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WM 2010 Die erfolgreiche "Multikultitruppe" Fußballnationalmannschaft
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23:22 17.06.2010
Von Heiko Rehberg
Erfolgreiches Duo: Özil und Cacau. Quelle: afp
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Das Fußball-WM-Endspiel vor acht Jahren hat Claudemir Jeronimo Baretto noch gut in Erinnerung. Deutschland spielte damals im japanischen Yokohama gegen Brasilien und verlor mit 0:2, Baretto bejubelte die beiden Tore der Südamerikaner. „Na klar, ich habe damals die Daumen für Brasilien gedrückt“, sagt der Mann, den in Deutschland alle nur unter seinem Künstlernamen „Cacau“ kennen und der auch hinten in Großbuchstaben auf seinem Trikot steht. Es ist nicht das gelbe Trikot der „Selecao“, sondern das weiße Trikot der deutschen Nationalmannschaft.

Seit dem 2. Februar 2009 besitzt Cacau einen deutschen Pass, ausgestellt im Landratsamt Waiblingen. Vier Monate später, beim 1:1 in Schanghai gegen China, stürmte er erstmals mit dem Bundesadler auf der Brust. Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika kann es passieren, dass Cacau gegen sein Heimatland spielen muss, dessen Titelgewinn er vor acht Jahren bejubelt hat. Wenn Brasilien diesmal gewinnt, werden auch Cacaus Verwandte in Santo Andre, einer Vorstadt von Sao Paulo, traurig sein. „Natürlich wollen sie, dass ich Weltmeister werde“, sagt der 29-Jährige, „seit ich für Deutschland spiele, hat die Nationalelf in Brasilien eine kleine Fangemeinde.“ Der gebürtige Brasilianer Cacau schießt das Siegestor für Deutschland gegen Brasilien – das wäre nicht nur eine wunderschöne Fußballgeschichte.

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Mit „Herr Cacau“ wird er im schwäbischen Remstal von den Menschen morgens beim Bäcker begrüßt. Herr Cacau, in Südafrika Torschütze zum 4:0-Endstand im ersten WM-Spiel gegen Australien, steht für das neue Fußball-Deutschland, in dem viele Kulturen für mehr Spielkultur sorgen. Wenn heute in Port Elizabeth Deutschland auf Serbien trifft, dann wird erneut eine „Multikultitruppe“ auflaufen. Das Wort stammt von Bundestrainer Joachim Löw.

Cacau, der auf seine Einwechselung hofft, ist nicht der einzige deutsche Spieler mit Migrationshintergrund. Insgesamt zehn Spieler aus dem 23-köpfigen Aufgebot sind nicht in Deutschland geboren oder haben ausländische Wurzeln, und dass viele Fußballfans das bei dem einen oder anderen Spieler gar nicht wissen, spricht für die Selbstverständlichkeit, mit der ein in der Gesellschaft oft schwieriger Integrationsprozess durch den Fußball beschleunigt wird. Miroslav Klose, Lukas Podolski und Piotr Trochowski sind alle in Polen geboren, der kleine Dribbler Marko Marin kam vor 21 Jahren in Bosanska Gradiska im damaligen Jugoslawien zur Welt. Mesut Özil, der in Südafrika zu einem Weltstar werden könnte, und Verteidiger Serdar Tasci haben türkische Eltern. Mario Gomez besitzt die deutsche und die spanische Staatsangehörigkeit. Sami Khediras Vater stammt aus Tunesien, er kam vor 25 Jahren nach Deutschland, ohne Schulabschluss, ohne Berufsausbildung. „Aber er hat es geschafft“, sagt sein Sohn, der selbst vor einer großen Fußballzukunft steht.

Dennis Aogos Vater ist Nigerianer. Jerome Boateng wuchs als Kind einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters im Berliner Stadtteil Charlottenburg auf, auf seinem linken Oberarm hat er ein Tatoo vom afrikanischen Kontinent, in dessen Umrisse Ghana geschrieben steht. Boatengs WM-Geschichte ist noch kurioser als die seines Nationalmannschaftskollegen Cacau. Boatengs Halbbruder Kevin-Prince, der durch sein Foul an Michael Ballack in Deutschland eine zweifelhafte Berühmtheit erlangt hat, spielt für Ghana. Am kommenden Mittwoch treffen die beiden Brüder mit ihren Nationalmannschaften in Johannesburg aufeinander.

