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WM 2010 Löw bangt um Ballacks WM-Teilnahme
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12:02 17.05.2010
Von Stefan Knopf
Eine deutsche Nationalelf ohne Ballack, das ist wie die Deutsche Bahn ohne Verspätung. Irgendwie undenkbar.
Eine deutsche Nationalelf ohne Ballack, das ist wie die Deutsche Bahn ohne Verspätung. Irgendwie undenkbar. Quelle: ap
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Seine Pressekonferenzen hält der Deutsche Fußball-Bund auf dem weitläufigen Gelände des „Verdura Golf & Spa Resorts“ in einem Gebäude ab, das einst ein Bahnhof war. Und im Grunde ist das ein schönes Symbol, denn hier an der sizilianischen Südküste soll der deutsche WM-Zug schließlich Tempo aufnehmen und möglichst erst nach dem Finale in Johannesburg am 11. Juli wieder zum Stehen kommen. Aber wie das so ist mit der Bahn – der deutsche Zug kommt nur zögerlich in Fahrt; die Verletzung von Michael Ballack hat Zugführer Joachim Löw ein paar Sorgenfalten auf die Stirn gezeichnet, auch wenn der Bundestrainer das öffentlich niemals einräumen würde.

Das Bangen um Ballack vor großen Turnieren oder wichtigen Spielen gehört mittlerweile zur deutschen Nationalmannschaft wie das Maskottchen Paule, das aber höchstens die Kinder erschreckt und nicht gleich die ganze Fußballnation. Und noch nie waren der Schreck und das Zittern um den Mannschaftskapitän so groß wie diesmal. Es gibt noch immer keine genaue Erkenntnis, wie ernst der 33-Jährige verletzt ist. Weil der lädierte Knöchel zu stark geschwollen war, wurde ein Kernspinuntersuchung in London auf Montagvormittag verschoben, erst dann können die Ärzte eine Diagnose stellen, und erst dann wird auch Löw wissen, ob Ballack vorerst nur im Training kürzer treten muss oder ob er gar erst nicht in den WM-Zug einsteigt, denn auch das ist noch keinesfalls ausgeschlossen.

Ballacks Flug ins Trainingslager, der für Montagmorgen geplant war, ist zunächst auf den Nachmittag verschoben. Sollte er ernsthafter verletzt sein, wird er statt nach Sizilien nach München reisen und sich dort von Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt untersuchen lassen, der erst noch den FC Bayern betreut, bis er seinerseits zur Nationalelf nachreist.

Löw selbst hat die Bilder des Fouls von Kevin-Prince Boateng, der Ballack im englischen Pokalfinale brutal gegen den Knöchel trat, erst mit Verspätung am Sonnabendabend im Mannschaftsquartier auf Sizilien vor dem Fernsehgerät gesehen, aber alleine diese Konstellation ist eine Geschichte, die sich keiner ausdenken kann: Boatengs Bruder Jerome ist deutscher Nationalspieler und wird in Kürze hoffentlich mit Ballack gemeinsam auf dem Trainingsplatz stehen.

Aber damit nicht genug: Kevin-Prince Boateng gehört zum WM-Kader Ghanas, einem der drei deutschen Vorrundengegner. „Ich will keinem Spieler etwas unterstellen“, sagte Löw zu Spekulationen, dass da vielleicht ein übermotivierter WM-Gegner schon mal ein Zeichen setzen wollte. Sollte Ballack länger ausfallen, wird sich Löw einige Gedanken machen müssen, damit sein Zug nicht früher stoppt als geplant. Es gibt wenige Spieler im deutschen Kader, die so schwer zu ersetzen sind wie der 33-Jährige. Ballacks fußballerische Qualitäten sind unumstritten, auch wenn er sie nicht immer abruft, darüber hinaus erfüllt er aber auch eine wichtige Scharnierfunktion.

Auf dem Rasen ist er der Leitwolf, an dem sich die jungen Spieler orientieren können – und das Wissen, da ist einer, der mit einer Aktion ein Spiel entscheiden kann, ist gerade bei dieser WM wichtig, die Löw mit einem sehr jungen Kader bestreitet. Andererseits haben die Gegner vor kaum einem zweiten deutschen Spieler so viel Respekt wie vor Ballack.

Eine deutsche Nationalelf ohne Ballack, das ist wie Russland ohne Andrej Arschawin. Wie die Deutsche Bahn ohne Verspätung. Irgendwie undenkbar.

Löw im Interview: "Gott sei Dank ist nichts gebrochen"


Herr Löw, wann haben Sie von Michael Ballacks Verletzung 
erfahren, und wann hatten Sie Kontakt zu ihm?

Als wir das am Sonnabend kurz vor unserem Training erfahren haben, da haben wir das mit großer Besorgnis aufgenommen. Wir wussten nicht, wie es passiert ist, weil es hier zunächst keine Bilder und keine Informationen gab. Am späten Abend habe ich dann mit Michael telefoniert. Er hat mir mitgeteilt, dass er beim Röntgen war und nichts gebrochen ist, er aufgrund seiner Schmerzen und der Dicke des Knöchels aber am Montag zu einer Kernspinuntersuchung geht.

Haben Sie die Befürchtung, dass Michael Ballack für die WM ausfallen könnte?

Nein, diese Befürchtung habe ich erst einmal nicht. Es war auch eine positive Nachricht, dass nichts gebrochen war, das hatte ich ja anfangs ein bisschen befürchtet. So wie Michael das gesagt hat, hat er noch Schmerzen, aber die Bewegungsfreiheit ist nicht völlig eingeschränkt. Das spricht vielleicht auch dafür, dass die Bänder nicht in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Ich denke, dass es auf jeden Fall ein paar Tage dauern wird, bis er das Training aufnehmen kann. Aber das sind auch alles spekulative Gedanken.

Welchen Eindruck hat Ballack in dem Telefonat auf Sie gemacht?

Er hat auf mich einen guten Eindruck gemacht. Er war am Anfang verunsichert, und Gott sei Dank konnte man eine schwere Verletzung ausschließen. Aufgrund dieser Diagnose war er spürbar erleichtert.

Wie hat die Mannschaft auf seine
 Verletzung reagiert?

Das beeinflusst die Spieler im Moment nicht. Sie finden hier gute Bedingungen vor, und die letzten Trainingseinheiten waren sehr gut.

Wie bewerten Sie das Foul und die Tatsache, dass Kevin-Prince Boateng mit Ghana in der WM-Vorrunde auf Deutschland trifft?

Ich habe das Spiel nicht gesehen, ich kenne nur diese eine Szene. Ich möchte da keinem Spieler etwas unterstellen. Klar war, dass es ein brutales Foulspiel war, er ist völlig ohne Chance auf den Ball. Solche Fouls sieht man immer wieder mal. Aber für mich gibt es da keine zwei Meinungen: Das ist eine Rote Karte. Ich glaube, das ist nur mit Gelb geahndet worden.

Kevin-Prince Boateng gilt als Enfant terrible ...

Ich kenne ihn zu wenig, um mir ein Urteil zu erlauben. Vergangenen Sommer gab es Disziplinlosigkeiten bei der „U 21“, da wurde er von einem Trainingslager nach Hause geschickt, aber ich persönlich habe mit ihm noch nie ein Gespräch geführt.

Wie hat Jerome Boateng auf das Foul seines Bruders reagiert?

Er hat das nicht mal gesehen, hat er mir erzählt. Er kennt die Szene nicht und kann dazu nichts sagen.

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