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WM 2010 Löw denkt an Neuer und Lahm - hält aber noch dicht
Sportbuzzer Themen WM 2010 Löw denkt an Neuer und Lahm - hält aber noch dicht
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22:21 24.05.2010
Von Heiko Rehberg
Joachim Löw spielt „Handball“ mit dem 
XXL-Jabulani im Pressezelt.
Joachim Löw spielt „Handball“ mit dem 
XXL-Jabulani im Pressezelt. Quelle: dpa
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Für die Fotografen ist das Trainingslager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ein Glücksfall. Immer wenn sie glauben, das schönste Motiv gespeichert zu haben auf dem Chip ihrer Digitalkamera, gibt es das nächste schönste Motiv. Per Mertesacker, wie er einen Schlitten mit Gewichten über den Rasen auf der Sportanlage Rungg zieht, das ist ein Traum mit dem Mendelkamm als Motiv im Hintergrund, der – Achtung, Symbolik – wirklich ein bisschen aussieht wie der berühmte Tafelberg im südafrikanischen Kapstadt. Sami Khedira, der Mann, der bei der Weltmeisterschaft Michael Ballack spielen soll, mit seinen Kollegen auf einer Moutainbiketour durch den Montiggler Wald – noch ein schönes Bild.

Auch der Bundestrainer sorgt für schöne Motive. Im Pressezelt, in dem man angesichts von 200 Journalisten aus Deutschland und Italien glauben könnte, die WM habe längst angefangen, steht ein großer Jabulani. Das ist der WM-Ball, und er ist so riesig, dass – würde man oben ein Loch hineinschneiden – locker 100 normale Jabulanis darin verschwinden könnten. Als Joachim Löw auf dem Weg zum Podium an dem Riesenball vorbeigeht, warten die Fotografen bereits in hockender Position auf dem Fußboden. Löw legt eine Hand auf den Ball, weil er dabei aber mit dem Rücken zu den Kameras steht, muss er sich umdrehen und noch einmal den Ballstreichler spielen. Er macht das mit der gewohnten Gelassenheit, die Löw ohnehin zu eigen ist und die immer noch größer zu werden scheint, wenn er seine Spieler viele Tage um sich hat.

Vielleicht sind es das schöne Wetter in Südtirol, die Berge, die der Kiliman-dscharo-Bezwinger Löw liebt, der Spaß des Trainers am Tüfteln für ein Turnier, was ihn diesmal zu einem neuen Experiment veranlasst. Löw weiß, was die Fußball-Nation unbedingt wissen will. Erstens: Wer wird während der WM die Nummer 1 im Tor? Und zweitens: Wer wird nach dem Ausfall von Michael Ballack die Nummer 1 in der Mannschaftshierarchie, also der neue Kapitän? Löw beschließt, nichts zu verraten und trotzdem kaum mehr Platz für Geheimnisse und Fragezeichen zu lassen.

Als die Reporter wissen wollen, wie es denn aussieht in der T-Frage, erzählt Löw, dass man „im Trainerstab“ bereits weit sei in den Überlegungen, ein paar Sekunden später sagt er, dass „die Entscheidungsfindung klar ist“. Angespannte Erwartungen im Zelt. Verrät der Bundestrainer gleich den Namen? Das tut er nicht, Löw will diese Entscheidung auf der vielleicht wichtigsten Position erst bekanntgeben, wenn alle Nationalspieler in Südtirol angekommen sind, also frühestens morgen, wenn die letzten Bayern-Spieler erwartet werden. Ein bisschen locken lässt sich Löw aber dennoch, als er sagt: „Wer in Südafrika die Nummer 1 sein wird, der wird kommenden Sonnabend im Testspiel gegen Ungarn im Tor stehen.“ Daran, dass das der Schalker Manuel Neuer sein wird, bestehen keine Zweifel mehr.
Man kann es so machen wie der Boulevard, der anhand der Nummerierung der Koffer Rückschlüsse gezogen hat. Neuer zieht einen Koffer mit der Nummer 1 hinter sich her, sein Konkurrent Tim Wiese hat den Koffer mit der Nummer 12, der Münchener Jörg Butt soll die „23“ bekommen. Man kann aber auch beim Training hinschauen, bei dem Bundestorwarttrainer Andreas Köpke jede Übung mit Neuer anfängt. Oder man schaut auf die kleinen Koordinationsübungen, zum Beispiel dem kurzen Springen über Mini-Hürden auf einem Bein oder auf zwei Beinen, bei dem Wiese immer mal wieder durcheinanderkommt, während Neuer leichtfüßig und geschmeidiger wirkt.

Neuer wird also der WM-Torwart werden. Und der Kapitän? Auch hier will Löw abwarten, bis der Kader komplett ist. Auch in dieser Personalfrage verrät er nichts und sagt fast alles, nämlich als er um ein Anforderungsprofil für die Rolle gebeten wird, die in Spielberichtsbögen „Mannschaftsführer“ heißt. „Der Kapitän sollte kommunikativ sein, ein offenes Ohr für andere haben“, sagt Löw, „er sollte nicht nur auf sich selbst schauen, sondern auf das Gesamtkonzept. Er sollte Korrektiv auf dem Platz sein und auch repräsentative Aufgaben übernehmen können.“

Löw hat den Reportern den Ball zugeworfen, danach beginnt wie in der Sendung „Wer wird Millionär?“ das Ausschlussprinzip: Miro Klose, angesichts der meisten Länderspiele zeitweise als Favorit gehandelt, hat derzeit so viele Probleme mit seiner eigenen Form, dass er sich kaum um Mitspieler kümmern könnte. Und ein Kommunikationswunder ist er auch nicht, ähnlich wie Mertesacker, ein anderer Vertreter der stillen Fraktion. Bastian Schweinsteiger also? Auf ihm dürfte nach dem Ausfall von Ballack bereits genug Verantwortung lasten, als Sprecher des Teams kann man sich ihn zudem schwer vorstellen. Bleibt also nur einer, der alle Kriterien mit Bestnoten erfüllt: Philipp Lahm.

Vor dem Ungarn-Spiel am Sonnabend will Löw sich auch in dieser Personalfrage öffentlich festlegen, intern hat er es längst getan.

Und was ist mit den drei Spielern, denen der Bundestrainer bis zum 1. Juni mitteilen muss, dass sie bei der WM nicht dabei sein werden? „Wenn ich heute entscheiden müsste, wer nach Hause fährt, ich hätte niemanden im Kopf“, sagt Löw. „Diese Entscheidung wird schwierig.“ Schwieriger wohl als die Wahl einer Nummer 1 oder des Kapitäns.