Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Sportbuzzer Wie spielt man eigentlich Rollstuhlbasketball?
Sportbuzzer Wie spielt man eigentlich Rollstuhlbasketball?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:15 17.02.2017
Eigentlich hasse ich Ballsportarten, und Teamspieler bin ich auch nicht“, sagt Rollstuhlbasketballer Philip Schorp. Doch längst hat er sich in seinen Sport verliebt.
Eigentlich hasse ich Ballsportarten, und Teamspieler bin ich auch nicht“, sagt Rollstuhlbasketballer Philip Schorp. Doch längst hat er sich in seinen Sport verliebt. Quelle: Zur Nieden
Anzeige
Hannover

Es gibt die Liebe auf den zweiten Blick. „Eigentlich hasse ich Ballsportarten, und Teamspieler bin ich auch nicht“, sagte Philip Schorp und schmunzelt dabei. Mittlerweile hat der 23-Jährige, der beim Zweitligisten Hannover United Rollstuhlbasketball spielt, aber seinen Sport schätzen gelernt. 2012 wurde er U22-Europameister, ein Jahr später Weltmeister in der Nachwuchsklasse.

Aber nicht nur der Erfolg hat bei Schorp die Leidenschaft entfacht. Für ihn ist das „Mannschaftsgefühl und der Austausch mit anderen erfahrenen Rollstuhlfahrern“ wichtig. Die strategischen Spielzüge, die technische Komponente durch die Sportrollstühle und nicht zuletzt die lautstarke Stimmung der Fans sorgen für die besondere Spannung in einem Rollstuhlbasketballspiel. Und letztlich hat Schorp der Sport auch geholfen, nach der Querschnittlähmung in Folge eines schweren Unfalls im Januar 2010 wieder Mut zu fassen.

Damals war Schorp, der aus Rottenburg am Neckar stammt, 16 Jahre alt. Es hatte viel geschneit damals in Schwaben, und der Jugendliche verabredete sich zum Rodeln mit zwei Freunden. Übermütig knoteten sie die Schlitten zusammen und sausten den Hang hinab. Doch unterwegs drehte sich der Schlitten-Konvoi um 180 Grad, die Jugend fuhren mit erheblichem Tempo rückwärts - gegen den „einzigen Baum weit und breit“, sagte Schorp. Er saß auf dem Schlitten, der zuerst aufprallte und zog sich eine Quetschung des Rückenmarks und der Nervenstränge zu. Das hatte eine Lähmung von der Brust abwärts zur Folge. Schluss war es mit den Touren auf dem BMX-Rad, die der sportbegeisterte Schüler zuvor so gern unternommen hatte. Statt dessen wurden schon die 21 Stufen zur elterlichen Wohnung zur Herausforderung.

Ein Freund brachte Schorp im Herbst 2011 zum Rollstuhlbasketball - und dort startete er richtig durch. Er wurde schon nach wenigen Monaten für die deutsche Auswahl nominiert und erntete die ersten internationalen Meriten. 2014 entschloss sich der Schwabe zum Umzug in den Norden nach Hannover, um sein Studium für Soziale Arbeit und den Sport besser verbinden zu können. In der niedersächsischen Landeshauptstadt lebt er in einer Wohngemeinschaft mit zwölf anderen Sportlern in direkter Nähe zum Trainingsgelände seines Teams.

Nicht zimperlich

Rollstuhlbasketball ist für Schorp eine der „wohl inklusivsten Sportarten überhaupt“. Alle können in einer Mannschaft zusammenspielen, Frauen und Männer sowie Rollstuhlfahrer und „Fußgänger“ mit einer leichten körperlichen Einschränkung. Möglich ist dies durch ein spezielles Regelsystem, das den Grad der Beeinträchtigung auf einer Skala von 1,0 (stark) bis 4,5 (kaum eingeschränkt) .einstuft. Ein Rollstuhlbasketball-Team besteht aus fünf Spielern, die mit insgesamt 14,5 Punkten klassifiziert worden sind.

Zimperlich darf ein erfolgreicher Rollstuhlbasketballer aber nicht sein. Bei der hohen Geschwindigkeit und Hektik im Spiel passiert es nicht selten, dass die Rollstühle laut gegeneinander krachen. Für Schorp gehört das dazu, zumal er als Guard immer da ist „wo es knallt.“ Der Student spielt auf der Position des Ballverteilers und Aufbauspielers, weil er aufgrund seiner Querschnittlähmung mit 1,0 eingestuft wird. Ein Center hat meist einen höheren Klassifizierungswert, weil diese Position mehr Bewegungsfreiheit erfordert.

Mit Hannover United will Schorp in die 1. Bundesliga zurückkehren - und die Aussichten sind gut. In der momentanen Zweitliga-Spielzeit steht sein Club noch ungeschlagen an der Tabellenspitze der Gruppe Nord. Einziger direkter Aufstiegskonkurrent sind die Baskets 96 Rahden - und auf diese Mannschaft trifft United am Sonnabend, 25. Februar, in der IGS Stöcken (Beginn des Duells ist um 18 Uhr). In diesem Topspiel können Schorp und seine Kollegen schon die Weichen für den Aufstieg stellen - und dabei würde natürlich die lautstarke Unterstützung möglichst vieler Besucher helfen.

Justus Wolters

Sie haben die Wahl

Philip Schorp zählt nicht nur zu den Leistungsträgern im Behinderten-Sportverband Niedersachsen (BSN). Der Rollstuhl-Basketballer stand vor zwei Jahren auch schon zur Wahl für den Sportler des Jahres und erlebte als einer von sechs nominierten Athleten die glanzvolle Gala im GOP-Varieté mit dem Ehrengast Katarina Witt, die eine warmherzige Laudatio nicht nur auf den Abstimmungssieger Björn Behnke hielt, sondern auch auf Schorp und die übrigen Mitbewerber. Auch in diesem Jahr stehen sechs Sportler zur Wahl, die mit ihrem Lebensmut und ihrer Leistungsfähigkeit Vorbilder sind. Alle haben an internationalen Meisterschaften teilgenommen.

Die Handbiker Vico Merklein (Gold und Bronze) und Christiane Reppe (Gold) schafften bei den Paralympics in Rio de Janeiro ebenso den Sprung auf das Siegertreppchen wie der Mittelstreckler Alexander Bley (Silber über 1500?Meter) bei den Europameisterschaften der Gehörlosen. Radsportler Thomas Schäfer, Schützin Elke Seeliger und Paratriathlet Stefan Lösler meisterten ihren Auftritt in Brasilien ebenfalls mit Bravour. Welcher dieser sechs Sportler 2017 die BSN-Wahl gewinnt, können Sie, liebe Leser, mitentscheiden. Bis zum 8.?März haben Sie die Möglichkeit, auf der HAZ-Internetseite für ihren Favoriten zu votieren.

14.02.2017
Sportbuzzer Neukonzeption bei Burgwedeler Handballern - Aus HSG wird TSG – und HHB
Christoph Hage 17.02.2017