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Sportbuzzer Die Goldschmiede
Sportbuzzer Die Goldschmiede
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09:05 08.11.2009
Von Tatjana Riegler
„Etwa 500 Medaillen haben unsere Sportler gewonnen." Die FES sorgt für Medaillen und Titel. Quelle: ddp (Archiv)
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Die Galerie beeindruckt. Wenngleich in diesem schlichten Treppenhaus keine Meisterwerke in Öl auf Leinwand hängen. Nein, diese Meisterwerke sind gedruckt auf Papier: Plakate, Fotos, Autogramme, viele signiert, doch das Meisterhafte verbirgt sich eher hinter den Gesichtern. Sie zeigen Bobfahrer, Eisschnellläuferinnen, Radfahrer und Kanuten – alle Meister ihres Faches und Olympiasieger, Welt- und Europameister. Wer die drei Stockwerke des unscheinbaren Gebäudes in Berlin-Schöneweide bis oben vor die Tür des Chefs durchläuft, passiert mal eben die kleine Ahnengalerie des deutschen Sports. „Etwa 500 Medaillen haben unsere Sportler gewonnen“, sagt Direktor Harald Schaale. Wobei „unsere Sportler mit unseren Sportgeräten“ hier, im Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES), die treffendere Bezeichnung ist.

Sie sind stolz auf ihre Sportler und auf ihre eigene Leistung. Auf das, was in der Philosophie „Optimierung im System Mensch/Material“ heißt. Den deutschen Rodlern sichert das FES mit den weltbesten Schlitten seit Jahren den Erfolg in der Eisrinne, gleiches lässt sich über die Eisschnellläuferinnen oder die Bobfahrer sagen. Jüngst war der Zweierbob des zweifachen Vizeweltmeisters Thomas Florschütz zum Check vor der beginnenden Weltcup-Saison, der Zweier von Doppelolympiasieger Andre Lange wurde gerade verpackt. „Die werden noch blau lackiert“, sagt Schaale, und wer in den nächsten Wochen oder im Februar während der Olympischen Spiele eine hellblaue Zigarre über seinen Fernsehbildschirm huschen sieht, kann sicher sein: Die kommt aus Berlin.

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Vancouver ist das Ziel dieses Winters, auch für die 64 FES-Mitarbeiter. Der Vierjahresrhythmus bestimmt den Takt: Nach klaren Zielvorgaben und heftigen Konzeptdebatten zwischen Ingenieuren, Trainern und Sportlern geht es an die Konstruktion, bis im vorolympischen Jahr der Prototyp eines Modells so weit fertiggestellt ist, dass die Athleten ihn ausgiebig testen können. „Um die Macken herauszubekommen“, sagt Schaale. Mit Beginn der Olympiasaison muss ein komplettes System bereitstehen. Die Geräte für Vancouver – acht Rennrodel, acht Zweierbobs, zwölf Skeletons und das Fußwerk für das Frauen-Nationalteam im Eisschnelllauf – hatten die FES-Mitarbeiter nach einer Hochstressphase im September fertig. Gekündigt hat trotzdem niemand.

Dazu ist das Arbeitsumfeld auch zu spannend. Nicht nur wegen der neuesten Technologien: Oft schauen Sportler vorbei, oder die Projektleiter besuchen sie im Training. Service und Betreuung sind neben der Geräte- und der Messtechnik der dritte Schwerpunkt des Hauses. Im August etwa waren die deutschen Eisschnellläuferinnen zu Gast, deren Weltcup-Saison heute in Berlin beginnt. Das FES entwickelt das Klappsystem der Kufen, „eine sehr individuelle Geschichte“, weiß der Direktor. Keine Kufe gleicht der anderen, mag es auf den ersten Blick auch so aussehen: „Die Abweichung ist maximal ein Zehntel“, sagt Schaale, „die Sportler merken das.“ So erhält jede Läuferin ihre eigene Biegung; eine exzellente Technikerin wie Claudia Pechstein wählt eine gerade Schiene, andere sind mit einer leicht gebogenen oder hinten gekippten Schiene unterwegs. Und wenn es doch mal nicht passt, hören die Ingenieure so Sätze wie „die Kurve schnirpst“ und versuchen mittels Oberflächenmesstechnik, die Kufe neu zu definieren.

