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Sportbuzzer Mildere Strafe nach Attacke bei Fußballspiel
Sportbuzzer Mildere Strafe nach Attacke bei Fußballspiel
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02:15 04.04.2015
Quelle: Steiner /Archiv
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Hannover

Das Kreissportgericht hatte allen Beteiligten eine Mitschuld an der Eskalation zugeschrieben, auch dem Schiedsrichter. Die ausgesprochenen Strafen waren hart, das Urteil sollte auch zukünftige Täter abschrecken. Dennoch war am Ende keiner mit dem Urteil zufrieden. Das Kreissportgericht und insbesondere sein Vorsitzender Bernd Ihle wurden öffentlich scharf kritisiert, alle Parteien gingen in Revision. Nun hat in zweiter Instanz das Bezirkssportgericht unter Vorsitz von Denise Thaddey das Urteil in drei separaten Verhandlungen weitestgehend bestätigt, lediglich - und das ist eine neue Überraschung - das Strafmaß für den Hauptbeschuldigten wurde deutlich reduziert.

Dabei schien der Fall zunächst eindeutig zu sein: Ein 18-jähriger Schiedsrichter wird in einer C-Junioren-Partie permanent verbal vom Spielfeldrand attackiert. Im Kabinentrakt eskaliert die Situation, der Unparteiische bricht das Spiel ab, erhält Schläge, muss ins Krankenhaus. Als die Polizei kommt, ist der 16-jährige Hauptbeschuldigte verschwunden - er stellt sich später der Polizei. Täter- und Opferrollen scheinen klar verteilt.

Heimatverein geht in Revision

Allerdings verwickelt sich der Schiedsrichter schon in der Verhandlung vor dem Kreissportgericht in Widersprüche, wird von den Spielern des Mühlenberger SV und von einem selbst mitgebrachten Zeugen schwer belastet. Insbesondere soll er in der Halbzeitpause die Konfrontation gesucht und damit entscheidend zum Spielabbruch beigetragen haben. Er wird für drei Monate gesperrt und muss einen Teil der Verfahrenskosten tragen.

Sein Heimatverein TuS Marathon geht in Revision, wirft dem Sportgericht zudem einen schweren Verfahrensfehler vor. Nach Meinung des 1. Vorsitzenden Christian Münzberg hätte der Schiedsrichter nie bestraft werden dürfen, schließlich sei er nie als Beschuldigter geladen gewesen. Das Bezirkssportgericht widerspricht dieser Darstellung und verweist auf die Ladung, die der HAZ vorliegt. Alle Parteien werden darin explizit zur Klärung der Umstände, die zum Spielabbruch geführt haben, geladen - eine Unterscheidung nach Beschuldigten und Zeugen findet nicht statt.

Zudem ist auch das Bezirkssportgericht überzeugt, dass die Situation nur deshalb außer Kontrolle gerät, weil der Schiedsrichter gezielt die Konfrontation sucht, dafür sogar seine Kabine verlässt. Das Strafmaß sei angemessen, die bedrohliche Situation und die Unerfahrenheit des Unparteiischen seien strafmildernd berücksichtigt worden. Mehr noch: Das Verfahren wird nicht zur Revision zugelassen. Aber auch dagegen können Rechtsmittel eingelegt werden. Ob der Verein tätig wird, ist noch nicht klar. „Das Urteil liegt mir noch nicht vor“, sagt Münzberg.

Betreuer zeigt sich reumütig

Neu beurteilt das Bezirkssportgericht die Rolle des 16-jährigen Betreuers. Es verkürzte das Strafmaß auf einen Verbandsausschluss für ein Jahr, zudem muss der Jugendliche den erfolgreichen Abschluss eines Anti-Aggressions-Trainings nachweisen, das er bereits freiwillig angefangen hat. Mittlerweile hat sich der 16-Jährige einen Rechtsbeistand gesucht - nicht zuletzt, weil der Schiedsrichter auch Strafanzeige stellte -, und der konnte das Sportgericht davon überzeugen, dass sein Mandant die Tat bereut.

Der Mühlenberger SV war mit dem Kreissportgerichtsurteil gleich doppelt bestraft worden. Zum einen wurde seine C-Jugend für den Rest der Saison vom Spielbetrieb ausgeschlossen, zum anderen bedeutete dies aufgrund der Statuten des Niedersächsischen Fußballverbandes ein Landesliga-Aufstiegsverbot für die ersten Herren.

Fall noch nicht beendet?

Insbesondere die Kollektivbestrafung der gesamten C-Junioren war den Mühlenbergern bitter aufgestoßen, aber an dieser rührt auch das Urteil des Bezirkssportgerichts nichts. Der Mühlenberger SV hätte sicherstellen müssen, dass die Platzdisziplin gewahrt werde - er sei für das Verhalten seiner Mannschaft genauso wie für das seiner Betreuer verantwortlich. Individuelle Bestrafungen gegen einzelne Spieler wurden nicht verteilt.

Ein Vertreter des Vereins bestätigte gestern, dass man erneut in Revision gehen werde. Der Fall scheint noch lange nicht beendet.

Von Paul Berten

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