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Sportbuzzer Der Traum vom Flieger
Sportbuzzer Der Traum vom Flieger
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13:39 22.10.2009
Von Tatjana Riegler
Nachwuchs im Blick: Johanna Deutschmann hilft den Talenten am Schwebebalken.
Nachwuchs im Blick: Johanna Deutschmann hilft den Talenten am Schwebebalken. Quelle: Ulli Zur Nieden
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Wie Fabian Hambüchen möchten hier fast alle sein. Nicht so verletzt wie Deutschlands Turnstar, das versteht sich. Aber so biegsam, so zupackend, so furchtlos. Und so erfolgreich.

Wenn die Mädchen der Turnerschaft Großburgwedel den Sprungtisch ansteuern, strotzt ihr Blick nur so vor Zielstrebigkeit. Er gilt dem Absprungpunkt, doch eigentlich wollen die 20 Schülerinnen im Alter von sieben bis zehn Jahren höher hinaus. Wollen beim internen Ausscheidungsturnen gut abschneiden, alle vier Wochen zu Kreisrunden-Wettkämpfen reisen und Figuren beherrschen, von denen sie derzeit nur träumen dürfen.

„Erst die Arme hoch, Luisa, dann die Beine strecken“, ruft Cheftrainer Horst Appel. Die achtjährige Luisa Voges trainiert zwei- bis dreimal pro Woche, gerade ist das Aufhocken am Schwebebalken dran. Eine P4-Übungen, wie die Turner sagen, „eine schwierige Sache“, wie Appel meint. Und eine wackelige obendrein.

Von P1 bis P10 sind die Elemente eingeteilt in diesem Bereich, der viel vom Breitensport hat und doch schon so leistungsorientiert ist. Will der Turnnachwuchs am Kreiswettbewerb teilnehmen, muss er einen Aufschwung am Barren, eine Grätsche am Kasten oder eben das Aufhocken am Balken beherrschen - alles P4-Übungen. Purzelbäume am Reck (P1) oder Hockwenden am Kasten (P2) reichen als Fertigkeiten für Kinderturnfeste aus.

Luisa aber möchte zum Kreiswettbewerb, und die Namen der Elemente, die sie dafür benötigt, kennt sie so gut wie die notwendigen Handgriffe. „Nur die Bodenübungen sind schwer zu merken“, gesteht die Drittklässlerin, der Turnen vor allem deshalb so gut gefällt, „weil man immer etwas lernt“. Etwa einen Salto, den sie schon beherrscht, oder einen Flickflack, den sie eifrig übt. Angst? Kennt sie so wenig wie Lampenfieber.

Hart im Nehmen sind die Mädchen in ihren glänzenden Turntrikots alle. Luisa hat sich bei einer Flugrolle über den Bock schon die Lippe aufgeschlagen, ist auch mal mit dem Rücken auf den Schwebebalken gefallen. „Ich mache trotzdem weiter“, sagt sie energisch. Sie träumt vom Handstand-Überschlag am Tisch.

Als wäre Durchhaltevermögen die oberste Tugend des Turners. Johanna Deutschmann, die in Großburgwedel den Nachwuchs und die Leistungsgruppe trainiert und noch ihr eigenes Programm am Stufenbarren durchzieht, kennt diese Härte. Sie hat vor 13 Jahren angefangen, „aber erst relativ spät das Trainingspensum erhöht“. Die Bundesliga hat sie dennoch erreicht, seit 2006 ist sie mit den TS-Mädchen in der Eliteliga vertreten.

„Turnen ist einfach abwechslungsreich“, sagt die 18-Jährige, „man entwickelt ein Gefühl für seinen Körper.“ Und man entwickelt Schnelligkeit, Eleganz, Kraft, Ausdauer, Konzentration und Beweglichkeit. Angerissene Bänder und verstauchte Füße sind keine Seltenheit, und trotzdem hat die Abiturientin nie ans Aufhören gedacht, „dazu träume ich zu oft davon“. So automatisiert hat sie die Elemente. Dazu gehört der „Flieger“, ein Salto mit halber Schraube am Stufenbarren, „den habe ich ein halbes Jahr geübt“. Meint das Üben vier- bis fünfmal in der Woche, in Großburgwedel und in der Talentschule des Niedersächsischen Turner-Bundes in Badenstedt. Etwa zwei Stunden geht Deutschmann dann an die Geräte, „normal wären drei bis vier“. Normalerweise sind Bundesliga-Turnerinnen aber auch erst zwölf bis 16 Jahren alt.

„Viele Turnkinder begeistert man, indem sie jemanden sehen, dem sie nacheifern können“, sagt die Bundesliga-Turnerin. Luisa, die gerade erfahren hat, dass sie zum Kreisrunden-Wettkampf fahren darf, schaut ihr zu. Fabian Hambüchen? Schön und gut, aber erst einmal möchte die Achtjährige so gut werden wie Johanna.

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