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Sportbuzzer „Kugelblitz“ schlägt ein in New York
Sportbuzzer „Kugelblitz“ schlägt ein in New York
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21:57 08.09.2009
Melanie Oudin verzückt das Publikum in Flushing Meadows. Quelle: afp
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Diesmal saß die ganze Familie Oudin auf der Tribüne. Auch Melanies Zwillingsschwester Katherine, die in einem Blog für die „New York Times“ geschrieben hatte: „Dieser Kugelblitz von einer Schwester kann alles; meiner Meinung nach ist sie nicht aufzuhalten.“ Scheint zu stimmen. Der „Kugelblitz“ sauste auch im vierten Spiel in Folge kreuz und quer über den Platz, und wieder war es eine groß gewachsene Russin, die vom Blitz getroffen wurde.

Als das Tennisturnier vor etwas mehr als einer Woche begonnen hatte, stand Melanie Oudin auf Platz 70 der Weltrangliste; nach den Siegen gegen vier starke Russinnen, von denen jede mindestens einen halben Kopf größer ist als sie, wird sie demnächst unter den besten 45 der Weltrangliste zu finden sein.

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Wie das alles möglich ist? „Schwer zu erklären“, meinte sie nach dem Sieg gegen Petrowa, bei dem sie wieder den 1. Satz verloren, aber anscheinend unbeeindruckt im Vertrauen auf die eigene Stärke weitergespielt hatte. „Ich habe gewusst, dass ich es schaffen kann, und jetzt weiß ich, dass ich dazugehöre. Ich kann mit den anderen Mädchen mithalten, egal, gegen wen ich spiele. Ich habe gegen alle eine Chance.“

Nun steht sie als jüngste Amerikanerin seit Serena Williams vor zehn Jahren im Viertelfinale der US Open, aber sie ist nicht die Einzige, deren Taten in den dazugehörigen Heimatländern mit Begeisterung zur Kenntnis genommen wurden. Dänemark freut sich über Caroline Wozniacki, die die French-Open-Siegerin Swetlana Kusnetsowa besiegte (2:6, 7:6, 7:6) und nun im Viertelfinale gegen Oudin spielen wird.

Die Ukraine feiert Katerina Bondarenko, die jüngere und nominell schwächere der Tennis spielenden Schwestern, und Belgien begeistert sich nicht nur an den Taten von Kim Clijsters, sondern nimmt auch gerührt Anteil am völlig unerwarteten Erfolg der 19 Jahre alten Yanina Wickmayer. Mit Ausnahme von Wozniacki, die als Nummer 8 der Weltrangliste vorher schon zur Elite gehörte, konnte mit Oudin, Bondarenko und Wickmayer beim besten Willen keiner rechnen. Insgesamt tummelten sich nun vier ungesetzte Spielerinnen im Viertelfinale.

Wickmayer hatte vorher in sechs Grand-Slam-Turnieren nur ein einziges Spiel gewonnen. Trainiert wird sie von ihrem Vater Marc, der an diesem Erfolg und an ihrem Leben einen Anteil hat, für den man ihm einen Orden verleihen müsste. Yanina war neun Jahre alt, als ihre Mutter an Krebs starb und sie danach weg von zu Hause wollte, nur noch weg. Sie spielte damals erst ein halbes Jahr lang Tennis, und von Talent war überhaupt nicht die Rede. Aber sie hatte Spaß daran, und sie sagte ihrem Vater, sie würde gern nach Amerika gehen und dort weiterspielen.

Er gab alles auf. Verkaufte seine Baufirma, verkaufte das Haus und das Auto, verabschiedete sich von seinen Freunden und zog mit seiner Tochter nach Florida. „Er hat alles zurückgelassen, weil er dachte, ich könnte ein Champion werden“, erzählte sie in einer Runde, die still und stiller wurde bei diesen Worten. „Er wollte sein kleines Mädchen glücklich machen, und ich denke, das ist ein Riesen-Unterschied. Alles, was ich jetzt habe, verdanke ich ihm; er ist ein großartiger Mann.“

von Doris Henkel