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Sportbuzzer Das Comeback des Marathonmanns
Sportbuzzer Das Comeback des Marathonmanns
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19:06 30.03.2015
Von Norbert Fettback
Carsten Fleisch trainiert für den Marathon in Hannover.  Quelle: Alexander Körner
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Hannover

Diese beiden Ereignisse bekommt Carsten Fleisch nicht mehr aus dem Kopf. Ob er es wahrhaben will oder nicht. Der 14. Oktober 2012 gehört dazu. Carsten Fleisch biegt nach 42 Kilometern ein auf die rote Tartanbahn des Olympiastadions in München. 3:13 Stunden zeigt die Uhr an, als er wenig später die Linie passiert; es ist der mit Abstand schnellste Marathon, den der Freizeitsportler aus Hannover je gelaufen ist. „Ein unbeschreiblicher Glücksmoment“, sagt er.

Ein gutes halbes Jahr später, der 22. Mai 2013: Mitten in der Nacht wacht er schweißgebadet auf, weil er starke Schmerzen spürt, erst in der linken Schulter, dann im linken Arm. Der per Telefon herbeigerufene Notarzt handelt rasch; die Diagnose, von der Carsten Fleisch Stunden später erfährt, ist niederschmetternd: Herzinfarkt. Im Krankenhaus setzt auch noch Herzkammerflimmern ein, er wird ohnmächtig und muss mithilfe eines Defibrillators ins Leben zurückgeholt werden. Ein Stent wird gesetzt, damit sich die Blutbahn nicht wieder verschließt. „Ich habe riesiges Glück gehabt, dass mir so schnell geholfen wurde“, sagt Carsten Fleisch. Der Marathonmann ist dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen.

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Knapp zwei Jahre später scheint es, als sei nichts passiert. Der Mittvierziger, der seit 2003 schon 19 Marathons absolviert hat, schnürt dreimal in der Woche wieder die Laufschuhe. Und er hat Pläne, bei denen man zunächst nur mit dem Kopf schütteln kann. Am 19. April etwa steht sein Name auf der Starterliste des Hannover-Marathon. Die Form dafür holt er sich auch mithilfe der HAZ-Vorbereitungsgruppe, der er sich im November 2014 angeschlossen hat. Gemeldet hat Carsten Fleisch in Hannover für die volle Distanz, nicht etwa für den Zehn-Kilometer-Wettbewerb. Vor 22 Monaten wäre er fast gestorben, nun stürzt er sich wieder in eine Aufgabe, bei der man an seine körperlichen Grenzen gehen muss.

Carsten Fleisch hat sich das alles gut überlegt, wie er sagt, er habe den Kopf wieder frei, um sich an einen Marathon heranzuwagen. Auch weil er sich regelmäßig bei Ärzten vorstellt; die Untersuchungsergebnisse haben seine Bedenken ausgeräumt. Einmal in der Woche nimmt er zudem am Rehabilitationssport teil. „Mein Herz funktioniert so, wie es für Menschen in meinem Alter normal ist“, sagt er. „Ich habe keine Herzschwäche.“

Heute steht der nächste Termin bei einem Kardiologen an. „Wenn er sein Okay gibt, dann werde ich in Hannover antreten“, sagt Carsten Fleisch. „Er weiß, was er tut“, sagt Lauftrainer Markus Pingpank, der die HAZ-Gruppe betreut. „Ich bitte ihn immer, ja vorsichtig zu sein. Die Gesundheit muss immer oberste Priorität haben.“ Sollte es am 19. April warm werden, was Marathonläufer gar nicht mögen, will Pingpank mit ihm über den beabsichtigten Start noch einmal reden.

Ob der Herzinfarkt überhaupt in einem Zusammenhang mit seinem großen Laufpensum stand, sei nicht bekannt, meint Carsten Fleisch. Was könnte es sonst gewesen sein? „Man weiß es nicht“, sagt er. „Ich habe nie geraucht, mich immer gesund ernährt und überhaupt sportgerecht gelebt.“ Vielleicht habe er einfach nur Pech gehabt. Vielleicht hat er aber auch die Warnsignale nicht ernst genug genommen, die ihm sein Körper im April 2013 sendete. Da musste er einen schnellen Trainingslauf vor dem Hannover-Marathon nach fünf Kilometern wegen einer deutlich zu hohen Herzfrequenz beenden. „Ich bin dann weitergetrabt und hatte das für mich schon abgehakt“, sagt er.

