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Sportbuzzer Robert Enke verheimlichte Depression aus Angst um Tochter
Sportbuzzer Robert Enke verheimlichte Depression aus Angst um Tochter
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18:13 11.11.2009
Robert Enke verheimlichte seine Depression aus Angst um seine Tochter. Quelle: ddp
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Ob er nicht doch lieber in eine Psychiatrie zur Behandlung gehen wolle, wurde der 32-Jährige am Dienstag gefragt. Doch Enke lehnte ab - wie schon mehrfach seit dem Auftreten seiner Depressionen im Jahr 2003. