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Sportbuzzer Löw und die Last der guten Taten
Sportbuzzer Löw und die Last der guten Taten
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19:55 28.02.2012
Von Heiko Rehberg
Bundestrainer Joachim Löw hat das Experimentieren vor langer Zeit beendet. Quelle: dpa
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Bremen

Ob das eine lange oder kurze Zeit bis zum Turnierbeginn ist, hängt von der Betrachtungsweise ab. Sind es noch 100 Tage? Oder nur noch 100 Tage?

Joachim Löw, der Bundestrainer, würde für beide Sichtweisen Argumente finden. Natürlich hat er längst alles im Kopf über die Spielweise seiner Mannschaft und der 15 Kontrahenten. Wäre morgen Anpfiff, könnte ihn vermutlich keiner seiner Trainerkollegen mit einem taktischen Schachzug überraschen, weil der 52-Jährige sie längst alle durchgespielt hat.

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Umgekehrt ist Löw einer, der nie richtig zufrieden ist. Würde heute jemand an seiner Tür klopfen und ihm die Botschaft überbringen, dass es bis zur EM noch 150 Tage sind, Löw würde ihn aus Dankbarkeit freundlich zu einem Espresso einladen, den er so sehr liebt. Er würde die Zeit nutzen, um alles noch mal zu üben und einzustudieren. Und noch einmal. Und noch einmal ...

Auch sonst kann der Bundestrainer Zeit gebrauchen. In Bremen, dem letzten Spiel vor der Bekanntgabe des EM-Kaders – vermutlich in der Woche nach dem Bundesligafinale am 5. Mai –, fehlen mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Mario Götze und Per Mertesacker gleich fünf Spieler, die ihr EM-Ticket sicher haben, wenn sie Anfang Juni nicht gerade an Krücken durch die Gegend humpeln sollten. Lahm, Schweinsteiger, Podolski und Mertesacker sind bei den Turnieren 2006 (WM), 2008 (EM) und 2010 (WM) zu festen Größen in der Nationalmannschaft geworden. Löw würde das etwas vorsichtiger formulieren, aber diese vier gehören zu den Spielern, die zum Herz des Teams gehören, zu den Führungskräften. Im Grunde sind sie unersetzbar.

Löw hätte angesichts der prominenten Ausfälle den Test am Abend zum Experimentieren nutzen können mit Spielern, die noch gar nicht oder länger nicht zum Kreis gehörten. Doch die Zeit für Experimente ist für den Bundestrainer längst vorbei, nur noch Notfälle werden ihn zu Veränderungen veranlassen. Für Neulinge oder Wiedereinsteiger wie Mönchengladbachs Mike Hanke oder 96-Profi Jan Schlaudraff ist derzeit kein Platz mehr. Die Formulierung von Löw vor ein paar Tagen bei einem WM-Workshop in Berlin, dass „die Tür noch nicht gänzlich zu ist“, haben die meisten richtig interpretiert: Wenn sich nicht reihenweise Spieler von den 27, 28 Profis, die Löw im Kopf hat, Bänderrisse zuziehen, gibt es keine Überraschungen mehr.

Bereits in diesem Fall muss Löw vier oder fünf Spielern erklären, dass das Turnier ohne sie stattfinden wird, denn nur 23 (drei Torhüter, 20 Feldspieler) dürfen bis zum offiziellen Meldeschluss am 29. Mai nominiert werden.

In den vergangenen Tagen haben sich einige gewundert, dass für den Frankreich-Test der Stuttgarter Cacau und der Wolfsburger Christian Träsch zum Aufgebot gehören. Cacau ist in Stuttgart nur Ersatz und stolpert nach seinen Einwechselungen derzeit meist orientierungslos über den Rasen. Über Träsch haben Wolfsburger Fans am vergangenen Bundesligaspieltag ein böses Lied gesungen („Ohne Träschi, wären wir zu elft ...), dass selbst dem coolsten Profi Bälle verspringen würden. Löw hat sie trotzdem in die Nationalmannschaft berufen, weil er sich in seiner Amtszeit stets unabhängig von Momentaufnahmen gemacht hat. Und weil er jemand ist, der Spieler, wenn er ihnen charakterlich vertrauen kann, auch in schwächeren sportlichen Phasen stärkt. Wenn man so will, dann ist das das „Jogi-Prinzip“. Und dem wird er nur in Ausnahmefällen untreu.

Wer Löw in diesen Tagen erlebt hat, der spürte die gewohnte Gelassenheit, an der sich bis zum Tag der Abreise ins EM-Quartier in Danzig am 4. Juni nicht viel ändern wird. Zu hören waren aber auch nachdenklichere Töne, denn Löw ist nicht entgangen, dass bei der Frage nach dem Turnierfavoriten fast alle ganz schnell mit dem Finger auf Deutschland und Spanien zeigen und die Fans im Land nichts anderes erwarten als den ersten Titel seit 1996. „Die Erwartungen in Deutschland sind enorm“, sagte Löw. Den Satz hat er schon oft gesagt in den vergangenen Monaten, neu war der Teil, der folgte: „Die Fallhöhe ist mit unseren guten Resultaten noch weiter gestiegen.“

Löw sprach von der „Last der guten Taten“. Hervorgerufen von einer deutschen Mannschaft, die Lust macht wie lange keine vor ihr.