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Sportbuzzer Reizklima beim FC Bayern
Sportbuzzer Reizklima beim FC Bayern
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22:09 05.03.2012
Münchener Wutbürger: Karl Hopfner, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge (v.l.). Quelle: rtr
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Leverkusen

An deutlichen Worten hat es nicht gefehlt, und auch an verheißungsvoll anmutenden Taten herrschte kein Mangel. Als aber abgerechnet wurde nach diesem Bundesliga-Spitzenspiel zwischen Bayer Leverkusen und dem FC Bayern München, gaben die Zahlen nichts her für den deutschen Fußballrekordmeister. Leverkusen 2, München 0, so las sich die aus Bayern-Sicht deprimierende Bilanz eines Duells, das 45 Minuten lang Appetit auf mehr gemacht hatte und nach 90 Minuten den Gästen auf den Magen geschlagen war. Entsprechend gereizt war die Stimmung bei den Bayern, die Meister und Tabellenführer Borussia Dortmund nun schon mit sieben Punkten Abstand frustriert hinterherhecheln. "Nach dem heutigen Tag", sagte Sportdirektor Christian Nerlinger, "müssen wir von der Meisterschaft nicht mehr reden."

Mag sein, dass am Sonnabend in Leverkusen eine Zäsur zu besichtigen war: das Ende der Münchener Titelträume, vielleicht auch so etwas wie die Götterdämmerung für die Herzensliaison zwischen dem FC Bayern und seinem Wunschtrainer Jupp Heynckes. Dessen Freund, Präsident Uli Hoeneß, und der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge eilten nach Spielschluss mit versteinerten Mienen in die Mannschaftskabine. Was sie den Profis dort mitzuteilen hatten, dürfte nicht zum Wochenendvergnügen gehört haben.

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Als Einziger aus der Bayern-Entourage gab sich Heynckes danach gelassen. "Das sind ehemalige Spieler", sagte Heynckes im Blick auf Freund Uli und den vertrauten Wegbegleiter Kalle, "die können nicht verlieren. Entsprechend ist ihre Laune." Dass auch er selbst nach der sechsten Münchener Saisonniederlage und noch keinem Auswärtssieg in der Rückrunde ins Gerede gekommen ist, darauf scheint dieser altersmilde 66-Jährige vorbereitet. "Wenn man Trainer des FC Bayern ist", sagte Heynckes, "muss man mit solchen Situationen gelassen umgehen und Souveränität ausstrahlen. Mit meiner Erfahrung kann ich das."

Schlechte Stimmung hatten zwei Münchener Nationalspieler schon während der Partie verbreitet, als alles noch gut zu werden schien für die in der 1. Halbzeit deutlich besseren Bayern. Dennoch zofften sich nach knapp einer halben Stunde Jérôme Boateng und Thomas Müller im eigenen Strafraum mit einer Intensität, die tiefe Rückschlüsse auf das Münchener Reizklima dieser Tage zuließ. Verteidiger Boateng warf dem offensiven Kollegen mangelhafte Abwehrarbeit vor, schrie Müller an und schubste ihn weg; der Bajuware keifte genauso fuchtig zurück. Erst die besonnenen Außenverteidiger Rafinha und Philipp Lahm brachten die Streithähne auseinander.

"Wir sind doch keine Mädchen", sagte Boateng später eher kleinlaut über den Spielerkrach, dem Heynckes keine allzu große Bedeutung beimaß. "Wichtig ist, dass Emotionen gelebt werden. Gerade diese beiden verstehen sich zwischenmenschlich sehr gut." Wirklich? Toni Kroos fand das Rededuell der beiden Mitspieler nicht so prickelnd. "Es ist nicht schlimm", sagte er, "wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt. Man muss aber aufpassen, wie man sich präsentiert."

Das gilt auch für die Art, wie die störanfälligen Bayern mal wieder einen vermeintlichen Vorteil hergaben. Sie fanden keine Antwort auf die Umstellung, die Bayer-Trainer Robin Dutt zur Pause vorgenommen hatte: Stefan Kießling unterstützte fortan Eren Derdiyok als zweite Spitze. "Er hat uns zur Pause gesagt, dass wir mutiger sein und die Bayern früher stören sollen", verriet André Schürrle. Gesagt, getan, und so glückten dem herausragenden Kießling (79. Minute) sowie dem eingewechselten Karim Bellarabi (90.) nach einem sehenswerten Konter die Treffer zum 2:0-Sieg. Sie belohnten die am Ende aggressivere Mannschaft mit dem intensiveren Siegeswillen.

Die Bayern hatten ihre Energie schon vorher verschleudert. Kein Wunder, dass der Niederländer Arjen Robben, der nach seinen zwei Treffern beim 3:2-Sieg über England Heynckes indirekt kritisiert hatte ("herrlich, unter einem Trainer zu spielen, der einem Vertrauen schenkt und Spieler in Ruhe arbeiten lässt"), seine Wochenbilanz so umschrieb: "Am Mittwoch hat es mir Spaß gemacht, heute hat es mir keinen Spaß gemacht." Bayern-Profi zu sein, ist derzeit kein großes Vergnügen.