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Sportbuzzer Im Geiste der Hofreitschule
Sportbuzzer Im Geiste der Hofreitschule
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14:51 19.08.2009
Hohe Reitkunst: Richard Hinrichs mit seinem Kladruberhengst Favory Ravella in der Pesade. Quelle: Jana Striewe
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Weil seine Eltern unter dem langjährigen Leiter Alois Podhajsky an der Spanischen Hofreitschule zu Wien arbeiteten, wuchs der heute 55-Jährige mit Lipizzanerpferden auf, die nach den Regeln der klassischen Reitkunst bis zur Hohen Schule ausgebildet waren. „Meine Eltern hatten immer mindestens einen Lipizzaner“, erinnert sich Hinrichs.

Bis heute haben ihn diese meist als „barock“ bezeichneten Pferde und die damit verbundene klassische Reiterei nicht mehr losgelassen. In der Wedemark betreibt der Jurist das Institut für klassisch-barocke Reiterei, wo neben seinen eigenen sechs Pferden auch sechs Gastpferde stehen. Mit Freunden und Schülern tritt Hinrichs beispielsweise beim „Feuerwerk der Pferde“ in den Herrenhäuser Gärten auf – barock kostümiert und mit Lektionen aus der Hohen Schule. Zudem ist der 55-Jährige Präsident und Gründer des Bundesverbandes für klassisch-barocke Reiterei (bfkbr). Dieser hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Reitstil in der Öffentlichkeit bekannter zu machen.

Tatsächlich scheint es so etwas wie einen Trend in diese Richtung zu geben. Reinrassige Andalusier, Lusitanos und Friesen erfreuen sich auch bei Freizeitreitern immer größerer Beliebtheit. Zudem findet das im Barockzeitalter von den Reitmeistern Antoine de Pluvinel und François Robichon de la Guérinière eingeführte feine Reiten ohne jede Gewaltanwendung viele Anhänger. De Pluvinel und de la Guérinière bildeten seinerzeit mit jahrelanger Geduld Pferde für den Kampf (später auch für die reine Reitkunst) aus, die schnell auf feinste Hilfen reagieren mussten und sich gut im Gleichgewicht trugen. „Das Barockpferd ist ein Kompaktpferd mit ausgeprägter Versammlungsfähigkeit“, sagt Hinrichs.

Versammlung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Pferde ihre hintere Körperpartie (die Hinterhand) verstärkt einsetzen, um ihr Gewicht zu tragen und vorne leicht zu werden. Nur durch die Versammlung werden klassische Lektionen wie die Piaffe oder die Pesade (ein Erheben auf der Hinterhand) möglich. Ein so ausgebildetes, versammeltes Pferd kann auf kleinster Fläche wenden, aus dem Stand angaloppieren und aus vollem Tempo wieder stoppen, ohne aus dem Gleichgewicht zu kommen. Zwar werden heute längst keine Schlachten zu Pferd mehr geritten, im Stierkampf und beim Hüten der Jungstiere in Spanien und Portugal werden die schon im Barock geforderten Eigenschaften aber immer noch benötigt.

Die Methoden, mit denen die Reaktion des Pferdes auf feinste Hilfen erarbeitet wird, sind in der klassischen Reiterei heute immer noch die gleichen wie im 18. Jahrhundert zur Hochzeit des Barocks. So lernen die Pferde zunächst, sich vom Boden aus vom Menschen führen zu lassen, und können ohne Belastung schwierige Übungen ausführen. Durch häufige Biegungen und Seitwärtsgänge wie die von de la Guérinière eingeführte Lektion Schulterherein werden die jungen Tiere bei der Dressur geradegerichtet und gymnastiziert – bis sie schließlich bereit sind für Lektionen wie Piaffe und Pesade. Oder für die aus der Hofreitschule bekannten „Schulen über der Erde“, bei denen das Pferd maximale Kraft aus der Hinterhand aufbringen muss, um sich in Sprüngen vom Boden zu lösen.

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„Barock verbindet sich für mich mit Lebensfreude“, sagt Hinrichs. Neben den schönen Bildern stehe der Reitstil dieser durch Zukunftsängste geprägten Zeit daher auch für die Freude am Umgang mit dem Pferd. Hinrich selbst hat diese Freude früh erfahren: Mit drei Monaten saß er zum ersten Mal im Sattel. Im Alter von vier Jahren setzte ihn sein Vater auf ein in der Piaffe ausdrucksvoll auf der Stelle trabendes Pferd, „an dieses Gefühl kann ich mich noch gut erinnern“. Während der Schulzeit bekam der Junge vor allem dann Reitunterricht, wenn seine Noten passabel waren – und weil ihm das nicht reichte, stahl er sich heimlich zum Reiten. In dieser Zeit lernte Hinrichs im Zirkus Althoff die ersten Andalusierpferde aus Spanien kennen: „Die haben mich wegen ihrer Schönheit und ihres großen Ausdrucks sehr beeindruckt.“ Mit 14 Jahren kam er schließlich nach Karlsruhe ins Reitinstitut Egon von Neindorffs, der neben Lipizzanern auch Deutschlands erste portugiesische Lusitanos sein Eigen nannte.

Um heute möglichst vielen Menschen das klassische Reiten zu ermöglichen, hat der Bundesverband für klassisch-barocke Reiterei gemeinsam mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) einen Ausbildungsgang zum Trainer C im klassisch-barocken Reiten konzipiert. Die ersten zwei Jahrgänge haben ihre Ausbildung bereits abgeschlossen und arbeiten nun als Reitlehrer mit Spezialkenntnissen. Interessierte Reiter, die einen Ausbilder für klassisch-barockes Reiten suchen, finden eine entsprechende Liste auf der Internetseite des Bundesverbandes (www.bfkbr.de).

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