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Sotschi 2014 Pechstein im Tal der Tränen
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17:14 09.02.2014
Claudia Pechstein ging zu schnell an und landete am Ende nur auf Rang vier. Quelle: dpa
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Sotschi

Sie hatte alles gegeben und stand am Ende doch mit leeren Händen da. „Die Holzmedaille ist immer scheiße“, kommentierte Eisschnellläuferin Claudia Pechstein gestern ihren vierten Platz über 3000 Meter bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi unmissverständlich. Nach 4:05,26 Minuten fehlten der fast 42-jährigen Berlinerin am Ende 1,79 Sekunden zur ersehnten zehnten olympischen Medaille. Diese schnappten ihr die Niederländerin Irene Wüst (4:00,34) mit Gold, die entthronte Titelverteidigerin Martina Sablikowa (4:01,95) aus Tschechien mit Silber und die Überraschungsdritte Olga Graf (4:03,47) aus Russland weg.

Völlig ausgepumpt musste sich Claudia Pechstein nach den siebeneinhalb Runden auf dem „schweren“ Eis minutenlang im Innenraum auf eine Bank legen. „Ich glaube, jeder hat gesehen, dass ich alles gegeben habe. Der vierte Platz bei Olympia ist einfach doof“, sagte sie später und musste ihr Statement vor der Presse unterbrechen, weil ihr die Tränen kamen. Nach einer kurzen Pause stellte sie sich erneut den Fragen, war aber genauso enttäuscht wie vorher. „Ich habe einfach nicht meinen Rhythmus gefunden“, suchte die fünfmalige Olympiasiegerin nach einer Erklärung. Dabei hatte sie bei Halbzeit noch auf Medaillenkurs gelegen, doch dann schwanden ihr nach dem schnellen Angang die Kräfte. Ihre große Stärke, das Gleichmaß, konnte sie diesmal nicht ausspielen.

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Nachdem die Russin Olga Graf – lautstark angefeuert von ihren Landsleuten unter den 6000 Zuschauern in der gut gefüllten Adler-Arena – mit einem unerwartet starken Auftritt vorgelegt hatte und die Favoritinnen Wüst sowie Sablikowa noch folgten, gab es für die Polizistin nur eins: Hop oder top. Das Risiko zahlte sich für die Grande Dame des Eisschnelllaufs nicht aus. „Ich wusste schon gleich nach dem Rennen, dass es nicht reichen wird“, gestand Claudia Pechstein. Lebenspartner und Mentaltrainer Matthias Große, der sich von der Zuschauertribüne aus während des Rennens immer wieder lautstark ins Zeug legte, musste danach die Frau an seiner Seite immer wieder trösten. „Die Olga hat den Lauf ihres Lebens gemacht“, anerkannte die unterlegene Deutsche den Auftritt der 30-jährigen Russin, die ihre erste große internationale Medaille gewann.

Dass Claudia Pechstein bei ihrem olympischen Comeback statt auf dem Podest im Tal der Tränen landete, brachte das Fass an Entbehrungen und Leiden in den vergangenen Jahren emotional wieder zum Überlaufen. 2009 war sie per indirektem Beweis ohne positiven Dopingbefund als erste Athletin überhaupt für zwei Jahre gesperrt worden. Die Beschuldigte indes beruft sich auf eine vom Vater vererbte Blutanomalie. Im Februar 2011 kehrte sie zurück und kämpft seitdem um ihre Rehabilitierung. Während das gerichtliche Verfahren auf Schadenersatz in Höhe von rund vier Millionen Euro gegen den Weltverband ISU noch aussteht, konnte sie sich sportlich trotz oder gerade wegen der „Holzmedaille“ gestern in Sotschi längst wieder in der Weltspitze  zurückmelden. In dieser Saison war ihr sogar ein Weltcupsieg gelungen. Das nährte die Hoffnungen auf einen Podiumsplatz bei Olympia. Claudia Pechstein bekannte: „Natürlich kann sich das Ergebnis sehen lassen. Aber es wäre ja auch schlimm, wenn ich mich über den vierten Platz nicht auch ärgern würde. Das versteht wohl jeder.“

Bente Kraus, die als Elfte zweitbeste Deutsche noch vor der Olympia-Zweiten von 2010 Stephanie Beckert (Erfurt) als 17. wurde, zeigte Mitleid. Die 24-jährige Berlinerin meinte: „Claudia ist eine Gleiterin. Das kam ihr auf dem schweren Eis hier nicht entgegen. Aber es haben sich alle schwergetan. Der vierte Platz ist wirklich bitter. Dennoch wird das ein Sprungbrett für die 5000 Meter sein.“ Am 19. Februar, drei Tage vor ihrem 42. Geburtstag, hat Claudia Pechstein eine zweite Chance, sich doch noch den Traum von der zehnten Olympia-Medaille zu erfüllen. „Ich weiß jetzt, dass ich mich über 5000 Meter nicht zu verstecken brauche.“ Denn kämpfen kann sie, das hat sie gerade in den letzten Jahren und auch gestern bewiesen.

 Peter Stein

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