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Sportbuzzer Der Rugbyspieler aus Leidenschaft
Sportbuzzer Der Rugbyspieler aus Leidenschaft
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08:52 06.03.2012
Von Michael Soboll
Den Ball seines Abschiedsspiel hat Horst Kemmling behalten.
Den Ball seines Abschiedsspiel hat Horst Kemmling behalten. Quelle: Simon Peters
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Hannover

Wenn Horst Kemmling in Erinnerungen schwelgen möchte, dann reicht ein Gang zum Wohnzimmerfenster. Der Blick schweift erst über die Dächer der Kleingartenkolonie, dann trifft er auf die Baumreihe am Rand des Freibads - und genau da, zwischen den Wipfeln, schimmert der Rasen durch, dem Kemmling seit fast 50 Jahren jede freie Minute widmet. Auf dem Spielfeld des TSV Victoria Linden hat er 1963 zum ersten Mal ein Rugby-Ei in die Hand genommen. Da war er sechs Jahre alt. "Die meisten Mitspieler waren schon 14, und meine Hauptaufgabe war es, ihnen nicht im Weg zu stehen", erinnert sich Kemmling. Die Aufgabe sollte sich schnell ändern.

Beim Gang durch die Jugendklassen von Victoria feilte der heute 55-Jährige an seinem Können - und machte sich später nicht nur in der 1. Mannschaft unersetzlich. Fünfmal wurde er mit den "Zebras" deutscher Meister. Bereits mit 19 Jahren berief ihn der Bundestrainer in die Nationalmannschaft, es folgten 50Spiele mit dem Bundesadler auf der Brust. Damit ist Kemmling Rekordnationalspieler. Sicher, Angebote von anderen Klubs hat es gegeben. Doch Victoria den Rücken zu kehren, kam für Kemmling nie in Frage. "Für außerhalb von Linden habe ich kein Visum", sagt er lachend.

In Linden, Hannovers altem Arbeiterviertel, ist Kemmling geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen. Nach dem Studium nahm er einen Job als Lehrer an, später wurde er Leiter einer Förderschule - natürlich in Linden. Schon sein Vater spielte Rugby bei Victoria, ebenso wie seine drei älteren Geschwister. Und Rugby ist ein traditionsbewusster Sport. Hier vergisst man nicht, woher man kommt.

Gewundert hat sich also niemand, als Kemmling dem Verein auch nach seiner aktiven Zeit seine Freizeit schenkte. Vor allem die Arbeit auf dem Platz lag ihm. Als Trainer mehrerer Jugendmannschaften - und Anfang der neunziger Jahre auch der 1. Männermannschaft - gab er seine Spiel-Erfahrung weiter. Und wenn sich mal niemand für ein Funktionärsamt fand, dann sprang er ein. Am Anfang musste er sich ein wenig bitten lassen, gibt Kemmling zu. Aber irgendwer müsse den Laden ja zusammenhalten, und ein Verein brauche eben einen Sportwart, einen Kassenwart und einen Vereinsvorsitzenden.

"Es gibt hier keinen Job, den ich noch nicht gemacht habe", sagt Kemmling. Zu seiner großen Liebe ist das Büro im Vereinsheim aber nie geworden. Zu weit weg vom Rasen. Und so schwingt sich Kemmling noch heute ab und an auf den Rasenmäher und waltet eines Amtes, das er eigentlich gar nicht mehr innehat.

Und doch hatte die Arbeit abseits des Platzes auch ihr Gutes. Denn erst aus dieser Perspektive wurde Kemmling bewusst, wo bei Victoria der Schuh drückt - und beim Rugby im Allgemeinen. "Die Aufmerksamkeit schwindet. Es tut der Sportart nicht gut, dass drei Vereine in Deutschland viel Geld für ausländische Profis ausgeben und alles dominieren", sagt er. Er selbst hat auch andere Zeiten erlebt: In den siebziger und achtziger Jahren kämpften bis zu sieben hannoversche Vereine um die Meisterschaft. Es war die Blütezeit des Rugbys in der Landeshauptstadt. Heute spielt nur noch das Team von Hannover 78 in der 1. Liga. Erst im August musste Victoria elf Spieler ziehen lassen, die ihre sportliche Perspektive beim Lokalrivalen sahen. "Der deutsche Rugbysport hat den Sprung in die Professionalität verschlafen. Und wir von Victoria haben die Jugendarbeit zu lange schleifen lassen", bilanziert Kemmling.

Und so machte Kemmling den Ausbau der Jugendabteilung zu seinem Anliegen, als er 2004 den Vereinsvorsitz übernahm. Das lockte auch Sponsoren an und entlastete die klamme Vereinskasse. Für Kemmling ist das ein willkommener Nebeneffekt - die Motivation zur Arbeit mit dem Nachwuchs ist es nicht. "Was ich als Spieler alles sehen durfte, ist unglaublich", schwärmt er. Das Ei hat ihn auf die Fidschi-Inseln und nach Hongkong geführt, nach Schottland und in die damalige Sowjetunion. "Und überall trafen sich die Spieler als Gleiche unter Gleichen." Der nächsten Generation ähnliche Erfahrungen zu ermöglichen, treibe ihn an.

Vor wenigen Wochen hat Kemmling den Vereinsvorsitz aus Zeitmangel niedergelegt. Er verbringt neuerdings viel Zeit in Irland, wo seine neue Frau wohnt. Irland - eine Nation mit einer langen Rugby-Tradition. "Natürlich zieht es mich da ab und an in die Stadien. Die Qualität des dortigen Spiels ist überwältigend", sagt er. Victoria bliebt er als 2.Vorsitzender erhalten. Und sein Herz gehört ohnehin dem Klub aus Linden: Wenn er abends aus dem Fenster blickt und die Flutlichter brennen sieht, dann rückt Irland in weite Ferne.

Bereits vorgestellt haben wir Rüdiger Battersby (Basketball, TK Hannover), Jürgen Schnepel (Hockey, Hannover 78), Klaus Johansson (Rollhockey, SC Bison Calenberg), Ingeborg Rönsch (Schwim-men, Landesschwimmverband), Gerd Bleidorn (Sledge-Eishockey, Ice Lions Langenhagen) und Conny Hill (Turnen, Landesturnverband).

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