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Sportbuzzer Blütezeit des deutschen Skispringes ist vorbei
Sportbuzzer Blütezeit des deutschen Skispringes ist vorbei
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08:13 28.12.2010
Von Tatjana Riegler
Martin Schmitt ist immer noch Liebling vieler Skisprung-Fans. Quelle: dpa
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So frustriert hat man den Österreicher lange nicht gesehen. Da blickt Werner Schuster aus Vorarlberg, Bundestrainer in Diensten des Deutschen Ski-Verbandes (DSV), ratlos auf die Ergebnisse der deutschen Skispringer – während sein Landsmann Thomas Morgenstern von Sieg zu Sieg segelt. Dass Morgenstern dies auch bei der 59. Vierschanzentournee tun wird, die heute mit der Qualifikation in Oberstdorf beginnt, steht zu erwarten. Und ebenso, dass die deutschen Skispringer auf den vier Schanzen bis Bischofshofen hinterhersegeln.

Man könne halt, hat Skisprung-Legende Jens Weißflog dieser Tage beim Internetportal Sport1 gelästert, „aus einer Primel keine Rose machen“. Anders formuliert: Die Blütezeit des deutschen Skispringens ist momentan vorbei. Vorbei die Zeiten, in denen Weißflog, Dieter Thoma oder Sven Hannawald und Martin Schmitt in der Weltspitze glänzten. Heute sind die DSV-Athleten die Außenseiter im Springerfeld, so wie die Primeln die Biedermänner im Blumenbeet sind.

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Die bisherigen Saisonergebnisse belegen dies schmerzhaft. Dabei war die Mannschaft noch im Februar überraschend als Olympiazweiter aus Vancouver zurückgekehrt. Doch dieser Winter gestaltet sich als einziges Dilemma, in dem die Deutschen nicht selten den Finaldurchgang der besten 30 verpassen. Als beste Resultate stechen die Plätze 5 und 8 von Stephan Hocke und Severin Freund in Engelberg sowie der 8. Platz von Michael Neumayer im finnischen Kuopio heraus.

Möglicherweise war es sogar der erste Wettkampfsprung der Saison, der das Dilemma ausgelöst hat. Da stürzte Neumayer, laut Bundestrainer Schuster „eine Bank“, nach guten Trainingssprüngen in Kuusamo (Finnland) auf den 21. Platz ab – lieferte aber dennoch das beste deutsche Ergebnis. Das macht die Sache problematisch, die Mannschaft ist seitdem verunsichert. Zwar schafft Freund, ein Mann aus der zweiten Reihe, mittlerweile in verlässlicher Regelmäßigkeit den Sprung in den 2. Durchgang, doch die Routiniers schwächeln. Martin Schmitt, einstiger Vorzeigeflieger und noch immer bekanntester Wintersportler des Landes, landete nur einmal im Finaldurchgang, Michael Uhrmann immerhin zweimal. „Die Ergebnisse zeigen nicht die Leistungsfähigkeit“, hat Thoma angemerkt.

Das mag stimmen, das Problem ist nur der Kreislauf, den sie im sensiblen System eines jeden Skispringers in Gang setzen: Schlechte Ergebnisse sorgen für Unsicherheit, die an der notwendigen Lockerheit nagt, bis diese schließlich unter dem steigenden Erwartungsdruck bei der Vierschanzentournee völlig verloren geht. Schuster, seit 2008 darum bemüht, die deutschen „Adler“ zurück in die Weltspitze zu führen, ist nicht zu beneiden. „Ich kann nur an alle appellieren, Geduld zu haben“, sagt er.

Aber wie lange noch? In Zeiten, in denen es an herausragenden Talenten mangelt, sollte gerade ein jahrelanger Leistungsträger wie Schmitt noch einmal zum Höhenflug ansetzen. Doch die Situation des Vierfachweltmeisters erinnert eher an schlechte Momente im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ denn an glänzende Siege. „Hoch konzentriert und topfit“, das hat er mitteilen lassen, will er heute in die erste Qualifikation gehen. Der Optimismus des 32-Jährigen muss in seinem Einzeltrainingslager, als er sich nach Norwegen auf die Suche nach seiner Form begab, enorm gewachsen sein. Vielleicht beflügeln Schmitt auch Gedanken an seine guten Jahre, als er 1999 und 2000 den Gesamtweltcup und 2002 Olympia-Teamgold gewann. Vereinzelt blitzte sein Können immer mal auf, nur Konstanz ließ er vermissen. Einzige Konstante ist seine Tapferkeit, wenn er vor den Mikrofonen nach Gründen für die Formkrise sucht. Und sein trotziger Satz: „Es gibt keinen Grund aufzuhören.“

Ein Hoffnungsträger ist Schmitt längst nicht mehr. Schlimmer noch: Weil der Bundestrainer von den anfangs 13 deutschen Springern nur sieben nach Innsbruck und Bischofshofen mitnehmen kann, droht Schmitt das vorzeitige Tournee-Aus. „Es wird nach Leistung ausgesiebt – da geht es nicht mehr um Namen“, hat Schuster angekündigt.

Die Wachablösung im DSV-Team steht also bevor. Der 22-jährige Freund, der 19-jährige Bodmer und auch der 27-jährige Hocke könnten bis zum 6. Januar für kleine Ausrufezeichen sorgen. Er fahre „mit einem deutlich besseren Gefühl zur Tournee als im Vorjahr“, sagt Schuster. Was bleibt ihm übrig? Der Österreicher weiß, dass der Druck auf ihn wächst. Und dass auch Primeln in der Blütezeit durchaus hübsch anzuschauen sind.