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WM 2010 Afrikaner erhoffen sich besseres Image von Weltmeisterschaft
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22:05 27.05.2010
Unüberhörbar – und unübersehbar in den Farben der „Regenbogennation“ Südafrika: Fans mit den ohrenbetäubenden Vuvuzela-Trompeten vor dem „Soccer City Stadium“ in Soweto, wo am 11. Juni die Spiele starten. Quelle: afp
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Jeden Freitag lässt Amu Nkwinika die Bluse im Schrank. Statt­dessen streift sie sich, wie Tausende ihrer Landsleute auch, das goldfarbene Trikot der Bafana Bafana über, der südafrikanischen Fußballnationalelf. Politiker, Manager, Piloten, Lehrer und Busfahrer – sie alle tragen seit ein paar Wochen jeden Freitag das nationale Jersey, um ihren Kickern zu zeigen, dass Südafrika zur Fußball-WM geschlossen hinter seinem Team steht. Die Bafanas können den Zuspruch brauchen: Nach einer Reihe grottenschlechter Spiele sind sie inzwischen auf Rang 83 der FIFA-Weltrangliste abgerutscht – und krasse Außenseiter. Die Hoffnungen, die sich mit dem Team der Gastgeber und der WM im eigenen Land verbinden, sind dennoch riesengroß. Alle Probleme soll das Fußballfest auf einmal lösen; die Kriminalität und Armut, die krassen sozialen Unterschiede, die hohe Arbeitslosigkeit und am besten auch gleich noch die Aids-Epidemie.

Wie fast alle Südafrikaner ist auch Nkwinika mächtig stolz, dass in rund zwei Wochen die ganze Welt auf den Süden Afrikas schaut. „Stolz, aber auch etwas ängstlich“, wie sie sagt, weil ja niemand wisse, was das Land genau erwarte. Schließlich hat es ein Event von der Größe einer Fußball-WM in Afrika noch nicht gegeben. „Ich kann noch immer nicht glauben, dass Superstars wie Lionel Messi oder Didier Drogba wirklich zu uns kommen“ sagt Nkwinika, die für den Fußballklub Platinum Stars in Rustenburg arbeitet. „Ich hoffe nur, dass wir die Welt nicht enttäuschen werden und gute Gastgeber sind.“

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Zumindest um die Stimmung im Land braucht sie sich nicht mehr zu sorgen: Es hat etwas gedauert, aber die knallgelben Trikots mit den grünen Streifen und die südafrikanischen Flaggen, die inzwischen aus vielen Autofenstern wehen, lassen erahnen, dass die WM in den Herzen der Menschen am Kap angelangt ist. Trotz der weltweiten Wirtschaftskrise, trotz Besucherzahlen, die weit hinter den Erwartungen liegen, und trotz der kommerziellen Tyrannei der FIFA, die ihre Markenrechte gnadenlos verteidigt, wartet ein ganzes Land voller Ungeduld auf den Anpfiff des größten Sportereignisses in der Geschichte des schwarzen Kontinents.

4000 Fahnen flattern bereits am M1-Highway, der von Johannesburg in die nahegelegene Hauptstadt Pretoria führt – und ein paar weniger, aber umso stolzer, in der Mojalefa Street von Soweto, der berühmten Township im Südwesten des Industriemolochs Johannesburg. Jedes einzelne der 46 kleinen Häuser in dieser Straße ist inzwischen mit zwei Fahnen beflaggt – einer südafrikanischen auf dem Dach und einer von den 31 Teilnehmernationen vorne an der Pforte. „Wir wollten der Welt einfach nur zeigen, wie sehr wir uns auf sie freuen“, sagt George Mokobane, der die Idee zu der Aktion hatte. Vergangenes Wochenende fegten die Bewohner erst den Gehsteig der Straße und zogen dann die Fahnen auf den Besenstiel, weil Masten zu teuer sind – oft ohne zu wissen, welche Flagge sie gerade hissten. Elizabeth Maatie kramt auf Nachfrage eine Quittung aus der Tasche, auf der Slowenien steht. „Meine Flagge ist Slo-ve-ni-a“, buchstabiert sie langsam und sichtlich ahnungslos, wo dieses exotische Land wohl liegt.

Die gleiche Vorfreude versprüht auch Soccer City, das gigantische Stadion mit seinen fast 100.000 Plätzen, wo am 11. Juni das Eröffnungsspiel zwischen Südafrika und Mexiko startet – und einen Monat später mit dem Finale alles zu Ende geht. Wie ein Puffer schiebt sich das in der Form einer Kalabasse, eines traditionellen afrikanischen Trinkgefäßes, erbaute Stadion zwischen die riesigen schwarzen Townships im Süden von Johannesburg und die alte City mit ihren Goldflözen und Fördertürmen.

