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Sportbuzzer Andrea Borrmann und Erik Machens: Mittendrin auf dem Tanzboden
Sportbuzzer Andrea Borrmann und Erik Machens: Mittendrin auf dem Tanzboden
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Von Patrick Hoffmann
Andrea Borrmann und Erik Machens tanzen mit viel Spaß und Leidenschaft. Da bleiben auch Erfolge nicht aus, wie zwei deutsche Meistertitel zeigen.
Andrea Borrmann und Erik Machens tanzen mit viel Spaß und Leidenschaft. Da bleiben auch Erfolge nicht aus, wie zwei deutsche Meistertitel zeigen. Quelle: Das Fahrgastfernsehen/Arp
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Manchmal brennen die Wunden etwas, sagt der gebürtige Hannoveraner. Dann hat er zuvor wieder einmal zu heftig getanzt.

Denn Erik Machens ist Rollstuhltänzer. Tanzen ist daher Handwerk für ihn. Im wahrsten Sinn. Wenn die Musik läuft, bewegt er den Rollstuhl zum Takt. Schnelle Richtungswechsel, schwungvolle Drehungen, auf den Hinterrädern fahren - in den Kategorien Standard und Latein beherrscht das kein deutsches Paar so gut wie Machens und seine Partnerin Andrea Borrmann. Bei der Weltmeisterschaft 2010 in Hannover wurden Machens/Borrmann in den beiden Kategorien jeweils Vierte. Dabei tanzt das Duo erst seit einem Jahr.

Die Leistung ist daher umso bemerkenswerter, sie lässt das Paar aber auch regelmäßig selbst ein bisschen ratlos zurück. „Eigentlich wollten wir nur an einem kleinen Workshop in Hannover teilnehmen, ein bisschen Spaß haben“, sagt Borrmann. Rollstuhltanz-Bundestrainer Michael Webel, der den Workshop leitet, erkannte sofort, dass in dem Duo Potenzial für mehr steckt als nur für spaßige Bewegung zu Musik. „Er sagte, wir sollen etwas aus unserem Talent machen und in den Leistungssport wechseln.“

Das war Ende November 2009. Wenige Wochen später standen die Choreografie und der dazugehörige Trainingsplan. Machens und Borrmann, der Student und die Förderschullehrerin, waren plötzlich mittendrin im Weltgeschehen des Rollstuhltanzens. Und sie hatten ein gemeinsames Ziel: Die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2010 in Hannover. Fünf Jahre zuvor hatte daran noch keiner der beiden gedacht. Machens, der seit seiner Geburt unter einem sogenannten offenen Rücken leidet, ging als Jugendlicher zwar gerne mit Freunden zum Tanzen in die Diskothek. Aber in die Disko gehen viele junge Menschen, als Sport betreiben es die wenigsten, das war bei ihm nicht anders. Borrmann dagegen tanzte schon als kleines Mädchen gerne und viel, doch nach der niederschmetternden Diagnose multiple Sklerose 2001 änderte sich vieles schlagartig. Sie bekam immer wieder Schübe, mal war daraufhin ein Arm gelähmt, mal das Gesicht. Im Mai 2005 schließlich erlitt sie einen Bandscheibenvorfall, von einem auf den anderen Tag war sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Mit 30 Jahren. Ob es letztlich am Bandscheibenvorfall, an ihrer Multiple-Sklerose-Erkrankung oder an beidem lag, weiß keiner so genau. Nicht einmal die Ärzte.

Einige Wochen sei sie geschockt gewesen, erzählt sie, dann sei sie zu der Hochzeit einer guten Freundin eingeladen gewesen. „Die haben mich mit dem Rollstuhl auf die Tanzfläche geschleift“, sagt Borrmann. „Und ich dachte: Hey, das ist gar nicht schlecht.“ Also tanzte sie im Rollstuhl, wann immer sich die Gelegenheit bot. Sie lernte Machens kennen, die beiden verstanden sich, schließlich nahmen sie an einem Workshop in Hannover teil.

Der Rest ist bekannt, und nun gehören die beiden zu den besten Rollstuhltanzpaaren der Welt. Im April wollen der 27-Jährige und die 34-Jährige bei der deutschen Meisterschaft in Rheinsberg (Brandenburg) ihre beiden Titel verteidigen und Ende des Jahres bei der Europameisterschaft in Italien eine Medaille holen. Dazwischen geht es für die Sportler des VfL Hannover zu Wettkämpfen rund um den Erdball. Auf eigene Kosten, Sponsoren gibt es nicht. Immerhin haben sie vom Verein vor Kurzem einen 500-Euro-Reisegutschein erhalten. Der reicht zumindest für einen Hin- und Rückflug des Paares. Der Rest wird aus Einkommen und Rücklagen bezahlt.

Wie lange sie so noch über die Runden kommen, wissen die beiden noch nicht. Vorerst steht der Spaß im Vordergrund. Auch wenn es manchmal wehtut.

Borrmann/Machens persönlich:

Auf welchen Ihrer Erfolge sind Sie besonders stolz?

Borrmann und Machens: Auf die deutschen Meistertitel 2010 in den Kategorien Standard und Latein und 4. Plätze bei der Weltmeisterschaft 2010 (Standard und Latein).

Haben Sie Vorbilder?

Borrmann: Die Fernsehfigur Anna Ballerina, die sich ihren Traum vom Tanzen erfüllt.
Machens: Meinen Zeichenprofessor, weil er konsequent seine Überzeugungen lebt.

Was sind Ihre Stärken?

Borrmann: Perfektionismus, Geduld.
Machens: Improvisationstalent.

Und haben Sie auch kleine liebenswerte Marotten?

Borrmann: Perfektionismus.
Machens: Ich kann ein Sturkopf sein.

Welcher Film gefällt Ihnen besonders?

Borrmann: Wo ist Fred?
Machens: Das sind American Beauty und Dirty Dancing.

Bei welcher Musik könnten Sie sofort mitsingen?

Borrmann: Generell mag ich ruhige Musik, es darf aber auch mal krachen.
Machens: Bei „Sugar, sugar“ von The Archies.

Haben Sie ein Lieblingsessen?

Borrmann: Aufläufe in allen Variationen.
Machens: Ich esse für mein Leben gern und fast alles.

Haben Sie noch Träume, oder sind Sie wunschlos glücklich?

Borrmann: Ich möchte immer glücklich sein und den Spaß am Tanzen behalten.
Machens: Einen Beruf, ein Haus, eine Familie und Spaß am Tanzen zu behalten.