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Sportbuzzer Meisterin zweier Klassen
Sportbuzzer Meisterin zweier Klassen
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12:53 06.07.2013
Von Uwe Kranz
Bereit für den nächsten Kampf: Dilara Kocak.
Bereit für den nächsten Kampf: Dilara Kocak. Quelle: Petrow
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Hannover

Dilara Kocak hat ein ganz besonderes Problem. Die 21-jährige Profi-Thaiboxerin aus Hannover hat sich in ihrer Sportart in die nationale Spitze vorgekämpft. Seit 2009 hat sie keinen Kampf mehr verloren und nun berechtigte Hoffnungen auf einen WM-Kampf im kommenden Jahr. Ein Traum für die ehrgeizige Kämpferin – wäre da nicht auch noch das olympische Boxen. Denn auch in dieser klassischen Disziplin ist Kocak gerade deutsche Meisterin geworden und hätte große Chancen auf eine Teilnahme an den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro. Zwei große Ziele, bei denen eines klar ist: Beides geht nicht.

Vor sieben Jahren war solch schwerwiegende Entscheidungen für Kocak weit entfernt. Die junge Türkin begleitete ihren Bruder ins Studio Kenpokan in Vahrenwald. Eigentlich sollte er dort seine Fitness verbessern. Doch die junge Frau war sofort vom Kampfsportvirus infiziert. Bis heute ist sie kaum zu bremsen, wenn es ums Training geht. Eine Kapselverletzung im Sprunggelenk, die vom jüngsten Thaiboxerfolg am vergangenen Wochenende in Sprockhövel herrührt, würde sie am liebsten einfach abschütteln und diskutiert eifrig mit ihrem Trainer Lars Brockmann, welche Übungen sie trotz der Blessur gefahrlos machen darf. Pausieren fällt ihr einfach schwer.

Thaiboxen

Muay Thai oder Thaiboxen ist mit einer weit über tausendjährigen Geschichte eine der ältesten bekannten Kampfkünste. Zugelassen sind Techniken mit den Fäusten, mit den Ellbogen, mit den Knien und mit den Beinen. Außerdem ist es den Kämpfern erlaubt, im Stand zu clinchen und ihre Gegner zu Boden zu werfen. Vor Beginn des Kampfes führen beide Kämpfer den Wai Kru aus, eine Art zeremoniellen Tanz, in den die Kämpfer oft auch eine eigene Note einbringen.

Allgemein sind Verletzungen bei Kocak aber selten. „Dilara hatte noch keine blutenden Wunden im Gesicht“, stellt Brockmann fest. Und das, obwohl beim Thaiboxen durchaus auch mal ein Knie zum Kopf geführt wird. Alles eine Frage der Deckung. Die hat sich aber erst im Laufe der Zeit verbessert, schließlich ging die deutsche Meisterin bei ihrem ersten großen Turnier trotz Ganzkörperpanzerung für Anfänger noch k. o., heute sind es die Gegnerinnen, die die Kämpfe häufig vorzeitig beenden müssen.

„Profi“ ist übrigens eher eine Klasseneinteilung und heißt nicht, dass Kocak von ihrem Sport leben kann. Vielmehr absolviert sie gerade eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Das Handgeld, das sie für ihre fünf bis sechs Thaiboxkämpfe pro Jahr erhält, bessert eher das Taschengeld auf.  
Die Zeit dazwischen lässt genug Zeit für andere Aktivitäten, wobei ihr Trainer das Fußballspielen eigentlich verboten hat. „Ich muss es ihm immer verheimlichen, wenn ich zum Fußballtraining gehe“, sagt die Spielerin des Oberliga-Aufsteigers HSC Hannover.

K1

K1 ist ein Regelwerk, das vor gut 20 Jahren in Japan entwickelt wurde und seitdem Disziplinen wie Kickboxen oder Muay Thai mehr und mehr verdrängt. Erlaubt sind Boxschläge, Tritte zu den Beinen, zum Körper und zum Kopf. Knietechniken sind zugelassen, aber im Unterschied zum Muay Thai darf der Gegner dabei nicht gehalten und der Kopf des Gegners nicht heruntergezogen werden. Traditionelle Elemente wie im Muay Thai wurden komplett verbannt.

Größeres Augenmerk legt Kocak aufs  olympische Boxen, auch weil viel davon in ihrer Spezialdisziplin drinsteckt. So bereitete sich die 21-Jährige eigentlich auf den Thaiboxkampf in Sprockhövel vor, um eine Woche zuvor bei den deutschen Boxmeisterschaften in Straubing anzutreten. Das Finale in der Gewichtsklasse bis 60 Kilogramm gegen die mehrfache Titelträgerin Tasheena Bugar aus Karlsruhe bezeichnete Bundestrainer David Hoppstock später als „sensationell“. Nach einem intensiven Schlagabtausch gewann die Hannoveranerin knapp mit 2:1 Richterstimmen und ist seitdem auch bei den Boxern in aller Munde.

Allerdings setzte Kocak dieser Erfolg auch körperlich zu. Beim Thaiboxevent Sprockhövel eine Woche später merkte sie den Kräfteverschleiß deutlich und konnte nicht wie gewohnt glänzen. Nach dem Sieg gegen ihre niederländische Gegnerin flossen sogar Tränen. „Sie hat 20 Minuten lang geweint“, sagt Trainer Brockmann. Aber nicht die Fußverletzung oder die Erschöpfung waren der Grund. „Ich war einfach nur enttäuscht, dass ich nicht alles zeigen konnte, was ich kann“, sagt die Boxerin.

MMA

Mixed Martial Arts gilt als die derzeit am meisten wachsende Sportart weltweit. In Deutschland hat MMA wegen eines früher sehr übersichtlichen Regelwerks einen schlechten Ruf. Der Unterschied zum Muay Thai oder K1 ist, dass in den MMA auch Bodenkampftechniken erlaubt sind und somit der Kampf oft auf den Boden verlagert wird. Hinzu kommen Techniken aus dem Ringen, Judo, Ju-Jutsu und anderen Bodenkampfsportarten.

Nun muss sich Kocak entscheiden. Internationalen Ruhm genießt sie in der Thaiboxszene heute schon. Dort könnte sich ein Erfolg in einem WM-Kampf endlich auch wirtschaftlich lohnen. Auf der anderen Seite steht das unvergleichbare Erlebnis, bei Olympischen Spielen mit Athleten aus allen Sportarten rund um den Globus im olympischen Dorf zu wohnen und am größten Sportereignis der Welt teilnehmen zu dürfen. Doch dafür fehlt Kocak noch ein wichtiges Detail: die deutsche Staatsbürgerschaft, ohne die sie nicht für die Nationalmannschaft antreten darf. Die Boxerin hofft, dass der Verband bei der Einbürgerung behilflich ist. „Es wäre sehr wichtig, dass es klappt“, sagt Kocak. Wenn nicht, ist die Entscheidung über ihre sportliche Zukunft schon gefallen.

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