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Sportbuzzer Ein Land im Kaufrausch
Sportbuzzer Ein Land im Kaufrausch
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06:50 28.01.2015
Geld wirft Tore: Für die Handball-WM war den Katarern nur das Beste gut genug. Quelle: KARIM JAAAFAR
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Doha

Achmed verkauft im Suk Wagif, dem auf alt getrimmten Basar von Doha, Ketten, Kannen, auch ein paar Uhren. Sein Stand ist schräg gegenüber der riesigen, in WM-Farben gehaltenen Fernsehwand. Die Nationalmannschaft von Katar spielt, doch Handball interessiert hier keinen. Der Bildschirm ist schwarz, die Stühle davor zu Stapeln aufgestellt.

„Das ist immer so“, sagt Achmed. „Bilder habe ich auf dem Riesenfernseher noch nie gesehen.“ Beim Thema Handball zuckt er nur die Schultern. „Rudelgucken“ - im proppevollen Suk denkt der Katarer da an Jahrmarktsvergnügen, an die Delfin-Show mit Walzerklängen oder an die Übertragungen von der französischen Fußballliga.

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Das alles passt ins Bild dieser bizarren Weltmeisterschaft der Superlative. Das Emirat ist im Kaufrausch. Es hat mehr als 200 Millionen Euro in die Titelkämpfe investiert, drei hypermoderne Arenen in den Sand gesetzt. Der Emir lässt Popstars wie Pharrell Williams, Gwen Stefani und Beyoncé für 45-Minuten-Konzerte im Stadion einfliegen, kauft sich in der ganzen Welt ein Team zusammen und die Fans noch dazu. Unter ihnen werden zur Belohnung Luxuslimousinen verlost, wenn sie nur ja ins Stadion kommen. Und trotzdem: Kaum ein Katarer interessiert sich für das staatlich finanzierte Großereignis.

Auf dem Spielfeld ist das anders. Denn dort wirft Geld Tore. Mit einem Sieg heute über Deutschland würden die Gastgeber als erstes asiatisches Team in ein WM-Halbfinale einziehen. Und dafür haben die Wüstensöhne viele ihrer Öldollar investiert. So wurde ein Heer von Tophandballern mal eben schnell eingebürgert. Einer ist Zarko Markovic, ein Montenegriner, der in der Bundesliga in Hamburg spielte. Zum Gruppensieg hat Rafael Capote, gebürtiger Kubaner, das Team geworfen. Und im Tor steht ein Spitzenduo: Danijel Saric vom FC Barcelona, Bosnier, und Goran Stojanovic, wie Markovic Montenegriner und zuletzt bei den Rhein-Neckar Löwen aufgelaufen. Nur vier Spieler sind echte Einheimische, der Rest kommt aus Europa oder Nordafrika.

Möglich macht die Einbürgerung ein Statut des Weltverbandes Internationale Handballföderation (IHF): Aktive, die drei Jahre nicht für ihr Land gespielt haben, dürfen den Verband wechseln. Helmut Digel, in Doha als IHF-Berater für internationale Entwicklungen in Asien unterwegs, hält das für „nicht glücklich“. Sollte das Beispiel Schule machen, „werden wir bald keine echten Nationalmannschaften mehr haben“.

Die Sportsöldner von Katar interessiert das nicht. „Handball ist unser Job“, rechtfertigt sich Stojanovic, der nicht nur wegen der Sonne an den Golf gekommen ist. Die Spieler streichen neben ihrem Gehalt von monatlich 30 000 Euro eine Prämie von 100 000 Euro pro Sieg ein, eine halbe Million Euro haben sie schon zusammen. Pro Mann.

Es lockt sogar noch mehr: Für den Einzug ins Halbfinale sollen die Scheichs eine vollwertige Staatsbürgerschaft angeboten haben. Das heißt: 200 000 Euro, netto, bis ans Lebensende, plus ein Haus. Für Strom, Schule, Arztbesuche muss man im Emirat nichts zahlen. „Die werden rennen wie Teufel“, ahnt der deutsche Spielmacher „Mimi“ Kraus.

