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Sportbuzzer „Trainer, ist was gebrochen?“
Sportbuzzer „Trainer, ist was gebrochen?“
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14:47 23.11.2015
„Mal ist er wie ein Vater zu mir, dann wieder Diktator“: Arthur Abraham Quelle: dpa
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Wetzlar, 23. September 2006, WM-Kampf gegen den Kolumbianer Edison Miranda. Ihr linker Unterkiefer ist zerstört, die Wange geschwollen, Blut fließt aus Ihrem Mund - und dennoch boxen Sie weiter. Haben Sie nie ans Aufgeben gedacht?
Arthur Abraham: Keine Sekunde. Ich wurde gefragt: Kannst du noch? Ich habe geantwortet: Klar kann ich noch. In so einer Situation bist du voll fokussiert. Du musst den Willen haben, so etwas durchzustehen.

Haben Sie geahnt, wie schwer die Verletzung ist?
Das ist mir erst nach dem Kampf bewusst geworden. Ich war voller Adrenalin und wollte unbedingt siegen. Natürlich habe ich gespürt, dass etwas gebrochen ist, aber ich habe nicht gewusst, dass es ein doppelter Kieferbruch ist. Ich dachte, es ist irgendetwas am Zahn kaputt. Ich fragte: „Trainer, ist was gebrochen?“ Er antwortete: „Da ist nichts gebrochen.“

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Haben Sie Ulli Wegner die Notlüge verziehen?
Klar! Nach fünfzig Minuten war es ja offensichtlich. Alles war schief. Ich musste gleich ins Krankenhaus.

Sie wurden noch in derselben Nacht operiert. Seitdem halten zwei Titanplatten und 22 Schrauben den Kiefer zusammen. Haben Sie Probleme bei der Flughafenkontrolle?
Nein. Wenn ich nach Amerika reise, nehme ich meine Röntgenbilder mit. Wenn die Sicherheitsleute fragen, warum es piepst, sage ich: „Hier, kannst du gucken.“

Das Duell ging als Blutkampf von Wetzlar in die Box-Geschichte ein. War es auch Ihr größter Sieg?
Dieser Kampf hat mich berühmt gemacht. Acht Runden lang mit einem doppelten Kieferbruch zu boxen - das hat noch keiner geschafft.

Haben Sie noch Beschwerden?
Schmerzen nicht. Aber es gibt zwischen Mund und Kinn einen Bereich, der taub ist. Wenn ich beim Essen kleckere, merke ich es nicht.

Geschichte wiederholt sich - siehe das Duell Mitte Juli gegen Robert Stieglitz. Da haben Sie Ulli Wegner in der Pause gesagt: „Trainer, meine Zähne sind kaputt.“ Und er hat geantwortet: „Arthur, dafür haben wir jetzt keine Zeit.“
Zu mir ist er doppelt so rau wie zu jedem anderen. Aber es ist okay. Er ist mein Trainer und darf das. Im Nachhinein hat er alles richtig gemacht. Was sollte er sagen? Sollte er Mitleid haben? Er ist ein guter Mensch und ein guter Trainer, ein böser Mensch und ein böser Trainer. Mal ist er wie ein zweiter Vater zu mir, dann wieder Diktator. Er ist alles in einem.

Sie siezen ihn. Hat er Ihnen nie das Du angeboten?
Nein. Alle siezen ihn. Ich könnte ihn nicht duzen. Du, Ulli, das geht nicht. Das passt nicht.

Ulli Wegner hat sich im September die Achillessehne gerissen. Die Vorbereitung auf den morgigen Kampf gegen den Engländer Martin Murray in Hannover (22.15 Uhr, Sat.1) verlief nicht wie gewohnt. War das ein Problem für Sie?
Er hat die Trainingspläne geschrieben, und Co-Trainer Georg Bramowski hat sie umgesetzt. Es war etwas entspannter, aber wir haben trotzdem sehr hart trainiert.

Wie stark ist Murray?
Er ist schon stark, hat mehrmals um die WM geboxt und viel Erfahrung. Ich unterschätze keinen Gegner, aber ich bin stärker als er.

Welcher Gegner würde Sie noch reizen?
Felix Sturm.

Vincent Feigenbutz ist 20, hat eine große Klappe. Hat er auch das Zeug, eines Tages in Ihre Fußstapfen zu treten?
Nein.

Ihr Vertrag läuft bis Ende 2017. Dann ist Schluss mit Boxen?
Ja, ich will noch etwas von meinem Leben haben. Ich will nicht nur den ganzen Tag essen, schlafen und trainieren. Ich will auch etwas anderes sehen, ein bisschen reisen, ohne Wecker wach werden, einfach mal nichts tun. So etwas gibt‘s bei uns Boxern nicht. Wir stehen immer unter Strom, trainieren elf Monate im Jahr. Es wäre nett, ein normales Leben zu führen.

Finanziell haben Sie längst ausgesorgt. Warum tun Sie sich die Strapazen noch an?
Diese Quälerei tut gut. Ein Leben ohne Sport ist langweilig. Da schwitzt man nicht, da geht man nicht an seine Grenzen.

Ihr Bruder Alexander (34) ist verheiratet und Vater einer vierjährigen Tochter. Wie sieht‘s mit Ihrer Familienplanung aus?
In diesem Punkt bin ich zurückgeblieben. Ein Mann sollte mit 30 eine Familie haben. Ich habe mein Leben dem Sport gewidmet. Das Privatleben stand hintenan. Das ist nicht gut.

Das heißt, Sie werden gleich nach dem Ende Ihrer Karriere eine Familie gründen?
Vielleicht auch eher. Ich werde bald heiraten. Noch lebe ich mit Mama und Papa zusammen. Wir haben ein großes Haus in Berlin. Mein Bruder und seine Familie wohnen fünfzig Meter entfernt.

Wie viele Kinder möchten Sie denn haben?
Minimum drei, vier wären schön. Meine Eltern hatten damals nicht so viel Geld, deswegen sind wir nur zwei Brüder.

Sie engagieren sich in mehreren Projekten. Unter anderem haben Sie in Ihrer Heimatstadt Jerewan eine Box-Schule gegründet.
Ich unterstütze viele arme Kinder in Armenien, denen das Geld für Kleidung, Sportschuhe oder Boxhandschuhe fehlt. In Zusammenarbeit mit Adidas rüsten wir jedes Jahr 300 Sportler mit Klamotten und Trainingsgeräten aus.

Interview: Stefan Ehlers

Alles auf Sieg

Trainer Wegner macht die 100 voll: Eins stellt Arthur Abraham klar: „Was anderes als ein Sieg kommt nicht infrage.“ Wenn es für den 35-Jährigen (47 Kämpfe, 43 Siege) Sonnabend in der Tui-Arena in Hannover gegen den Briten Martin Murray (35 Kämpfe, 32 Siege) geht, denkt er dabei auch an seinen Trainer Ulli Wegner. Der 73-jährige Coach steht vor seinem 100. WM-Kampf. „Und ich möchte meinen Trainer belohnen“, sagt Abraham.

Murray will Gerechtigkeit: Für Sat.1 ist es „der Kampf des Jahres“. Gleiches gilt für Herausforderer Murray. Er verpasste vor vier Jahren nach einem Unentschieden gegen den damaligen Kölner Weltmeister Felix Sturm den WM-Gürtel. „Jetzt“, tönt der 33-Jährige, „werde ich mir Gerechtigkeit verschaffen.“ Nach dem abgesagten Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sagt er aber auch: „Wir werden zeigen, dass auch die Boxwelt zusammensteht.“     

19.11.2015
Heiko Rehberg 18.11.2015