-Power-Symbol gegen Rassismus in den USA. Dass sie die Grenze zwischen Sport und Politik überschritten, mussten die beiden teuer bezahlen. Noch am selben Tag wurden sie aus der Olympiamannschaft ausgeschlossen und aus dem Nationalkader verbannt.

1972 kam der Terror. In München nahmen Angehörige der palästinensischen Organisation „Schwarzer September“ elf Mitglieder des israelischen Olympiateams als Geiseln. Die Geiselnahme endete blutig, 17 Menschen - darunter alle Geiseln - wurden getötet. Eine ganz neue Dimension der politischen Auseinandersetzung hatte die Olympischen Spiele erreicht. Doch die Spiele gingen weiter.

1976 begann die Boykott-Trilogie von Montreal, Moskau und Los Angeles. In Montreal nahmen 20 Teams nicht teil, weil die neuseeländische Rugbynationalmannschaft kurz zuvor den Ausschluss Südafrikas aus allen Sportveranstaltungen ignoriert hatte und gegen den Apartheidsstaat angetreten war. 1980 verzichteten die USA und in ihrem Gefolge rund 40 Staaten auf die Teilnahme in Moskau, weil die Sowjetunion kurz zuvor in Afghanistan einmarschiert war. Die Retourkutsche der UdSSR und fast aller „Ostblockstaaten“ folgte 1984 in Los Angeles. Seitdem ist es etwas ruhiger im Spannungsfeld zwischen Olympia und Politik geworden - auch wenn während des Fackellaufs im Vorfeld der Spiele 2008 in Peking massiv gegen Menschenrechtsverletzungen in China und die Tibetpolitik des kommunistischen Regimes protestiert wurde.

Blickt man auf die Geschichte der Spiele, fallen also verschiedene Formen des Wechselspiels von Politik und Sport auf: Erstens nutzen Staaten und Politiker die Olympische Bühne, um sich - vor allem als Gastgeber - im Glanz der fünf Ringe zu präsentieren und vereinzelt auch um über Menschenrechtsverletzungen, Repressalien und staatlichen Terror hinwegzutäuschen. Zweitens können Staaten die Spiele boykottieren, um gegen andere Staaten zu protestieren. Olympia wird zum Ort zwischenstaatlicher Auseinandersetzung. Drittens äußern Sportler individuellen Protest. Und viertens wissen Terroristen um den öffentlichkeitswirksamen Effekt, den ein Anschlag bei Olympia hat.

Angst vor Terror

In Sotschi nun ist es nicht unwahrscheinlich, dass zumindest drei der vier Formen mehr oder weniger stark in den Fokus rücken. Nur ein staatlicher Boykott kann wohl ausgeschlossen werden - auch wenn einzelne Politiker wie Bundespräsident Gauck und Frankreichs Staatspräsident François Hollande ihre Teilnahme abgesagt haben. Dass Wladimir Putin Olympia 2014 als „seine“ Spiele versteht und sie für seine Selbstinszenierung nutzt, steht dagegen außer Frage.

Spannend ist die Frage, ob und wie Sportler Zeichen etwa gegen die Verfolgung Homosexueller in Putins Russland setzen wollen. Dass es immer noch Athleten gibt, die das Stadion als Protestbühne nutzen, hat die Leichtathletik-WM in Moskau im vergangenen August gezeigt: Bei der Siegerehrung für die 4x400-Meter-Staffel im Luschniki-Stadion küssten sich die Russinnen Tatjana Firowa und Xenija Ryschowa aus Protest gegen das umstrittene neue Anti-Homosexuellen-Gesetz provokativ auf den Mund. Der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper, hält Proteste von Sportlern jedenfalls für legitim. „Es gibt keinerlei Restriktionen für Sportler, sich politisch zu äußern“, sagte Vesper vor Kurzem im Interview mit der HAZ. In Sotschi sollen politische Demonstrationen allerdings ausschließlich in besonderen Protestzonen möglich sein.

Vor allem aber ist die Angst groß, dass ähnlich wie 1972 in München Terroranschläge Olympia überschatten könnten. Spätestens nach den drei Anschlägen von Wolgograd mit 41 Toten und den Drohungen von Islamisten, die Spiele am Schwarzen Meer zu attackieren, fürchten Funktionäre und Sportler Terrorangriffe. „Natürlich fahren wir mit einem mulmigen Gefühl nach Sotschi“, sagte Bob-Bundestrainer Christoph Langen der „FAZ“. Das Auswärtige Amt hat Besuchern empfohlen, „Demonstrationen und größere Menschenansammlungen“ zu meiden. Es gebe, so das Ministerium weiter, konkrete Anschlagsdrohungen extremistischer russischer Gruppierungen gegen die Spiele.

Terrorgefahr, Verletzung von Menschenrechten, Selbstinszenierung eines Staatschefs - in Sotschi kommt alles zusammen. Die XXII. Olympischen Winterspiele könnten die politischsten Spiele seit Langem werden.

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