Dass es nicht mehr so läuft wie früher, als er sich sportlich sogar für den Boston-Marathon qualifiziert hatte, nimmt Carsten Fleisch klaglos hin. Und er tritt nach einem dreiviertel Jahr Laufpause - ausgefüllt unter anderem mit einer vierwöchigen Reha, viel Treppensteigen und Walking - auch bewusst kürzer. „Ich schlage nicht mehr das Tempo an, das ich eigentlich schaffen könnte“, sagt er. Auch das Spurten lässt er sein. Nicht mehr missen möchte Carsten Fleisch die Pulsuhr, deren Anzeige er beim Sport ständig im Blick hat. Auch achtet er noch mehr darauf, genügend zu trinken.

„Nach dem Herzinfarkt habe ich mir gewünscht, irgendwann zehn Kilometer am Stück wieder langsam laufen zu können“, sagt der 44-Jährige. Jetzt soll es der Hannover-Marathon sein. 42,195 Kilometer. In einer Zeit „um die vier Stunden und 15 Minuten“. Also eine Stunde über seiner Bestleistung.

Für Carsten Fleisch gibt es seit 2013 Wichtigeres.

Interview mit Uwe Tegtbur, Direktor des Instituts für Sportmedizin an der MHH, und Arno Kerling, Arzt am Olympiastützpunkt in Hannover

Herzinfarkt und regelmäßiges Sporttreiben – schließt sich beides aus?
Tegtbur:  Im Gegenteil, körperliches Training und Sport sind wichtige Bestandteile in der Behandlung der koronaren Herzerkrankung. An der Medizinischen Hochschule werden etwa 300 Herz-Kreislauf-Erkrankte ein- bis zweimal in der Woche mit Sportangeboten versorgt. Es gibt zwei wichtige Aspekte: zum einen den gezielten therapeutischen Effekts des Trainings auf den Behandlungsprozess von Erkrankten, etwa zur besseren Durchblutung des Herzmuskels oder um zu verhindern, dass sich Cholesterin in die Gefäßwände einbauen kann. Zum anderen geht es darum, die körperliche Leistungsfähigkeit wiederherzustellen. Ausdauertraining ist daher fester Therapiebaustein. 

Was geben Sie Läufern mit auf den Weg, die sich nach einem Herzinfarkt wieder einer Herausforderung wie einem Marathon stellen wollen?
Kerling:  Ausdauertraining, zu Beginn vielleicht über 30 Minuten und dann gesteigert auf 60 Minuten, ist durchaus gut. Eine extreme Belastung von drei oder vier Stunden Dauer hingegen ist nicht primär zu empfehlen. Für einen Lauf über 42 Kilometer müssen je nachdem dreieinhalb bis viereinhalb Stunden veranschlagt werden. Man nicht vorhersehen, was im Körper in dieser Zeit vor sich geht.  Es gibt keine Tests, die diese Stresssituationen bezogen auf die gesamte Dauer gut darstellen können. Wenn wir ein Belastungs-EGK machen, dauert das etwa 15 Minuten – ein Marathon lässt sich auf diese Weise nicht simulieren. Es gibt viele Menschen, die einen Herzinfarkt hatten und einen Bypass tragen, die dennoch auf die Strecke gehen. Eine generelle Empfehlung, mit Herzinfarkt Marathon zu laufen, kann ich jedoch nicht geben. Ein Risiko ist nicht auszuschließen, zumal Anspannung und Stresslevel im Wettkampf ohnehin hoch sind.

Tegtbur: Nach einem Herzinfarkt ist es nicht ratsam, 100 Prozent zu geben. Bei langen körperlichen Belastungen sollte man immer ausreichend Reserven haben und sich nicht erschöpfen. Die koronare Herzerkrankung ist eine chronische Erkrankung, das sollte man bei seinen Zielen berücksichtigen. 