Zwar wird auch hier an einigen Stellen noch kräftig gewerkelt. Doch handelt es sich um Feinarbeiten. Das Stadion selbst ist in seinem roten Design atemberaubend schön. Hier hielt Nelson Mandela 1990 vor Zehntausenden die erste Massenkundgebung nach seiner Freilassung aus 27 Jahren Haft – und viele hoffen, dass der 91-Jährige, obwohl inzwischen reichlich gebrechlich, das Eröffnungsspiel seiner Bafanas in zwei Wochen besuchen und mit der ihm zugetrauten Magie für Südafrika entscheiden wird. In gewisser Weise ist Soccer City die in Stahl und Beton gemeißelte Erklärung, dass sich Südafrika mit den Ausrichtern früherer Turniere messen kann. Denn mit Kapstadt und Durban hat das Land nunmehr drei Stadien, die den Vergleich mit keiner anderen Arena in der Welt scheuen müssen.

Eigentlich gibt es also guten Grund zur Zufriedenheit. Wenn da nicht immer auch gleich das andere, bitterarme Südafrika um die Ecke wäre: Gleich neben Soccer City ist dies in Elkah das Stadion der Rockville Hungry Lions, das während der WM zum Fanpark umfunktioniert werden soll. Doch bis vor Kurzem noch wirkte die Anlage ungepflegt.

Ähnliches gilt für das große Stadion von Orlando, einem Stadtteil von Soweto, wo am Wochenende die beiden besten Rugbyteams des Landes ein Finalspiel austragen werden, weil die großen Stadien auf Geheiß der FIFA vor der WM ruhen sollen, „Erst jetzt, wo die weißen Rugbyfans ins Township kommen, setzt die Regierung alles in Bewegung, um das Stadion auf Vordermann zu bringen“, sagt Township-Bewohner Zolani Sigcawu. „Warum hat man aber in all den Jahren zuvor nichts für die Menschen getan, die um das Stadion herum leben? Warum passiert in Afrika immer erst dann etwas, wenn wir Südafrikaner Ausländer beeindrucken wollen?“

Es ist der typische Kontrast dieser WM auf afrikanischem Boden: auf der einen Seite ein sündhaft teures Weltklassestadion für 3,3 Milliarden Rand (330 Millionen Euro), gleich nebenan eine Brache, in die nicht einmal ein paar Cent gesteckt werden. „Wir haben uns immer wieder über die Vernachlässigung beschwert, aber es scheint niemanden zu kümmern“, klagt Mighty Motswene, Trainer der Rockville Hungry Lions. „Dabei haben sie uns vorher das Blaue vom Himmel versprochen.“ Stimmt ihn die WM deshalb bitter? „Nein, ich bin wirklich ganz heiß darauf“, sagt er. „Und wenn das Turnier dem Land auch noch etwas Rückenwind geben würde, wäre ich sehr glücklich.“

Ähnlich groß ist die Zustimmung im Style Joint, einer alten Fußballkneipe um die Ecke. „Die Leute werden hierher kommen und ein ganz neues Bild von Soweto und Südafrika mit nach Hause nehmen“, glaubt Siphiwe Madlala, der an einem ­Johannesburger College Public Relations studiert. Madlala weiß um den Nutzen für sein Land – wenn es ihm gelingt, sich werbewirksam zu verkaufen.

„Nation branding“ heißt dieses Ziel im Fachjargon, die Neudefinition der Marke Südafrika, vor allem im Dienste des Tourismus. „Wir wollen nicht mehr als ein vom Verbrechen geplagtes Land gelten, das zu zerfallen droht“, sagt auch Danny Jordaan, der Cheforganisator der WM, „sondern als erstklassiges Reiseland und Investitionsziel.“ Doch auch Jordaan weiß: Ein einziger schwerer Zwischenfall, und alle großen Hoffnungen wären zerstört – trotz der enormen Anstrengungen, die das Land unternommen hat, um das Turnier zu einem Erfolg zu machen.

Ein neues Image für Südafrika, ja für den ganzen Kontinent – es ist ein ehrgeiziges Ziel, und es gibt viele Gründe, den von Jordaan unaufhörlich zur Schau gestellten Optimismus zu hinterfragen. Doch wer Leidenschaft und Lebenslust der Menschen am Kap sieht, spürt, dass es hier, anders als in Deutschland vor vier Jahren, um mehr geht. „Wir haben mit der vielen Kritik und den Sorgen vor der Gewalt leben gelernt“, sagt Jordaan. „Seit wir uns beworben haben, ist das so gewesen. Es gibt viele Pessimisten, und das Gewalt­thema wird uns sicherlich bis zum Ende begleiten. Aber wir werden alles geben, um die Kassandras am Ende eines Besseren zu belehren.“

Wolfgang Drechsler

26.05.2010
26.05.2010
Björn Franz 25.05.2010