Leichtathletik - David Mühle: Vom „Problemkind“ zum Meistersprinter – HAZ – Hannoversche Allgemeine
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Sportbuzzer David Mühle: Vom „Problemkind“ zum Meistersprinter
Sportbuzzer David Mühle: Vom „Problemkind“ zum Meistersprinter
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Von Carsten Schmidt
Der 20-Jährige ist mehrfacher deutscher Meister bei den Sportlern mit mentaler Behinderung.
Der 20-Jährige ist mehrfacher deutscher Meister bei den Sportlern mit mentaler Behinderung. Quelle: Das Fahrgastfernsehen/Arp
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Seit 2003 wohnt Mühle im Gutshof Hudemühlen in Hodenhagen (Kreis Soltau-Fallingbostel), einer Einrichtung für geistig- und lernbehinderte Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und 21 Jahren. Dort hat er mit dem Springen und Sprinten die Leidenschaft seines Lebens entdeckt.

Mühle ist ein drahtiger, kräftiger Sportler. Er ist kontaktfreudig und erzählt viel aus eigenem Antrieb. Der lebensfrohe junge Mann weckt Sympathie beim Gegenüber mit seinem lausbubenhaften Charme. Eine Beeinträchtigung welcher Art auch immer ist auf den ersten Blick und beim ersten Kontakt nicht zu merken.

Dennoch ist Mühle geistig behindert. Sein Intelligenzquotient liegt niedriger als 75 und damit deutlich unter dem Normbereich von 85 bis 115. Der Grund dafür liegt im Dunkeln, weil es weder bei der Geburt noch im frühen Kindesalter besondere Vorkommnisse gab. „David stammt aus einem, sagen wir, schwierigen sozialen Umfeld“, sagt Dieter Rupalla, der Schulleiter in Hudemühlen. „Er besuchte von Beginn an eine Förderschule und kam mit 13 Jahren zu uns, als seine Entwicklung aus dem Ruder zu laufen schien.“

Mühle, der damals noch in Hamburg bei seiner Mutter und mehreren Geschwistern lebte, war ein „Problemkind“, ergänzt Rupalla. Er schwänzte die Schule, er reagierte unvermutet aggressiv auf seine Umwelt. „Wenn ich mich ärgere, dann könnte ich auch heute noch in den Wald gehen und Bäume kaputt hauen“, sagt der 20-Jährige etwas verlegen, weil er selbst ahnt, dass seine Zornesausbrüche die anderen verschrecken und verstören. Und Mühle geriet auch schon als Kind mit den Gesetzen in Konflikt, weil ihm in vielen Bereichen des täglichen Lebens das Bewusstsein dafür fehlt, was rechtens und was Unrecht ist.

„David hatte weder Halt noch Rückhalt“, sagt Rupalla zusammenfassend. Bis er in die Sportgruppe zu Christine Gerhardt kam. Die pädagogische Mitarbeiterin am Gutshof und der Schulleiter, selbst ein passionierter Leichtathlet, unternahmen den Versuch, dem Leben des Heranwachsenden mithilfe der Leichtathlet Struktur zu geben.

Und sie landeten damit einen Volltreffer. „Mit dem regelmäßigen Schulbesuch oder gar einer Tätigkeit in der Behindertenwerkstatt klappt es bei David nicht, weil ihm die Stetigkeit fehlt. Im Sport aber ist das ganz anders“, sagen beide übereinstimmend. Mühle trainiert mit Feuereifer aus zwei Gründen - er hat Spaß, und er hat auch Rupalla und Gerhardt so schätzen gelernt, dass er seine Mentoren nicht enttäuschen möchte. Und der 20-Jährige ist mit einem Talent gesegnet, dass vielen Nicht-Behinderten fehlt. Mit 7,46 Sekunden über 60 Meter, 11,75 Sekunden über 100 Meter, 24,0 Sekunden über 200 Meter und rund 5,60 Meter im Weitsprung zählt er mittlerweile sogar zu den besten mental behinderten Sportlern auf dem Kontinent. Bei den Europameisterschaften in Kroatien wurde Mühle Siebter im 100-Meter-Lauf. Und im Weitsprung will er die Sechsmetermarke knacken, um sich einen Platz im deutschen Team für die Paralympics 2012 in London zu sichern. „Dafür trainiere ich“, sagt der Leichtathlet und schaut ganz verlegen, als ihm Rupalla entgegnet: „Dann darfst du aber auch nicht so viel rauchen.“

Was kommt nach 2012? „Wir hoffen, dass David irgendwie beim Sport bleiben kann“, sagen Rupalla und Gerhardt. Anderenfalls, befürchten beide, würde er in ein Leben ohne Halt und Rückhalt hineingleiten.

David Mühle persönlich

Auf welchen Ihrer Erfolge sind Sie besonders stolz? Auf meinen 7. Platz bei den Europameisterschaften. Und auf meine beiden Siege bei den deutschen Hallenmeisterschaften, die jetzt in Erfurt stattgefunden haben.

Haben Sie Vorbilder? Marc Lembeck aus Leverkusen, ein sehbehinderter Sprinter. Der ist noch schneller als ich.

Was sind Ihre Stärken? Ich kann gut sprinten.

Und haben Sie auch kleine Marotten? Wenn mir etwas nicht passt, dann kann ich richtig wild werden.

Welcher Film gefällt Ihnen besonders? Harry Potter, der 1. Teil. Die Bücher habe ich auch gelesen.

Bei welcher Musik könnten Sie sofort mitsingen? Rap und Hip-Hop, beispielsweise Bushido.

Haben Sie ein Lieblingsessen? Herrentorte - das ist eine „Spezialität“ aus der Gutshof-Küche: Blätterteig gefüllt mit Pilzen und Sahne.

Haben Sie noch Träume, oder sind Sie wunschlos glücklich? Ich träume davon, dass ich im Weitsprung bei den Paralympischen Sommerspielen 2012 in London starten kann. Dafür will ich ganz viel trainieren.