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22:29 06.07.2009
Roger Federer ist nur vorerst am Ziel seiner Träume.
Roger Federer ist nur vorerst am Ziel seiner Träume. Quelle: Julian Finney/AFP
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Fünf Minuten vor Mitternacht fuhr der Wagen mit Roger Federer und seiner Frau vor dem Savoy Hotel zum Champions Dinner vor. Die wartenden Gäste hatten Verständnis dafür, dass es an diesem historischen Tag etwas länger gedauert hatte, und bei einem Blick auf den späten Ehrengast konnten sie erkennen, dass der immer noch unter dem Eindruck der Erlebnisse dieses Tages stand. Die Sammlung der Emotionen hätte sich nur noch steigern lassen, wäre er gleich an diesem Tag Vater geworden.

König Roger der Große und Queen Serena I. regieren Wimbledon. Mit ihren Siegen bei den 123. All England Championships haben Roger Federer und Serena Williams ihre Dominanz in der Tenniswelt unterstrichen. Ein Rückblick auf die All England Championships.

Aber der Rest genügte auch, um den Überblick zu verlieren. Der Gewinn des 15. Grand-Slam-Titels nach dem monströsen Spiel gegen Andy Roddick (5:7, 7:6, 7:6, 3:6, 16:14), das zwar nicht die dramatische Größe des Finales vom Jahr zuvor gegen Rafael Nadal erreichte, aber eben auch nicht ein Duell wie jedes andere war. Dazu die versammelten Legenden des Tennis – Rod Laver, Pete Sampras und Björn Borg –, die alle gekommen waren, um diesen Tag mitzuerleben.

Federer sagt, er sei sicher gewesen, dass Sampras kommen werde, denn der habe ihm das vor langer Zeit versprochen. Mit vom Jetlag müden Augen – er war erst morgens in London eingetroffen –, aber schwer angetan von diesem Spiel schwärmte der von Federers Qualitäten und meinte: „Roger hat jetzt 15 Titel und ist erst 27. Wenn er so weitermacht, kann er auf 18 oder 19 kommen. Manche Leute sagen, Laver sei der Größte, und Nadal habe Federer ein paar Mal geschlagen, aber in meinen Büchern ist er der Größte.“ Sampras selbst brauchte zum Sammeln der 14 Grand-Slam-Titel genau doppelt so lang wie der Freund für die 15, was mehr aussagt als die Zahl an sich.

Dass Federer mehr als nur das normale Maß an Talent besitzt, war längst klar, als er vor elf Jahren in Wimbledon den Juniorentitel gewann, aber auch er selbst hätte sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, das Tennis je so zu dominieren. Einmal in Wimbledon und vielleicht noch ein paar andere Titel zu gewinnen, so dachte er, das wäre schon ziemlich schön. Der Rekord, auf der Rückseite seiner Trainingsjacke in goldenen Zahlen gedruckt, macht ihn stolz, aber das Geheimnis seiner Aura ist die Liebe zum Spiel. „Ich spiele gerne für die Rekordbücher“, sagt er, „aber mindestens so gerne spiele ich für mich.“

Was perfekt zur Einschätzung von Laver passt, der vor dem Finale meinte, um so viele Titel zu gewinnen, müsse man das Spiel respektieren und gleichzeitig Spaß daran haben. „Es ist toll, dass Tennis jemanden wie Roger hat.“ Bei der Diskussion, ob der nun der Größte des Tennis sei, hält er sich im Gegensatz zu Sampras zurück und sagt: „Ich fand immer, man kann nur der Beste seiner Ära sein, und das ist schon ein tolles Kompliment.“

Der kleine, zähe Australier, mittlerweile 70 Jahre alt, war der letzte Mann, der den Grand Slam gewann, also die vier Turniere in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York innerhalb eines Kalenderjahres. Beim Dinner im Savoy Hotel erwähnte der Vorsitzende des All England Clubs, Tim Philipps, Laver sei 30 gewesen, als der 1969 mit dem Sieg in Wimbledon auf dem Weg zum Grand Slam war, und das war als Aufforderung an Federer gedacht, es dem Australier gleichzutun.

Nachdem es angesichts der Konkurrenz des Spaniers Rafael Nadal in den beiden vergangenen Jahren so ausgesehen hatte, als sei Federers Chance auf den Grand Slam nicht mehr riesengroß, stellen sich die Dinge jetzt wieder anders da, wenn auch nicht in diesem Jahr, denn dazu hätte er das Finale der Australian Open gegen Nadal gewinnen müssen. Federer sagt, es tue ihm sehr leid, dass Nadal nicht die Chance gehabt habe, seinen Titel zu verteidigen, aber das mindere einen Erfolg nicht.

Aber Schluss mit dem Tennis; es gibt Wichtigeres. In den nächsten Wochen wird sich Federer in erster Linie um seine Frau Mirka kümmern. Wann das gemeinsame Kind das Licht der Welt erblicken wird, wurde nie erwähnt, Vermutungen tendieren zu Anfang August. Er freut sich riesig auf das neue Leben, aber es gibt keinen Grund anzunehmen, danach könnte ihn Tennis nicht mehr interessieren. „Es gibt keine Zielline“ stand auf dem schwarzen T-Shirt, das er nach dem Sieg trug.