Spitzensportler erfinden ulkige Begriffe, um sich den Ingenieuren auch ohne Physikstudium mitteilen zu können. Etwa wenn Rodler und Bobfahrer vom „Popometer“ reden, das manchmal besser funktioniert als die FES-Messtechnik. Wenn sie neben ihrer Feinsensorik noch die Fähigkeit mitbringen, Auffälligkeiten auszudrücken, ist es den Entwicklern am liebsten. „Deswegen sind sie aber noch keine besseren Sportler“, betont Schaale. Trotzdem hat er einige ehemalige Leistungssportler nach ihrem technischen Studium für das FES gewinnen können, „die verstehen die Sprache des Sports“. Sören Lausberg, einst Radrennfahrer, und der frühere Eisschnellläufer Michael Künzel sind nur zwei von ihnen.

Am wichtigsten ist jedoch die Zwiesprache zwischen Mensch und Material. Ein komplexes System, bei dem sich das FES als Dienstleister versteht. „Wir sind nicht diejenigen, die die Goldmedaillen produzieren, das muss der Sportler machen“, sagt Schaale. Den höchsten Anteil an der Leistung erbringe immer der Mensch – „aber selbst hinter jeder Technik stecken Menschen und zig Jahre an Ingenieurswissen“.

Und doch gibt es Unterschiede zwischen Sportarten wie Radsport oder Eisschnelllauf, bei denen der Athlet pro Tritt, pro Schritt mit eigener Energie das „System“ antreiben muss. Beim Rodel- und Bobsport, wo Hundertstel- und Tausendstelsekunden über Sieg und Niederlage entscheiden, verhält es sich anders: Dort gibt es am Start eine Initialzündung, danach funktioniert der Lauf über Physik, über Hangabtriebskraft, über Aerodynamik, Reibung und Fahrwerkskonstruktion. Deshalb sei das Verhältnis der Materialwertigkeit im Eiskanal einige Prozentpunkte höher als beim Eisschnelllauf, sagt Wirtschaftsingenieur Schaale. Eine Hundertstelsekunde bedeutet schließlich eine lange Zeit: Wenn man die mit Material einspare, „kann man sich sogar mal einen Fahrfehler leisten“. Logisch, dass das FES mit einer unglaublichen Akribie und Geduld die Athleten immer wieder zu Testfahrten bittet – wenngleich der Direktor die athletischen Voraussetzungen für entscheidender hält: „Wenn die Bobfahrer nur drei Zehntel schlechter anschieben, brauchen sie nicht mehr loszufahren.“ Weil der Bob schon eine Sekunde aufholen müsste. Das sind Welten, wenn man um die Goldmedaille fährt.

Um nichts anderes geht es hier. Das FES genießt einen hervorragenden Ruf, gilt weltweit als Trendsetter im Spitzensport, „das sagt man uns nach“, meint Schaale bescheiden und warnt im harten Konkurrenzkampf vor Größenwahn: „Es gibt schlaue Amerikaner, Schweizer, Kanadier, Russen – und alle wollen die Goldmedaille.“ Weil es aber nur eine pro Sportart gibt, bedeutet dies im Umkehrschluss: Auch einige Schlaue werden sich immer mit Silber, Bronze oder Blech begnügen müssen, so gut und fleißig sie auch arbeiten.

Allein deshalb wollen sich die Berliner ihrer Sache lieber nicht zu sicher sein. Die Materialschlacht gehört zum Geschäft, bei dem die Konkurrenz argwöhnisch beäugt wird. „Unser Job ist getan, wenn der Sportler so gut vorbereitet ist, dass er eine echte Medaillenchance hat“, sagt Schaale. Umso größer ist die Freude bei seinen Mitarbeitern, wenn „ihr“ Bob oder Rodel, wenn „ihre“ Schlittschuhkufe zum Sieg rast. Sie fiebern mit, nicht erst, wenn in Vancouver das olympische Feuer brennt. Und sie feiern mit, spätestens wenn die Athleten ihre Helfer zum Saisonabschluss einladen. Ein Poster hängt übrigens auch beim Direktor im Büro. „Die Konkurrenz schläft nicht – sie trainiert“ steht darauf geschrieben.

Und es ist so gut wie sicher, dass im Frühjahr im Flur neue Poster mit neuen Medaillengewinnern hinzukommen.

Norbert Fettback 02.11.2009
Björn Franz 01.11.2009
Tatjana Riegler 22.10.2009