Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
WM 2010 Löw: „Wir werden andere Prüfsteine bekommen"
Sportbuzzer Themen WM 2010 Löw: „Wir werden andere Prüfsteine bekommen"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:18 15.06.2010
Von Heiko Rehberg
Gemeinsam stark: Lukas Podolski (r.) und Cacau freuen sich über den deutschen Sieg. Quelle: afp
Anzeige

Erst morgens um 3.30 Uhr waren Joachim Löw und seine Spieler aus Durban in ihr WM-Quartier in Erasmia zurückgekehrt, als Belohnung genehmigten sie sich einen ungewohnten Luxus: Ausschlafen bis 10 Uhr! Selbst Löw erlaubte sich eine kleine Nachlässigkeit: Eigentlich wollte er bereits morgens noch einmal das Spiel anschauen, das in der Heimat 28 Millionen Menschen vor die Bildschirme gelockt und auf Fanfesten überall im Land Zehntausende begeistert hatte. Doch Löw verschob das „Wiederholungsspiel“ auf den Nachmittag. Auch ein Bundestrainer muss mal regenerieren.

Löw weiß, dass ihm die Art und Weise des Sieges gegen Australien ein Problem beschert hat, das er als Trainer nicht wie sonst mit ein paar taktischen Kniffen einfach lösen kann. Die spielerische Leichtigkeit des Sieges und der Spaß am Kombinationsspiel haben zum einen die Fußballfans, die die junge Mannschaft bis dahin gar nicht auf dem WM-Plan hatten, aufmerksam gemacht; automatisch ist das immer mit einer Erwartungshaltung verbunden, die schnell unrealistisch werden kann. Andererseits ahnt nun die eigentlich stärker eingeschätzte Konkurrenz aus Argentinien, Brasilien oder Spanien, dass man auf diese deutsche Mannschaft mehr als einen Seitenblick haben muss. Wer genauer hinschaut, der entdeckt meistens Schwächen, die bei oberflächlicher Betrachtung verborgen geblieben wären. Löw kennt diese Schwachpunkte natürlich, am liebsten wäre ihm, dass sich künftige Gegner wie Serbien damit nicht allzu intensiv beschäftigen.

Anzeige

Fans dürfen ein 4:0 wie gegen Australien bis Freitag um 13.29 Uhr genießen, eine Mannschaft darf das nicht. Löw erzählte bereitwillig, dass „ich schon noch Dinge gesehen habe, die zu verbessern sind“. Die größte Gefahr liegt aber darin, vom ersten Spiel zu viel abzuleiten. „Wir wissen alle, dass Australien nicht das Maß aller Dinge ist“, sagte der 50-Jährige, „wir werden andere Prüfsteine bekommen. Bereits Serbien und Ghana haben andere Qualitäten. Wir müssen hochkonzentriert bleiben.“

Die Aufgabe des Bundestrainers besteht in den nächsten Tagen darin, die Balance herzustellen. Er muss Schwächen aufzeigen wie die vielen Querpässe in der Anfangsphase, die einen wie ihn immer besonders ärgern. Und er muss Vorkehrungen treffen für den Fall, dass das durch die gegen Australien gemeinsam mit Mesut Özil überragend spielenden Thomas Müller und Philipp Lahm sehr rechtslastige Spiel nicht ins Stocken gerät, wenn es ein Gegner schafft, diese Seite zu blockieren.

Umgekehrt ist Löw gut beraten, die Mannschaft in ihrem Sturm und Drang zu bestärken und sie weiter zu ermuntern, „den Ball zirkulieren zu lassen“, wie das in Löws Fußballkosmos heißt. Der unbekümmerte Müller gab den Reportern nach dem Schlusspfiff eine willkommene Steilvorlage, als er von „Louis-van-Löw-Fußball“ sprach, den die deutsche Mannschaft gegen Australien gezeigt habe. 50 Prozent vom Bundestrainer, die anderen 50 Prozent vom Bayern-Trainer van Gaal, beides in ein Glas und gut durchgerührt: Ist das die Erfolgsmischung in Südafrika?

Viel mit Müllers Fußballerfindung wusste Löw nicht anzufangen, auch wenn insgesamt sieben Münchener in seinem Aufgebot stehen und wenn ihn und van Gaal eint, dass sie die „Raumaufteilung als Basis für alles sehen“. Löw wies darauf hin, dass die Nationalmannschaft keine Flügelstürmer wie der FC Bayern habe, keinen Franck Ribery und keinen Arjen Robben. Umgekehrt haben die Münchener keinen wie Özil mit seinen überraschenden Richtungswechseln. Und mit einem wie Miroslav Klose, mit nun elf Treffern Deutschlands zweitbester WM-Torschütze hinter Gerd Müller (14), wusste Löws Kollege van Gaal bislang nichts anzufangen; Lukas Podolski, den ersten deutschen Torschützen in Südafrika, haben die Bayern schnell wieder ziehen lassen. Löw hat an beiden festgehalten, „weil ich weiß, was sie können und weil ich Vertrauen zu ihnen habe“.

Löw vertraut seinen Spielern, die wiederum vertrauen ihrem Trainer. Und zusammen trauen sie sich in Südafrika einiges zu.