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WM 2010 Franz Beckenbauer nimmt das Heft in die Hand
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19:35 09.06.2010
Von Heiko Rehberg
Im Mittelpunkt: Franz Beckenbauer lässt auf der Pressekonferenz der deutschen Fußball-Nationalelf selbst Bundestrainer Joachim Löw (links) zum Statisten werden. Quelle: dpa
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Es war der Tag der Überraschungsgäste im deutschen WM-Quartier in Südafrika. Edwin Moses aus den USA war gestern da, der weltbeste Läufer über 400 Meter Hürden in den siebziger und achtziger Jahren. Er kam gemeinsam mit Franz Beckenbauer, dem deutschen Fußball-Kaiser, geschrieben ohne Anführungszeichen, wie sich das gehört. Nach ein paar Minuten kam Joachim Löw dazu, der deutsche Bundestrainer. Er war also ein illustres Trio, das dort oben auf dem Podium in der alten Lagerhalle des Hotels „Velmore Grande“ in Erasmia saß, die während der Weltmeisterschaft der fensterlose Pressekonferenzsaal der deutschen Nationalmannschaft ist.

Moses, Beckenbauer, Löw – jeder der drei bietet Stoff für reichlich Geschichten. Moses, die Leichtathletiklegende; Beckenbauer, der als Spieler, Teamchef und Organisator Weltmeister war; Löw, für dessen Mannschaft am Sonntag gegen Australien die WM beginnt. Es hätte spannend werden können, darauf zu wetten, auf wen sich die mehr als 200 Reporter stürzen werden, wer die meisten Fragen bekommt, doch bereits nach 20 Minuten war das alles geklärt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Franz Beckenbauer nach selbst auferlegter Zurückhaltung zu Beginn das Heft in die Hand genommen und eine Einmannschau begonnen, in der Löw zum Stichwortgeber wurde und Moses nach einem anfänglichen Werbebeitrag schnell aus dem Rennen war.

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Selbst der Bundestrainer, gut gelaunt und ebenfalls wortgewandt, hatte gegen den Alleinunterhalter Beckenbauer keine Chance. „Entschuldige, Joachim, dass ich ein bisschen aushole“, sagte Beckenbauer bei einer Antwort zu Löw, der schnell die Spielregeln akzeptierte, auch wenn er vermutlich erst heute beim Lesen der Zeitungen merken dürfte, was ihm sein Sitznachbar da gestern in den WM-Rucksack gemogelt hatte. Beckenbauer machte die deutsche Nationalmannschaft zum Mitfavoriten in Südafrika: „Sie ist stark genug, das Halbfinale zu erreichen. Und wenn sie das schafft, ist alles möglich.“ Fast beiläufig erwähnte Beckenbauer kurz die starken Spanier und Brasilianer, aber „eine übermächtige Mannschaft sehe ich nicht. Wie hat Helmut Schön früher immer gesagt: Die anderen müssen uns erst einmal schlagen.“

Beckenbauer war immerhin so freundlich, Löw und dessen Team ein paar Unwägbarkeiten zuzugestehen, die einem Halbfinaleinzug und noch größeren Taten im Weg stehen könnten. Den dazu passenden Satz gibt es im bayerischen Original, damit er seine Wirkung besser entfalten kann: „A bisserl a Glück brauchst a“, sagte Beckenbauer.

Einmal in Schwung gekommen, war Beckenbauer nicht mehr zu stoppen, immer wieder streute er zu völlig unterschiedlichen Themen ein paar Bonmots ein, einige von fast philosophischem Charakter wie seine Bemerkung, dass „Fußball kein Schachspiel ist“ und „die Welt mit allen Verrücktheiten viel zu ernst geworden ist“. Beckenbauer hatte sich zumindest in dieser Stunde in Erasmia entschieden, dagegen etwas zu tun.

Als jemand die Frage platzierte, wie er es denn finde, dass mehrere deutsche Profis die Nationalhymne nicht mitsingen und ob das vielleicht mit den mangelnden Gesangskünsten der Spieler zu tun habe, war der Höhepunkt des Mittags in Südafrika erreicht. „Die Hymne werden sie wohl noch zusammenkriegen“, sagte Beckenbauer, „aber einer bohrt in der Nase, der andere kaut Kaugummi, der nächste schaut zur Seite. Das ist nicht gut für die Optik. Mir ist es früher leichter gefallen, mich auf ein Spiel einzustimmen, wenn man mitsingt.“

Schaun mer mal am Sonntag gegen Australien, ob Löw seinen Spielern Beckenbauers Ratschlag weitergegeben hat.