Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
WM 2010 Deutsche Spieler heben guten Mannschaftsgeist hervor
Sportbuzzer Themen WM 2010 Deutsche Spieler heben guten Mannschaftsgeist hervor
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:52 28.06.2010
Von Heiko Rehberg
Jubel nach dem Erfolg gegen England. Quelle: dpa
Anzeige

Joachim Löw wusste, was am Tag nach dem berauschenden 4:1-Achtelfinalsieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen England kommen würde, deshalb hatte der Bundestrainer genug Zeit, sich zu wappnen. Kein Team hatte bei der Weltmeisterschaft in Südafrika vorher in einem wichtigen Spiel gegen einen großen Gegner eine derart starke Leistung geboten wie die Deutschen in Bloemfontein, da war die Favoritendiskussion gar nicht zu verhindern.

Der 1:0-Sieg im letzten Vorrundenspiel gegen Ghana hatte an der Willenskraft und dem spielerischen Potenzial dieser jungen deutschen Mannschaft keine Zweifel geweckt, sehr wohl aber an ihrer Nervenstärke und Reife für die entscheidenden Momente. Deutschland war in der Hitliste der Titelfavoriten aus dem Kreis der Topkandidaten herausgerutscht, seit Sonntagabend zählt Löws Team wieder fest dazu. Deutschland ein WM-Favorit? „Nein“, sagte Löw und betonte das sehr entschieden, „sicherlich nicht.“ Lästige Favoritendiskussion

Anzeige

Wer zu dem Thema etwas hören will, der muss sich vor dem nächsten Klassiker am Sonnabend in Kapstadt (16 Uhr) – dem Viertelfinale gegen Argentinien – woanders als bei Löw umhören. Seinen Nationalspielern hat er bis heute Abend um 23 Uhr freigegeben, und es ihnen überlassen, ob sie eine Safari machen, Tennis spielen, Shoppen gehen in Johannesburg, faulenzen, kuscheln mit Medienchef Harald Stenger (Spaß von Stürmer Miroslav Klose) oder sich mit Vater und Bruder im Mannschaftshotel in Erasmia zum Plaudern treffen wie Mittelfeldspieler Sami Khedira. Und dass gleich noch alle Öffentlichkeitstermine für heute gestrichen wurden, hat den Vorteil, dass die lästige Favoritendiskussion wenigstens für einen Tag unbeantwortet im Raum stehen bleibt wie ein Stürmer, der im Strafraum keine Bälle bekommt.

Dabei sind die deutschen Spieler mutiger, als das ihr Trainer sein darf. Einer wie Thomas Müller geht mit dem Titelthema unbefangen um wie in Bloemfontein mit den englischen Verteidigern: „Wir sind in Südafrika, um Weltmeister zu werden.“ Das Gute an einem wie Müller ist, dass ein solcher Satz aus seinem Mund nie prahlerisch oder großspurig oder arrogant klingt, sondern ganz einfach nur selbstbewusst.

Respekt vor Argentinien? Na klar, haben alle bei den Deutschen, auch Müller, der jedoch die Auffassung vertritt, „dass alles immer möglich ist“ und sagt: „Um den Titel zu holen, müssen wir eh alle putzen.“ Selbst Arne Friedrich, dem bei diesem WM-Turnier bislang über sich hinauswachsenden Verteidiger, rutschte im Überschwang nach dem England-Spiel ein Satz heraus, in dem das Wort „WM-Titel“ vorkam. Friedrich ist in dieser Hinsicht normalerweise vorsichtiger als Löw, doch er sagte: „Es ist doch unglaublich. Ich bin von einem Absteiger in eine Atmosphäre gekommen, wo es um den WM-Titel geht.“ Es war eine gelungene Überleitung zu dem, was die deutsche Mannschaft in Südafrika eigentlich auszeichnet. Vielleicht auch dazu, was sie besonders macht.

Grüße an Ballack

Friedrich hat sein erstes Länderspiel im August 2002 in Bulgarien (2:2) gemacht, der Sieg gegen England war Partie Nummer 76 im Deutschlandtrikot. Friedrich ist 31 und seit acht Jahren dabei, er kann vergleichen, weshalb seine Meinung Gewicht hat, wenn er sagt: „Einen solch guten Mannschaftsgeist hatten wir in meiner Zeit noch nie.“ Man kann daraus schöne Grüße an Michael Ballack oder Torsten Frings raushören, die ehemaligen Führungskräfte. Man kann den Satz aber einfach als Beschreibung eines Teams stehen lassen, das wunderbar harmoniert.

Miroslav Klose ist einer, der ein Umfeld braucht, das das Wohlfühlen erleichtert. Er hat nach dem Achtelfinale eine interessante Rechnung aufgemacht. „Wenn man sich die Engländer vom Papier her anschaut, dann sind sie besser“, sagt er. Aber das sei zweitrangig. „Wir waren im Achtelfinale als Mannschaft da“, sagt Klose, „bei den Engländern hatte ich nicht das Gefühl.“

Der sensible Stürmer gab einen Einblick in die Stimmung vor dem Spiel. „Wenn ich sehe, dass England 1966 den letzten Titel geholt hat und diese Spieler nach so langer Zeit die nächste Chance haben, dann habe ich mir vorgestellt: Die kommen bestimmt mit dem Messer zwischen den Zähnen aus der Kabine“, sagt Klose. Nach sieben Minuten, erzählte er, habe er gewusst, dass diese Vorstellung falsch war. Bei England muckelte jeder Spieler vor sich hin oder versuchte mit Einzelaktionen zu glänzen wie Steven Gerrard oder Wayne Rooney.

„Bei uns versucht nicht jeder, sein eigenes Ding zu machen“, sagt Khedira. Er unterstützte uneigennützig Bastian Schweinsteiger, Friedrich verhalf dem Abwehrpartner Per Mertesacker wieder zu einer stabileren Leistung, und alle halfen Klose, der in der Vorrunde gegen Serbien (0:1) mit seinem Übereifer und der Gelb-Roten Karte die Mannschaft geschwächt hatte. Der WM-Ball vor vier Jahren hieß „Teamgeist“, die deutsche Mannschaft besitzt genau das. Klose erzählte übrigens noch, dass er finde, dass Argentinien vom Papier her besser ist. Wie England.

29.06.2010
28.06.2010
28.06.2010