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Sportbuzzer Dirk Bohlen: Auf dem Wasser verschwinden die Schmerzen
Sportbuzzer Dirk Bohlen: Auf dem Wasser verschwinden die Schmerzen
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Von Volker Wiedersheim
Dirk Bohlen sitzt in seinem „museumsreifen“ Boot, mit dem der Architekt aus Wilhelmshaven dennoch bestens zurechtkommt.
Dirk Bohlen sitzt in seinem „museumsreifen“ Boot, mit dem der Architekt aus Wilhelmshaven dennoch bestens zurechtkommt. Quelle: Das Fahrgastfernsehen/Bargiel
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Wenn der 46-Jährige davon erzählt, spürt man, wie seine Ungeduld wächst, endlich wieder die richtigen Strippen zu ziehen. Oder besser Schoten: Denn nur damit steuert er sein Boot, kontrolliert Ruder und Segel, seit einem schweren Verkehrsunfall. Die linke Hand hat er dabei verloren. Aber Bohlen ist ein „Jetzt erst recht“-Typ; die Behinderung hat ihn vom engagierten Freizeitsegler zum Regattasegler gemacht. Nicht verbissen, aber ehrgeizig - und erfolgreich.

Afrika! Da zog es Bohlen 2008 hin. Im Auto nach Spanien, übergesetzt nach Marokko, durch die Sahara „in einem Auto, das wir irgendwann abgegeben haben, weil es komische Geräusche gemacht hat“. In einem Überlandbus schließlich war er unterwegs von Mali nach Togo. Er war schon früher einmal da und wollte eine Großcousine und Freunde besuchen. Doch der Bus kam nie an. Gut 160 Kilometer vor dem Ziel stürzte das Fahrzeug um und rutschte über die Straße. „Dabei wurde mir praktisch die Hand abgeschliffen. Ich hatte auch eine Wunde am Kopf, und die Brille ging verloren. Sechs Dioptrien, da musste ich mir das wenigstens nicht mit ansehen“, sagt Bohlen - trocken, aber nicht verbittert.

„Wie komme ich zurück ins Leben?“, diese Frage beschäftigte Bohlen zurück in Varel. Einen Impuls gab die TV-Übertragung der Paralympics in Peking. „Da gab es einen Beitrag über den Bundestrainer der behinderten Segler, seine E-Mail-Adresse wurde eingeblendet. Ich habe ihm einfach geschrieben.“

Bohlen kommt aus einer Seglerfamilie. Schon im Alter von vier Jahren überließ ihm der Vater das Ruder. Früh bekam er sein erstes eigenes Boot. Wasser, Wellen und Wind waren wohl für ihn, was für andere die Sandkiste ist. Aber nach dem Unfall? „Ich dachte immer, beim Segeln braucht man eine Hand für die Schoten und eine für die Pinne.“ Doch es geht auch anders. Der damalige Behinderten-Segelbundestrainer Bernd Zirkelbach setzte Bohlen in ein Boot des Typs 2.4mR. Segel, Masttrimmung, Steuerung - alles mit Seilen, alles aus einer Hand. „Ich habe mich darin gleich wohl gefühlt. Natur, Wasser, Wind, da kann man sehr gut abschalten“, sagt Bohlen über seine Rückkehr aufs Wasser.

Er hat sich bald ein eigenes Boot besorgt. Das von Weltmeister Heiko Kröger. Er nennt es „museumsreif“, weil Kröger mit diesem Boot 2000 bei den Paralympics in Sydney eine Goldmedaille gewonnen hat. Der Bootstyp 2.4mR ist ohnehin kein Spielzeug, sondern ein echtes Sportboot. Der Segler sitzt im gut vier Meter langen, aber nur 82 Zentimeter breiten Rumpf mit dem Po unter der Wasserlinie.

Und das Berliner Institut, das auch den deutschen Bobpiloten und Rodlern die Schlitten flottmacht, hat auch Bohlens Boot beschleunigt. Jetzt ist der Kiel tiefer gelegt, und das Ruder wird mit Fußpedalen kontrolliert. Einerseits ist das Segeln wie eine gute Medizin, wie Bohlen sagt: „Nach dem Unfall habe ich viel mit Schmerzen zu tun gehabt. Aber auf dem Wasser konnte ich ganz klar sein. Die Schmerzen waren weg. Das war ein großer Lebensgewinn.“ Andererseits aber haben die alten Seglerinstinkte und der neue positive Ehrgeiz Bohlen richtig schnell gemacht. Sein Idol, Weltmeister Kröger, hat er jedenfalls schon ein paarmal auf einem Regattakurs abgehängt, wie er mit dem Stolz des erfolgreiches Sportlers berichtet.

Jetzt will er noch mehr. „Segeln ist ein Erfahrungssport. Da wächst man mit der Zeit“, findet Bohlen und ist heilfroh, dass ihm die Arbeit einige Freiräume bietet. Der Familienvater - Lebensgefährtin Sylvia Thümmler sowie die Töchter Sinah und Carla sind ebenfalls begeisterte Segler - ist Architekt für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schleswig-Holstein, für deren Pfarrhäuser, Kirchen, Krippen und Hospize er zuständig ist. „Unregelmäßige Arbeitszeiten, aber so ergeben sich Freiräume zum Segeln.“ Das schätzt inzwischen auch der Behinderten-Segelbundestrainer: Auf seine Anregung hin absolviert Bohlen einen Segellehrerschein, und er sucht Nachwuchs für die Segelabteilung des Behindertensportverbandes Niedersachsen in Wilhelmshaven.

Dirk Bohlen persönlich

Auf welchen Ihrer Erfolge sind Sie besonders stolz? Auf den 6. Platz bei der internationalen deutschen Meisterschaft 2010 auf dem Chiemsee und auf die offene WM 2010 in Hoorn als 65. von 86 Booten.

Haben Sie Vorbilder? Weltmeister Heiko Kröger, weil er ehrgeizig, zugleich aber feinsinnig ist. Durch seine ähnliche Behinderung ist er mir nahe, da schaue ich schon genau hin, um mir etwas abzugucken.

Was sind Ihre Stärken? Meine Vielseitigkeit, Interesse und Offenheit.

Und haben Sie auch kleine liebenswerte Marotten? Meine Außendarstellung: Ich stehe nicht so gern in der Öffentlichkeit.

Welcher Film gefällt Ihnen besonders? Down by Law von Jim Jarmusch.

Bei welcher Musik könnten Sie sofort mitsingen? Ich höre eine Menge Musik, zum Beispiel Nick Cave.

Haben Sie ein Lieblingsessen? Foufou. Das ist ein afrikanisches Gericht, ein Brei aus der Yams-Wurzel, mit Soße oben drauf, das ist sehr nahrhaft.

Haben Sie noch Träume, oder sind Sie wunschlos glücklich? Natürlich habe ich noch Träume. Zum Beispiel noch erfolgreicher zu segeln.