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Sportbuzzer Andrea Seyrl zeigt Feingefühl unterm Korb
Sportbuzzer Andrea Seyrl zeigt Feingefühl unterm Korb
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12:53 15.02.2012
Von Uwe Kranz
Andrea Seyrl und ihre Lieblingsbeschäftigung: Basketball. Quelle: Fahrgastfernsehen
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Hannover

Gut, dass am vergangenen Wochenende der Maschsee zugefroren war. Rollstuhlbasketballerin Andrea Seyrl hätte sonst wohl Probleme bekommen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollte. „Seit langer, langer Zeit hatte ich mal wieder ein spielfreies Wochenende. Das war ein bisschen ungewohnt“, sagt die „U 25“-Nationalspielerin, die für Hannover United in der Bundesliga und den BSV Sünteltal/Bad Münder in der Regionalliga gleich in zwei Mannschaften auf Körbejagd geht.

Der Basketball bestimmt ihr Leben seit frühester Kindheit. Geboren wurde die heute 18-Jährige mit einem caudalen Regressionssyndrom. Zehneinhalb Wirbel fehlen ihr – der komplette untere Teil der Wirbelsäule. Aufgrund einer Fehlbildung der Beine und der Hüfte kann sie nicht laufen. Trotzdem konnte Andrea Seyrl ihren Bewegungsdrang von Beginn an kaum unterdrücken. In einer Kindersportgruppe „haben wir immer Basketball zum Abschluss gespielt“, erzählt sie. Drei Jahre alt war sie damals. Die Liebe zu dem rasanten Sport war geboren, doch zunächst machten ihr die Rückenprobleme eine Karriere unter den Körben unmöglich.

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Aber Bewegung musste sein. „Ich war keine nennenswerte Phase meines Lebens ohne Sport. Mein Leben wäre sonst ganz schön langweilig“, sagt Andrea Seyrl. Sie testete und probierte: Monoski, Sportschießen, Rollstuhltennis. In der Leichtathletik erreichte sie sogar internationale Klasse über 200 und 400 Meter. Doch was ihr fehlte, war ein Team. Die Menschen, mit denen sie in der Mannschaft gemeinsam spielt, seien eine zusätzliche Motivation, vor allem im Training. „Teamsport ist einfach mehr mein Ding“, sagt die aus Nienwolde bei Hamburg stammende Sportlerin. Da stört es sie auch nicht, dass sie mit ihrem 6000 Euro teuren Spezialrollstuhl in der Vorbereiterrolle meist anderen in der Mannschaft die Lorbeeren der Punkterfolge überlassen muss. „Ich bin für die Feinarbeit zuständig, die anderen fürs Grobe“, sagt sie zufrieden.

Mit ihrem Umzug ins Sportinternat nach Hannover 2010 hat sich für die Basketballerin viel verändert. Endlich müssen nicht mehr die Eltern als Fahrdienst herhalten. Das Training findet sozusagen vor der Haustür statt und lässt sich problemlos mit den Unterrichtszeiten in der Schule abstimmen. Zweimal in der Woche ist Andrea Seyrl schon um 6.30 Uhr zum Schusstraining in der Halle. Die ausgefallenen Stunden hängt sie einfach hintendran – gemeinsam mit anderen Sportlern. Nach der Schule geht es täglich wieder in die Halle, manchmal bis 21 Uhr.

Ihre Stärken kommen unter diesen Voraussetzungen noch besser zur Geltung. „Andrea ist schnell und wendig. Sie blockt gut und kann sich auch in der Verteidigung gegen körperlich starke Gegnerinnen durchsetzen“, sagt Bundestrainerin Heidi Kirste, die Andrea Seyrl auch schon für die A-Nationalmannschaft nominiert hat. Mit dem „U 25“-Team ging es dann im vergangenen Jahr zur WM nach Kanada. Platz 6 reichte nicht ganz an die Hoffnungen der Trainerin heran, die das Halbfinale erreichen wollte – für die Nachwuchsspielerin war aber schon die Teilnahme an diesem Turnier ein besonderer Höhepunkt.

Zwei Klubs reißen sich seither um die Künste der 18-jährigen Basketballerin, vor allem, wenn es zu Überschneidungen in den Spielplänen von Bundesliga und Regionalliga kommt. Andrea Seyrl fällt die Entscheidung aber leicht: „Ich würde immer die Regionalligamannschaft vorziehen, weil ich dort mehr Einsatzzeiten bekomme“, sagt sie. Ihre langfristige Entwicklung ist der Sportlerin wichtig – auch wenn dabei Freizeit zur ungewohnten Seltenheit wird.

10.02.2012
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