Was wird bei einem Marathon mehr gefordert: die Beine oder das Herz?
Tegtbur: Das Herz wird beim Marathon lange hoch belastet. Die Beine benötigen Energie und Sauerstoff. Fehlt etwas davon, kommt es zur Rückmeldung vom müden Muskel zum Herzen: das Herz schlägt schneller und kräftiger. Und dann ist da noch ein zweiter Weg. Es werden mit zunehmender Laufzeit immer mehr Hormone ausgeschüttet – auch Adrenalin. Das Herz schlägt dann schneller und stärker, das Volumen, das das Herz pumpt, erhöht sich pro Minute auf das Zwei- bis Vierfache, damit die benötigte Menge Blut in den Beinen ankommt. Das Adrenalin sorgt auch dafür, dass aus den Kohlenhydraten Energie bereit gestellt wird. Wenn sich die Speicher im Laufe eines Marathon allmählich leeren, versucht der Körper gegenzuregulieren, indem noch mehr Adrenalin ausgeschüttet wird. Das passiert erst nach zwei, drei Stunden, und auch das kann man schlecht simulieren. Der Sportler merkt das daran, dass sein Puls irgendwann noch deutlicher ansteigt.

Und er ziemlich ins Schwitzen kommt ...
Tegtbur: Beim Marathon werden etwa nur 15 Prozent der Energie fürs Laufen verwendet. 85 Prozent entfallen auf die Wärme, die sich im Körper ansammelt. Je länger die Belastung dauert, desto schwerer hat es der Organismus, der Wärmeentwicklung entgegenzuwirken. Das geschieht, indem die Haut stärker durchblutet wird, man schwitzt. Und auch dazu muss das Herz noch mehr arbeiten. Dabei spielen auch äußere Bedingungen eine Rolle, etwa wie man sich beim Marathon verhält, wie stark man sich anstrengt, ob man ausreichend trinkt oder wie es um das Wetter bestellt ist. Es ist wichtig, seine Energiereserven einschätzen zu können und für Kühlung zu sorgen. 

Sollten Marathonveranstalter generell mehr Wert darauf legen, dass gesundheitliche Risiken der Läufer minimiert werden?
Kerling: Eins vorweg: Das Risiko, dass es bei einem Marathon einen Toten gibt, ist vergleichsweise gering.. Man sollte aber topfit und gesund sein, wenn man an den Start geht – ansonsten sollte man ihn verschieben. Symptome eines grippalen Infekts wie z.B. Fieber  mit Medikamenten zu unterdrücken, davon kann ich nur abraten. 

Wie häufig sollte sich ein Freizeitsportler einem Belastungs-Check unterziehen?
Kerling: Sportlich Ambitionierten würde ich eine Laboruntersuchung, ein Ruhe-EKG, eine körperliche Untersuchung und ein Belastungs-EKG empfehlen, bei Auffälligkeiten würde ich auch noch zu einem Herz-Ultraschall raten.

Das kann aber teuer werden.
Tegtbur: Es gibt immer mehr Krankenkassen, die solche Sportchecks altersunabhängig bezahlen. Wer das präventive Potenzial nutzen will, das der Sport bietet, der sollte sich von Anfang an darum grundlegende Gedanken machen. Also nicht gleich damit anfangen, dreimal die Woche zehn Kilometer zu laufen, ohne sich vorher ärztlichen Rat geholt zu haben.

Hand aufs Herz: Leben Läufer wirklich bis zu sechs Jahre länger, wie dänische Forscher unlängst herausgefunden haben wollen?
Tegtbur: Wer viel Sport treibt, lebt länger, reduziert das Risiko, an einem Herzinfarkt zu erkranken, um 50 Prozent. Viele Krebsarten treten bei denen, die sich regelmäßig bewegen, bis zu 30 Prozent seltener auf. Marathonläufer sind im Sommer und im Winter unterwegs: Das erhöht die schützende Wirkung im Vergleich zu reinen Sommersportlern. Jede Trainingseinheit ist ein Baustein für mehr Gesundheit – Laufen schützt.

Interview: Norbert Fettback