Trainiert werden die Legionäre von Valero Rivera, der Spanien 2013 zum Titel führte. Danach lockten ihn die Scheichs an den Golf, für 800 000 Dollar Jahresgehalt. „Nach Katar zu gehen war die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt der Katalane.

Auf dem Spielfeld führt all das zu befremdlichen Szenen, wenn Stojanovic mit seinen Mitspielern im Mittelkreis steht, die linke Hand an der Brust und voller Inbrunst die katarische Nationalhymne „as-Salam al-Amiri“ („Es lebe der Emir“) singt. Markovic trägt lange Socken, um sein Tattoo, das seine Heimat Montenegro zeigt, zu verbergen.

Noch skurriler wird es beim Blick auf die Ränge. Um die leeren Arenen zu kaschieren, werden die Oberränge mit in den Sitzen schlafenden Bauarbeitern aufgefüllt. Weiter unten trommeln und trompeten falsche Fans. 70 Spanier aus Valencia, Cuenca, Aranda und Puerto de Sagundo, die immer wieder „Vamos Katar!“ schreien. Es war Riveros Idee, sie aus seiner Heimat einzufliegen und im Stil der Katarer einzukleiden. Gedanken um Kosten für Flug, Unterkunft und Tickets brauchten sich die gekauften Fans nicht zu machen. Der Emir, Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, zahlt die Rechnung.

Es ist die sonnige Seite der Arbeitsmigration, die das Leben auf der Halbinsel am Laufen hält. Doch es gibt auch das große Heer der Arbeitssklaven. Etwa 1,8 Millionen Menschen, die meisten aus Indien, Pakistan oder von den Philippinen, fristen ein ärmliches Leben als Küchenhilfen und Dienstmädchen, Bauarbeiter und Hilfskräfte - für knapp 150 Dollar Monatslohn.

Und der wird oft nicht einmal gezahlt, weil das Kalafa-System alle Möglichkeiten zur Ausbeutung bietet. Wer als Arbeitsmigrant nach Katar kommt, dem nimmt der Chef fast immer den Pass ab, um eine Rückreise zu verhindern. Wer versucht, sich abzusetzen, den schreibt die Polizei zur Fahndung aus - die Nichterfüllung eines Arbeitsvertrages gilt im Emirat als schweres Verbrechen.

Ramesh etwa würde gerne nach Hause fliegen. Zu seinem Sohn, der eine neue Niere braucht. Um die Transplantation zu bezahlen, arbeitet Ramesh als ­Taxifahrer in Doha. Doch darüber, ob und wann er nach Sri Lanka zurückkehren darf, kann nur sein „Sponsor“ entscheiden. „Sponsoren“ heißen in Katar Arbeitgeber, die Ausländer beschäftigen.

Internationale Kritik an solchen Zuständen hat mittlerweile auch Verantwortliche in Katar erreicht. Die Zahl der Arbeitskontrolleure wurde verdreifacht, Firmen wurden verpflichtet, Gehaltskonten einzurichten, um Lohnbetrug einzudämmen. Doch der Boom verschlingt weiter Menschen. Für die Fußball-WM 2022 investiert das Land 150 Milliarden Dollar. Hunderte „Gastarbeiter“ sind auf den WM-Baustellen bei Unfällen gestorben. Bis 2022 werden etwa 4000 Menschen dort umkommen, erwartet der Internationale Gewerkschaftsbund.

Auch die Fußballer schauen schon misstrauisch auf das Emirat am Golf. Die Regeln im Fußballsport machen es etwas schwieriger als beim Handball - aber den Scheichs, so fürchten manche, wird schon was einfallen, um sich in den nächsten Jahren eine „Nationalmannschaft“ zusammenzukaufen.

Heiko Rehberg 30.01.2015
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