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Sportbuzzer Der Faustball-Fachmann
Sportbuzzer Der Faustball-Fachmann
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15:29 12.03.2012
Die Summe ist, was zählt: Peter Lütje kümmert sich beim TK Hannover um die vielen kleinen Dinge hinter dem Spielbetrieb. Quelle: Gabriel Poblete Young
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Hannover

Diesmal hat Peter Lütje den Störenfried nicht erwischt. Der Radfahrer hat den Lenker herumgezogen und ist hinter der Ecke des Vereinsheims verschwunden. Genau da, wo das Schild „Radfahren verboten" hängt. Lütje ist verärgert, gerne hätte er dem Regelübertreter die Meinung gegeigt. „Es hätte ja jemand um die Ecke kommen können, vielleicht sogar ein Kind", sagt er. Schon unzählige Male hat er diese Ermahnung ausgesprochen. Man mag die Reaktion des Rentners für übertrieben halten, es war ja kein Kind da, und der Radler war auch nicht schnell. Aber für Lütje ist dieser Platz nun mal nicht irgendeiner. Und wer ihm einmal länger zuhört, wenn er ganz bescheiden von seinem täglichen Einsatz für das Gelände erzählt, der lässt sein Rad von nun an auf dem Parkplatz stehen.

Am Anfang hat sich Lütje für den Sportplatz des Turn-Klubbs zu Hannover (TKH) gar nicht interessiert. Anstatt die Faustballer, Tennisspieler oder Leichtathleten beim Training zu beobachten, steckte sich der Fünfjährige lieber eine Feder ins Haar und rannte in die nahe Eilenriede. Indianer spielen. Doch seine Eltern, seit 1949 in Hannovers größtem Sportverein aktiv, nahmen ihn immer wieder mit auf den Platz im Stadtteil Kirchrode. Und irgendwann entschied sich der junge Peter, beim Faustball mitzuspielen. Wann genau das war, weiß Lütje nicht mehr, es muss rund 60 Jahre her sein. Doch am Faustball hängt sein Herz noch heute.

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Schon damals war Faustball keine Massensportart, erinnert sich der 67-Jährige. Gerade in einer Großstadt, wo viele Sparten miteinander konkurrieren. Doch die geringe Aufmerksamkeit der Medien und des Publikums hat ihn nie gestört. Dafür hat ihn Faustball immer zu sehr fasziniert; diese rasante Sportart, die dem Volleyball ähnelt, nur mit einem niedrigeren Netz und der Regel, dass der Ball einmal den Boden berühren darf. Und Lütje nutzte sein Talent.

Elf Jahre lang spielte er mit seinen „Turnbrüdern" vom TKH in der Bundesliga, dreimal holten sie den Titel des deutschen Meisters nach Hannover. Ende der sechziger Jahre berief der Bundestrainer den nur knapp über 1,70 Meter großen Abwehrspieler in die Nationalmannschaft. Es erwies sich als gute Wahl: 1970 gewann das achtköpfige Team um Lütje die Europameisterschaft. Dicht gefolgt von der Auswahl der DDR. „Das ist lange her", sagt Lütje heute, wenn man ihm nachträglich zum Titelgewinn gratuliert. Noch länger her ist seine Entscheidung, sich auch über die Spiele hinaus für seinen Verein stark zu machen. Schuld daran war das Osterfeuer.

Lütje spielte noch in einer Jugendmannschaft, als jemand zum Holzaufschichten für das TKH-Osterfest gesucht wurde. Er meldete sich. Dasselbe tat er, als kurz darauf jemand zum Laubharken gebraucht wurde. Lütje war - und blieb - jemand, der die Hand hebt, wenn bei den „Turnbrüdern" Bedarf ist. "Anders läuft es nicht, das haben mir die Altvorderen im Verein mitgegeben", sagt er. Heute gehört er selbst zu diesen alten Hasen. Seit mehr als 20Jahren ist er Sportwart in der Faustballabteilung. Und „weil der Platzwart eben auch nicht immer alles sieht", wie Lütje augenzwinkernd sagt, macht der dessen Job gleich mit - ganz inoffiziell.

Jeden Tag stattet er seinem Platz einen Besuch ab. "Irgendetwas gibt es immer zu tun. Aber es sind meist keine großen Dinge", sagt Lütje abwehrend. Er mag keine Lorbeeren. Doch es ist die Summe dieser vielen kleinen Dinge, die Lütje für die Faustballabteilung so unersetzlich macht. Um das zu verstehen, muss man sich einen Spieltag ohne ihn vorstellen:

Es ist Sonnabend, 15.30 Uhr. Die 1.Männermannschaft will das Heimspiel gegen Berlin nutzen, die "rote Laterne" in der Bundesliga Nord endlich abzugeben. In einer halben Stunde ist Anpfiff, man ist früher da, um sich warm, nein, heiß zu machen. Doch die Faustballer finden nur einen leeren Acker vor: Das Netz hängt nicht, auf dem Rasen ist keine Linie gezogen, kein Ball liegt bereit. Offensichtlich war niemand schon zwei Stunden vorher da, um die Flüssigkreide anzurühren, das Feld zu markieren und das Netz zu spannen. Auch der Schiedsrichter und die Assistenten sind nicht gekommen. Der Unparteiische ist gestern krank geworden, um Ersatz hat sich niemand gekümmert. Und es hat auch niemand seine Kontakte aus 45 Jahren Faustball bemüht, um zwei Linienrichter zum Kommen zu bewegen - und um ihnen am Abend zumindest ein Bier für ihre unbezahlte Mühe auszugeben. Und wenn das Spiel dann doch beginnt, wenden sich die Zuschauer vor allem dem Bratwurststand zu. Dass es ein Entscheidungsspiel für den TKH ist, hat keiner mitbekommen - denn an der Kasse lag kein Programmheft mit aktueller Tabelle und Hintergrundbericht bereit.

Einen solchen Spieltag hat es bei den Faustballern in Kirchrode noch nicht gegeben. Und die meisten wissen, wem sie das zu verdanken haben. "Hier kennt ihn jeder - er ist ja auch schließlich jeden Tag da", sagt Kassenwart Werner Ströhm. Fast 35 Jahre lang hat Lütje als stellvertretender Vertriebsleiter für Schaumstoffe gearbeitet. Seit Kurzem ist er Rentner. Nun hat er noch mehr Zeit, mit der Walze hinten am Trecker über Maulwurfshügel zu bügeln, den Zaun zu kontrollieren, über den die Jungspunde so gern aufs Gelände klettern, und um den Handwerkern am Telefon Druck zu machen, wenn sie auch den dritten Termin zum Streichen der Duschräume haben verstreichen lassen.

Oder um zur TKH-Geschäftsstelle zu fahren und den Chef um Geld für einen neuen Laubbläser zu bitten. Im Sommer schwingt sich Lütje für diese allwöchentliche Fahrt zum Geschäftsführer gerne aufs Fahrrad. Das hält fit. Er hat also eigentlich gar nichts gegen das Radfahren. Solange es nicht auf seinem Sportplatz stattfindet.

Bereits vorgestellt haben wir Rüdiger Battersby (Basketball, TK Hannover), Jürgen Schnepel (Hockey, Hannover 78), Klaus Johansson (Rollhockey, SC Bison Calenberg), Ingeborg Rönsch (Schwimmen, Landesschwimmverband), Gerd Bleidorn (Sledge-Eishockey, Ice Lions Langenhagen), Conny Hill (Turnen, Landesturnverband) und Horst Kemmling (Rugby, TSV Victoria Linden).

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