Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Sportbuzzer Der Skandal-Snowboarder macht Politik
Sportbuzzer Der Skandal-Snowboarder macht Politik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:21 23.02.2010
Ross Rebagliati 1998 in Nagano. Quelle: ap
Anzeige

Als Kiffer über den Olymp in die Politik: Ross Rebagliati strebt für die Liberalen einen Sitz im kanadischen Parlament an. Ross Rebagliati? Der 38-Jährige aus Vancouver hat einst bei Winterspielen Schlagzeilen und Geschichte geschrieben: 1998 in Nagano war er der erste Snowboard-Olympiasieger überhaupt. Wegen Marihuana-Konsums wurde er zunächst disqualifiziert - dann rehabilitiert. Die Goldmedaille hatte er in den bangen Tagen immer in seiner Hosentasche. Viel Rauch um nichts? Rebagliati wird nie vergessen, wie er in der Zelle einer japanischen Polizeistation saß.

Auf den Besitz von Cannabis standen damals in Japan bis zu sieben Jahre Haft. „Wir waren drei: Der Polizeichef, eine Dolmetscherin, die so gut Englisch konnte wie ich Japanisch, und ich. Nach fünf Stunden habe ich erfahren, dass die Medaille mir gehört“, erzählte Rebagliati der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wollte den Snowboarder sperren. Vielen Funktionären waren diese wilden Kerle und Party-Gänger suspekt. Der Internationale Sportgerichtshof CAS sprach ihn wieder frei, weil es zwischen dem IOC und dem Ski-Weltverband FIS keine Vereinbarung für solche Fälle gab.

Anzeige

Rebagliati bestreitet bis heute, vor oder bei Olympia Hasch konsumiert zu haben. „Gras zu rauchen war Teil unserer Kultur in Vancouver und Whistler. Ich habe aber zehn Monate vor Nagano damit aufgehört. Ein paar Wochen vor den Spielen war ich jedoch bei Festen, wo geraucht wurde.“ Nach der Analyse der Urinprobe waren die Doping- Kontrolleure aber zu einem anderen Ergebnis gekommen.

Rebagliati hat seine Snowboard-Karriere längst beendet, auf Immobilien gemacht, ist Familienvater, hat ein Buch geschrieben („Off the chain“ - „Sprengt die Fesseln“) und versucht sich jetzt auf der politischen Bühne. „Viel Glück!“ hatte ihm vor 20 Jahren der kanadischen Premier Pierre Trudeau auf eine Serviette geschrieben. Damals arbeitete Rebagliati als Kellner in einem Restaurant.

Für den Wahlkreis seiner Heimatstadt will er nun ins Parlament von Ottawa einziehen. Rebagliati war schon zum Dinner bei Oppositionschef Michael Ignatieff. „Ich habe auch eine Rede vor den Liberalen im Parlament gehalten, ohne Abgeordneter zu sein. Das hat’s noch nie gegeben“, meinte er stolz. Als er ein Autogramm schreibt, sagt er grinsend: „Obama ist auch Linkshänder.“ Der konservative Premier Stephen Harper, wetterte er, habe hingegen „die Verbindung zur Gesellschaft“ verloren: „Nur ein Arroganter spielt Beatles-Lieder im Smoking und auf dem Piano.“ Einen Wahltermin gibt es noch nicht, Harper hat das Parlament erneut ausgesetzt. Rebagliati setzt vor allem auf die Wähler unter 40 Jahren. „Es gibt zur Zeit eine kleine Revolution. Um sich daran zu erinnern, dass die Kanadier politisch so interessiert waren wie heute, muss man schon in die 60er Jahre zurückgehen.“ Dass die britische Königin Elisabeth II. bis heute formal Staatsoberhaupt ist, sei ein Relikt aus vergangenen Tagen. „Ich glaube, das Commonwealth ist vorbei. Wir müssen nach vorne schauen.“

dpa

Sportbuzzer Untrennbares Team - Herrchen und Hund
Stefan Stosch 20.02.2010
Björn Franz 22.02.2010