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Sportbuzzer 400 Teilnehmer bei Special Olympics
Sportbuzzer 400 Teilnehmer bei Special Olympics
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14:33 21.09.2012
Von Manuel Becker
„Ja, ich bin schnell“: Denise Lehmann rennt beim Sprint über 50 Meter, so schnell sie kann. Am Ende gewinnt zwar eine andere, aber auch die Elfjährige bekommt eine Medaille. Quelle: Poblete
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Hannover

Die Sache ist ganz einfach: „Gold und null Gegentore, sonst gibt’s Straftraining“, sagt Roland Kaiser. Er ist Torwart der Hannoverschen Werkstätten, die bei den Special Olympics ihr erstes Spiel gegen die Lebenshilfe Wolfsburg bestreiten. Warum der Titel bei den Wettkämpfen der Menschen mit geistigen Behinderungen so wichtig ist? „Weil der Trainer heute Geburtstag hat, und das ist unser Geschenk“, sagt der groß gewachsene Keeper, der schon im Tor steht, seit er fünf ist.

Bei den Hannoverschen Werkstätten stanzt er Autoradioabdichtungen aus, auf dem Platz soll er das Tor dicht halten. Im ersten Spiel gelingt das beim 5:0-Sieg. „Eigentlich müssten wir das Ding hier heute auch gewinnen“, glaubt Trainer Ilias Simeonidis.

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90 Minuten vor dem Anpfiff werden die Special Olympics feierlich im Erika-Fisch-Stadion eröffnet. 400 Sportler – Leichtathleten, Schwimmer und Fußballer – sitzen auf der vollen Tribüne, sodass Bürgermeister Bernd Strauch staunt: „Das ist ja fast so voll wie bei den Paralympics in London.“ Wie es sich für Spätsommerspiele gehört, wird feierlich die Special-Olympics-Fahne hineingetragen und gehisst, und ein Fackelläufer entzündet das Feuer für einen Tag. Torwart Roland Kaiser („So heiße ich wirklich!“) hat die ehrenvolle Aufgabe, den Athleten-Eid vorzutragen und gelobt: „Lasst mich gewinnen, doch wenn ich nicht gewinnen kann, lasst mich mein Bestes geben.“ Dann geht es los – für Kaiser auf dem Fußballplatz, für die anderen Sportler im Stadion und im Schwimmbad in Stöcken.

An der Werferanlage steht Jan Frühauf. Wie alt er ist? Das weiß er nicht genau. Aber er weiß, dass er sehr weit werfen kann. Bei 28,5 Metern landet sein Ball. „Ich werfe immer so weit“, sagt der Anfang 30-Jährige. 20 Minuten später bekommt er bei der Siegerehrung die Goldmedaille übergehängt. Frühauf schiebt ein wenig die Brust raus, streckt beide Arme in den Himmel und lächelt stolz in seinem Deutschlandtrikot. Irgendwie würde es nicht wundern, würde jetzt die Nationalhymne gespielt werden. Stattdessen gibt es Trommelwirbel und eine Fanfare.

„Ich habe selten so viel Freude und Spaß am Sport erlebt“, sagt Innen- und Sportminister Uwe Schünemann, der einigen Sportlern die Medaillen umhängt. Den Menschen bringe es so viel, einmal so im Vordergrund zu stehen. Damit das zukünftig öfter der Fall ist, fordert er, dass sich die Vereine, gerade auf dem Land, mehr für den Behindertensport öffnen. „Das bringt beiden etwas: dem Verein und den Menschen mit Handicap.“

Auf der Tartanbahn fällt der nächste Startschuss. Marcel Schmolling sprintet als Erster über die Ziellinie und jubelt laut mit hochgerissenen Armen: „Ja, ich kriege Gold!“ Zufall sei das nicht, verrät er. „Wir haben auf dem Sportplatz geübt“, sagt der 14-Jährige mit der Nickelbrille. Denise Lehmann ist als nächste dran. Aufgeregt steht sie mit ihrem orangefarbenen Shirt, der schwarzen Sporthose und den bunten Ringelsöckchen am Start. „Ja, ich bin schnell“, sagt sie selbstbewusst und schiebt ein „Wie schnell bin ich eigentlich?“ an ihre Betreuerin hinterher. Wie sie gewinnen will, das weiß die Sprinterin vom Gutshof Hudemühlen in Hodenhagen genau: „Einfach geradeaus laufen.“ Und dann rennt die Elfjährige los so schnell sie kann, rudert mit den Armen und gibt alles. Die älteren Mitläuferinnen sind zwar einen Tick schneller, aber auch Denise ist im Ziel glücklich – und eine Medaille gibt es ohnehin für jeden.

„Die sind hier alle voll dabei“, sagt Heinrich Menge. Der 75-jährige frühere Leichtathlet ist seit Jahren Kampfrichter. Die Special Olympics seien aber was ganz Besonderes, sagt er und gibt den Springern Tipps. „Wenn man die motiviert und alles ruhig erklärt, klappt das richtig gut.“ Das sieht auch Christine Herbig so. Sie ist Vorstandsmitglied der Special Olympics Niedersachsen. „Tolle Stimmung, super Wetter, und alle sind unglaublich stolz“, sagt sie.

Stolz sind alle Athleten. Auch die im Stöckener Bad, wo die Schwimmwettkämpfe ausgetragen werden. Einer der stolzesten ist Jannis Kämmerer. Über 50 Meter Freistil hat er sich durchs Wasser gekämpft. Wild mit den Armen rudernd, mehr Wasser spritzend als sich fortbewegend, aber mit unglaublicher Energie. So schwamm er dem Rest davon und wurde Erster. „Schon zum zweiten Mal heute“, sagt er, als er aus dem Wasser steigt. Eine Medaille hat er noch nicht. Aber die kriegt er – mit Sicherheit.

21.09.2012
20.09.2012