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Sportbuzzer Robert und ich
Sportbuzzer Robert und ich
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00:16 11.11.2014
Robert Enke: 1977-2009.
Robert Enke: 1977-2009. Quelle: zur Nieden
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Hannover

Ich stand am Grab von Robert Enke und hörte eine Stimme. Es war der 15. November 2009, der Tag der Beerdigung. Jemand hielt eine Rede, dann Stille; es regnete in Strömen. Später erzählte ein Mitspieler, dass mein Name gefallen sei. Ich nickte, dabei hatte ich nichts mitbekommen. Alles war leer, ich fühlte mich wie in Trance. Erst als Teresas Mutter vor mir stand, wurde ich für wenige Sekunden klar. „Du wirst alle Kraft brauchen, um die nächsten Monate zu bewältigen“, sagte sie. „Doch sei sicher: Wir stehen voll hinter dir.“ Es war ein kurzer guter Moment an diesem traurigen Tag.

Als ich Robert zum ersten Mal traf, waren wir mit Hannover 96 im Trainingslager. Es war der Sommer nach der EM 2008, und er stieß etwas später zur Mannschaft.

„Hallo, ich bin Robert.“ - „Hallo, ich bin Flo.“

Robert sprach nie viel. Er wirkte oft in sich gekehrt, nachdenklich. Ich sah ihn auch selten lachen, dabei waren die Momente, wenn er mal fröhlich war, wirklich schön. Ich mochte es, wenn wir zusammen beim Italiener saßen und Robert und Hanno Balitsch aus ihrer Lieblingsserie „Stromberg“ zitierten. Später fragte ich mich oft: Was habe ich überhaupt von ihm gewusst? Er liebte Tiere. Er lebte auf einem Bauernhof mit seinen Hunden und seiner Frau Teresa. Sie hatten eine Tochter verloren und später ein Mädchen adoptiert. Als ich zur Beerdigung fuhr, sah ich das Haus zum ersten Mal. Das muss sein Rückzugsort gewesen sein, dachte ich, fern vom ganzen Rummel, dem großen Fußballzirkus.

Florian Fromlowitz spielt heute beim Drittligisten SV Wehen Wiesbaden. Als Torwartnachfolger von Robert Enke trug er bei Hannover 96 einen schweren Rucksack und zeigte in einer für ihn harten Zeit ausgezeichnete Leistungen. Quelle: zur Nieden

Ich war damals 23 Jahre alt. Eigentlich war ich das totale Gegenteil von Robert. Ich war emotional, laut, manchmal aufbrausend. Ich jubelte oft exzessiv, wenn wir ein Tor schossen, ich ballte die Faust, wenn mir eine besonders gute Parade gelang. Weiter, immer weiter. Robert sagte mir einmal, dass ich mich nicht verstellen solle, mir aber ein wenig mehr Ruhe guttun könnte. Ich probierte es aus und verzichtete auf die großen Jubelgesten - es half mir tatsächlich, ich wurde ausgeglichener und mein Spiel besser.

Als ich Robert zum letzten Mal sah, saßen wir in der Kabine der AWD-Arena. Es war der 8. November 2009. Wir hatten gerade 2:2 gegen den HSV gespielt, und Robert hatte ordentlich gehalten. Er warf seine Tasche über die Schulter und verließ den Raum.

„Tschüss, Flo.“ - „Tschüss, Robert!“

Am 10. November 2009 starb der 96-Torwart Robert Enke. Tausende Fans trauerten. Eine Erinnerung in Bildern.

Wir hatten am Montag und Dienstag trainingsfrei, denn es war Länderspielpause. Ich wollte die Tage mit meiner Frau verbringen. Robert wollte sterben. Am Dienstag. Das wusste er schon, als er die Kabine verließ. Vielleicht sogar lange davor.

Später schossen mir immer mal wieder Szenen aus den letzten gemeinsamen Wochen durch den Kopf. Da war etwa das vorletzte Spiel gegen Köln. Unser Torwarttrainer Jörg Sievers war nicht mitgekommen, daher schoss ich Robert warm. Das ist unter Torhütern nicht unbedingt normal, doch Robert fand es offenbar gut, wie ich ihm die Bälle zuschoss, und das ehrte mich. Nach dem Einschießen sagte er beiläufig: „Flo, du wirst hier bald deine Spiele bekommen.“ Ich verstand ihn damals nicht. Heute läuft es mir kalt den Rücken runter.

Vom Selbstmord erfuhr ich am Telefon von meinem ehemaligen Mitspieler Bastian Schulz. Ich kam an jenem Dienstag von einem Stadtbummel mit meiner Frau heim. „Bastian, darüber macht man keine Scherze“, sagte ich. Doch dann schaltete ich den Fernseher an. Die flimmernden Bilder von den Schienen in Eilvese, die Lichter, die Kameras, das Entsetzen. Wir trafen uns am späten Abend am Stadion. Noch auf dem Weg dahin wollte ich es nicht glauben. Erst als ich in die Gesichter meiner Mitspieler blickte, in diese traurigen Augen, kam mir die Gewissheit. Ich hatte den Tod bis dahin nie so nah erlebt; die Wucht war gewaltig. Als ich wieder zu Hause war, brach es aus mir raus, ich weinte und weinte, und meine Frau weinte auch.

Der Text stammt – gekürzt – aus dem „Spieler machen 11FREUNDE“-Heft, das bis zum 21. November noch erhältlich ist.

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