Jerome Boateng sagt, dass er gerne ghanaische Musik hört, „weil die Fröhlichkeit vermittelt. Und ich habe auch zehn, 15 ghanaische Freunde. Trotzdem war mir früh klar, dass ich für Deutschland spielen wollte. Schließlich bin hier aufgewachsen, mag die Menschen, das Land und die Mentalität.“ Bundestrainer Löw hat in diesen Tagen in Südafrika erzählt, wie interessant er es findet, Cacau, Özil, Khedria, Boateng und all die anderen Spieler mit „anderen Wurzeln“ zu beobachten. „Sie identifizieren sich stark mit dem Adler auf der Brust und mit der Nation“, sagt Löw, „sie sind mit Haut und Haaren für Deutschland.“ Der Bundestrainer hat von der Integration dieser Spieler profitiert, Deutschland, sagt Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm, spielt in Südafrika „nicht typisch deutsch“. Das ist ein schöner Satz. Profis wie der Bremer Özil oder der Stuttgarter Cacau hätten eine große Spielfreude in die Mannschaft gebracht, sagt Löw. „Außerdem finde ich es interessant, verschiedene Mentalitäten in einer Mannschaft zu haben.“

Einer wie Özil gehört bei der WM zu Löws Hoffnungsträgern. Er ist aber auch jemand, der anderen Zuwanderern in der Gesellschaft ein Vorbild sein kann. „Die Auftritte der Jungs geben unserer Arbeit einen unheimlichen Schub“, sagt Gül Keskinler, die Integrationsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). „Löws Jungs“ helfen bei der Identitätsentwicklung der 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Etwa ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in den Ballungsräumen der großen Städte haben eine ähnliche Geschichte wie Özil oder Tasci oder Khedria. „Fußball ist die Sportart Nummer eins“, sagt Keskinler, „die Jungen erhalten durch sie eine schnellere Anerkennung.“ Im deutschen Fernsehen war in den vergangenen WM-Tagen wieder ein Werbespot zu sehen, den Sönke Wortmanns Firma „Little Shark Entertainment“ für den DFB gedreht hat. Der Film ist schon etwas älter, und der Verband betont gerne, dass es die Spieler waren, die den Anstoß zu ihm gegeben haben, um das Integrationspotenzial des Fußballs herauszustellen.

Doch der Film ist in diesen Tagen aktueller denn je. Er spielt irgendwo in Deutschland, auf einer Terrasse steht ein Grill, auf dem Würstchen und Shish Khebab einträchtig nebeneinander liegen, eine Frau bringt Kartoffelsalat mit. Ein türkischer Mann kommt mit seiner Kopftuch tragenden Frau durch die Gartenpforte, eine dunkelhäutige Frau sitzt lachend in einer Gartenschaukel. Dann ruft jemand: „Kommt, schnell, das Spiel fängt an.“ Dann versammelt sich die bunte Gemeinschaft vorm Fernsehgerät, auf dem gerade die deutsche Mannschaft bei der Nationalhymne zu sehen ist. „Was haben diese Frauen und Männer gemeinsam?“, fragt eine Stimme aus dem Hintergrund – und antwortet: „Ihre Kinder spielen in der deutschen Nationalmannschaft.“ Zwei der „Schauspieler“ stammen übrigens aus Pattensen. Es sind Bärbel und Stefan Mertesacker, die Eltern von Nationalverteidiger Per Mertesacker, der heute dafür sorgen will, dass Deutschland in Südafrika ohne Gegentor bleibt.

Per Mertesacker aus Pattensen wird heute in Port Elizabeth den Ball zu Sami Khedira spielen, dessen Vater Tunesier ist, aus dessen Vorlage wird dann vielleicht der eingewechselte Cacau, geboren in Brasilien, das Siegtor machen. Draußen am Spielfeldrand wird der Schwabe Löw applaudieren, der neulich im deutschen WM-Quartier in Erasmia die Frage eines ausländischen Reporters zum „Multikulti“-Thema bemerkenswert beantwortete: „Wissen Sie, eigentlich ist das bei uns längst kein Thema mehr.“