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WM 2010 David Villa mit hässlichem Ausraster
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16:19 22.06.2010
David Villa (r.) ließ sich zu einer Backpfeife gegen Emilio Izaguirre hinreißen. Quelle: ap
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„Mara-Villa“ mit Schönheitsfehlern und einem hässlichen Ausraster: Der wunderbare David Villa hat Spaniens Hoffnungen auf den ersten Titel-Triumph mit seinen beiden traumhaften Treffern gegen Honduras am Leben gehalten. Allerdings droht dem Hitzkopf wegen einer Tätlichkeit eine nachträgliche Sperre. „Durch den Sieg mit zwei Toren Unterschied haben wir es selbst in der Hand, Gruppenerster zu werden“, sagte das Stürmer-Schlitzohr nach dem 2:0 im Schongang vor der entscheidenden Abschlusspartie gegen Chile.

Villa España!“, bedankte sich das Fachblatt „El Mundo Deportivo“ beim EM-Torschützenkönig, der nun auch bei der Fußball-WM in Schuss kommt. „ABC“ brachte es auf den Punkt: „Villa hält uns am Leben.“ Allerdings ist gut möglich, dass Spanien am Freitag auf dessen Schusskünste verzichten muss. Nach Villas Backpfeife gegen Emilio Izaguirre ist damit zu rechnen, dass die Disziplinarkommission des Fußball-Weltverbands den Fall untersucht und den Sünder nachträglich sanktioniert. „Wir müssen den Bericht abwarten. Wir können nicht spekulieren. Im Moment gibt es keine Ermittlungen“, ließ FIFA- Sprecher Pekka Odriozola am Dienstag in Johannesburg offen, ob eventuell TV-Beweise für eine Nachverhandlung herangezogen werden.

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Der (Pflicht)-Sieg gegen die völlig überforderten Mittelamerikaner war zwar der erhoffte große Befreiungsschlag, aber wie schon beim 0:1-Schock gegen die Schweiz blieb das hoch gehandelte spanische Star-Ensemble den Beweis schuld, WM-Favorit zu sein. Beim kunstvollen „Tiki-Taka“ überzeugten Xavi & Co wie immer, aber im Abschluss zeigten sie erneut erschreckende Schwächen und versäumten leichtfertig ein Schützenfest, was Folgen haben könnte.

Nicht umsonst setzte es aus der Heimat teilweise heftige Kritik. „Das Spiel der Spanier beunruhigt mich. Wir sind auf keinem guten Wege. Wir müssen uns gegen Chile unbedingt steigern“, grantelte Ex- Nationaltrainer Luis Aragonés, mit dem die „selección“ 2008 den EM- Titel geholt hatte. „Spanien hatte skandalös viele Torchancen, die Zahl der Tore war aber nicht skandalös“, spottete „El País“ und „El Mundo“ bemängelte: „Viel Fußball und wenig Tore.“

Trotz aller Erleichterung über das verhinderte vorzeitige blamable Scheitern äußerten sich auch die Akteure selbstkritisch. „Wir haben nicht gut gespielt. Wir hätten viel höher gewinnen müssen, deshalb bin ich nicht komplett zufrieden. Wenn wir so weitermachen, werden wir gegen Chile leiden müssen“, warnte Trainer Vicente del Bosque vor einem Tiefschlag im entscheidenden letzten Gruppenspiel am Freitag. Keeper und Kapitän Iker Casillas sagte: „Das Spiel hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, weil wir aus all den Chancen, die wir herausgespielt haben, nur wenig Nutzen gezogen haben.“

Nicht nur Villa mit seinem verschossenen Strafstoß (62.), dem ersten vergebenen „Elfer“ in der WM-Gesichte Spaniens, auch der nach langer Verletzungspause seiner Bestform hinterher laufende Torjäger Fernando Torres gleich zweimal innerhalb einer Minute, der erstmals eingewechselte Cesc Fàbregas und etliche andere hätten locker das halbe Dutzend vollmachen können, ja müssen. Dieses leichtfertige Vergeben „hundertprozentiger“ Chancen könnte sich bitter rächen.

Wenn Spanien Spitzenreiter Chile schlägt, steht der Europameister zwar dank des dann besseren Torverhältnisses sicher im Achtelfinale, aber die Schweiz könnte im Fall eines klaren Siegs gegen Honduras noch an beiden vorbeiziehen und Gruppenerster werden. Im Fall eines Remis gegen die Südamerikaner wäre „la furia roja“ (die rote Furie) auf Honduras’ Schützenhilfe angewiesen, sonst bliebe in Südafrika nur noch massig Zeit für Safari-Sightseeing.

So weit wird es aber wohl nicht kommen, wenn Villa wieder himmlischen Beistand hat. „Meine Mutter und meine Familie haben mir Glück gebracht. Sie hatten am Sonntag zur Heiligen Jungfrau von Covadonga gebetet“, beichtete der gläubige „Knipser“, dass das Anflehen einer der wichtigsten Heiligen-Figuren in Spanien durch seine Angehörigen ihm zu alter Treffsicherheit (17. und 51.) verholfen habe.

Gnade vor einem irdischen Gericht könnte der gegen Honduras im doppelten Sinn schlagkräftige Stürmer auch im Fall eines sportjuristischen Nachspiels benötigen. „Das war ein Reflex“, verteidigte sich der Übeltäter kleinlaut. „Der gegnerische Spieler hatte mir einen Tritt gegeben. Da habe ich instinktiv den Arm hochgerissen. Ich sollte in solchen Situationen ruhiger bleiben.“ Während es in Deutschland einen Aufschrei gab, war Villas Fehlverhalten in Spanien kein Thema. Ex-Nationalspieler Christoph Metzelder sprach im Privatsender „Sky“ von einer Dummheit. Von der spanischen Presse verurteilte nur „El País“ die Aktion: „Villa hatte Glück gehabt, dass der Schiedsrichter seinen Schlag ins Gesicht eines Gegners nicht sah. Das ersparte ihm die Rote Karte.“

dpa