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WM 2010 Ballack tritt Heimreise an, um Reha-Behandlung fortzusetzen
Sportbuzzer Themen WM 2010 Ballack tritt Heimreise an, um Reha-Behandlung fortzusetzen
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12:25 06.07.2010
Hin- und hergerissen: Michael Ballack (rechts, neben Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff sitzend) staunt über die Leistungen seiner Kollegen bei der Weltmeisterschaft und ahnt, wie schwer sein Comeback in der deutschen Elf sein wird. Quelle: dpa
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Am Montagmittag, bei der Pressekonferenz im deutschen WM-Quartier in Erasmia, stand Michael Ballack noch mal exakt eine Frage im Mittelpunkt. Bastian Schweinsteiger, dem neuen Chefstrategen der Fußball-Nationalmannschaft, war die Frage nach dem verletzten Kapitän auf Südafrika-Besuch gestellt worden, und er antwortete kühl-diplomatisch zu Ballack: „Es ist schön, dass er hergekommen ist, um uns zu unterstützen. Aber er ist nicht so nah dran, und er lässt uns gewähren.“ Reporter, die den Satz aufschrieben, fragten beim Nebenmann sicherheitshalber nach, ob sie richtig hingehört hatten.

Am späten Nachmittag machte dann eine Pressemitteilung des Deutschen Fußball-Bundes die Runde, in der stand: „Michael Ballack hat am heutigen Montagnachmittag das deutsche WM-Quartier verlassen und den Heimflug angetreten. Auch auf Anraten von Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hat sich der 98-malige Nationalspieler dazu entschlossen, die Reha-Behandlung zu Hause fortzusetzen.“

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Es gibt keinen Grund, an Ballacks Beweggründen für seine überraschende Abreise zu zweifeln, obwohl geplant war, dass er länger in Südafrika bleibt und die Mannschaft am Dienstag begleitet, wenn sie nach Durban fliegt, wo morgen das WM-Halbfinale gegen Spanien ansteht. Nach seiner schweren Knöchelverletzung will er möglichst schnell fit werden, in Deutschland hat er dafür gewiss die besseren Möglichkeiten. „Für mich war es wichtig, die Mannschaft zu sehen. Ich muss aber jetzt auch an mich und meinen neuen Verein Bayer Leverkusen denken, den nächsten Schritt machen und schnell wieder fit werden.“

Ballack bleibt damit erspart, dass die Fernsehkameras ihn am Mittwoch in Durban bei einem deutschen Treffer – wie zuletzt in Kapstadt gegen Argentinien – auf der Tribüne in den Fokus rücken, um zu schauen, ob er sich auch richtig freut für die Mannschaft, die sich ohne ihn anschickt, Weltmeister zu werden.

Kein Spieler, erst recht nicht Bundestrainer Joachim Löw, hat sich in den vergangenen Wochen negativ über Ballack geäußert. Es hat im Grunde gar keiner über ihn in Südafrika geredet, und wenn doch, dann nur auf Nachfrage. Das allein ist bereits bemerkenswert. Als feststand, dass Ballack nach dem Foul von Kevin-Prince Boateng im englischen Pokalwettbewerb nicht bei der WM spielen kann, da hätten einige die deutsche Nationalmannschaft am liebsten vom Turnier abgemeldet. Ohne den Routinier Ballack, den einzigen Führungsspieler – keine Chance! So dachten viele. Nach sechs Wochen und fünf WM-Spielen fragen viele: Wer war noch mal Ballack?

Das ist natürlich ungerecht gegenüber einem Spieler, der in den vergangenen Jahren Deutschlands Bester war, der die Nationalmannschaft vor acht Jahren in Asien fast allein ins Finale geschossen hat. Doch bei der Europameisterschaft 2008 war zu beobachten, dass Ballack für einige Spieler, die seinen Tonfall kritisierten, auch eine Last sein kann, dass sie sich auf dem Platz neben ihm kleiner machten, als es gut für sie und die Elf war. Dass einer wie Schweinsteiger an der Seite von Ballack in Südafrika derart herausragend gespielt hätte wie jetzt ohne ihn, darf bezweifelt werden.

Um die Frage, ob die Mannschaft Ballack in Zukunft noch braucht – bei der EM 2012 wäre er 35 Jahre alt –, kommt im deutschen Team keiner herum. Ballack am allerwenigsten.

Aus Pretoria berichtet Heiko Rehberg