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WM 2010 Nationalelf betrachtet Ghana-Spiel als Lerneffekt
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22:03 24.06.2010
Sami Khedira, Marcell Jansen, Philipp Lahm und Arne Friedrich beglückwünschen sich zum Erreichen des Achtelfinales. Quelle: afp
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Der Fußballspieler Joachim Löw war ein Feingeist, ein Techniker, dem das Tempo und die Robustheit fehlten, um mehr als ein sehr guter Zweitligaspieler beim SC Freiburg zu werden. Der Bundestrainer Löw ist ein anderer Typ; wenn es sein muss, dann kann er auch mal schnell dazwischengrätschen wie ein Eisenfuß aus der Abwehr. Am Tag nach dem 1:0-Zittersieg gegen Ghana und drei Tage vor dem Weltmeisterschafts-Achtelfinale am Sonntag in Bloemfontein gegen England (Anstoß 16 Uhr, live in der ARD) hatte jemand Löw vorgerechnet, dass die deutsche Nationalmannschaft mit einer Leistung wie im letzten Vorrundenspiel in Johannesburg in der ersten K.-o.-Runde das WM-Aus befürchten müsse und dass …

Weiter kam der gute Mann nicht, denn da hatte ihn Abwehrspieler Löw im Zweikampf bereits robust vom Ball getrennt. „Befürchten muss man erst mal gar nichts“, polterte Löw los. Man zuckt immer ein wenig zusammen, wenn der 50-Jährige ausnahmsweise nicht geduldig und freundlich antwortet. „Man muss den Spielern auch mal zugestehen, dass nicht immer alles läuft.“ Auch bei diesem Satz sprach Löw lauter als gewohnt, erst danach fuhr er auf Normallautstärke zurück und widmete sich der Frage, die vor dem Achtelfinalduell mit England auf der Hand liegt und mit der sich der Bundestrainer ja auch selbst beschäftigt: Wie wird die deutsche Mannschaft, die gegen Ghana vom gewaltigen Druck und der Angst vor dem ersten Vorrunden-Aus in der WM-Geschichte fast erdrückt worden wäre, gegen England mit einer Situation fertig, die garantiert nicht weniger stressig wird?

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„Mir war vor dem Turnier klar, dass es Situationen geben wird, in denen es nicht immer ganz einfach ist“, sagte Löw. Er hat Spieler wie Philipp Lahm, Lukas Podolski oder Bastian Schweinsteiger, die bestreiten bereits ihr viertes großes Turnier, von ihnen ist aber auch keiner älter als 26 Jahre. Und er hat Spieler wie Siegtorschütze Mesut Özil, Thomas Müller, Sami Khedira, Jerome Boateng oder Cacau, die haben jeder bislang ein bis drei WM-Spiele gemacht. Wer viele junge und unerfahrene Spieler hat, dessen Mannschaft muss während eines Turniers lernen und läuft immer Gefahr, dass jede Lektion die letzte ist. Ghana war aufgrund seiner typisch afrikanischen Abschlussschwäche nicht in der Lage, daraus Nutzen zu ziehen; England mit Champions-League-Haudegen wie Wayne Rooney, Frank Lampard oder Steven Gerrard könnte das sein.

„Wir alle hatten ein bisschen Angst vor dem Rausfliegen“, sagte Verteidiger Arne Friedrich, „im Achtelfinale wird der Druck vielleicht nicht mehr ganz so groß.“ Das klingt erst einmal merkwürdig, ein Achtelfinale ist immer größer und bedeutender als ein Vorrundenspiel. Wenn gegen Ghana in Deutschland mehr als 29 Millionen Menschen vor den Fernsehgeräten gesessen haben, werden es beim Klassiker am Sonntagnachmittag mehr als 30 Millionen sein. Dann wird wieder „der Rucksack groß und schwer“ sein, wie es Löws Assistent Hansi Flick formulierte. Doch mit dem Achtelfinale ist das von der Teamführung gesteckte Minimalziel erreicht, und ein Ausscheiden gegen England würde nicht eine derart gewaltige Bugwelle auslösen wie ein Scheitern an Ghana. Das sind zwei Aspekte, die es den deutschen Spielern erlauben, etwas Luft aus dem vollgepumpten Ball zu lassen.

Ein anderer Punkt ist aber fast noch wichtiger: Wer in ungewohnte Situationen gerät und sie meistert, der packt in seinen Rucksack stets auch neue Erfahrungen, die im Wiederholungsfall helfen könnten. „Es war gut, dass die jungen Spieler gegen Ghana durch das Stahlbad gehen mussten“, sagte Löw. „Sie werden lernen, künftig damit besser umzugehen.“ Künftig heißt am Sonntag gegen England.

Was Löw nicht gebrauchen kann, wäre der Ausfall eines Spielers, für den Druck und hohe Erwartungen zum Alltag gehören, weil er bei Bayern München spielt: Bastian Schweinsteiger war gegen Ghana gemeinsam mit Friedrich der beste Feldspieler, ausgerechnet er zog sich in der Schlussphase eine Oberschenkelverletzung zu. „Wenn er nicht spielen könnte, wäre das nicht von Vorteil von uns“, sagte Löw. Sein Assistent Flick sagte, dass es „kritisch wird bis Sonntag“, dass man aber optimistisch sei, Schweinsteiger bis zum Anpfiff fit zu kriegen. Was für den Spieler gilt, zählt auch für das Spiel: Es wird kritisch gegen England. Aber die Deutschen sind zuversichtlich.

Aus Pretoria berichtet Heiko Rehberg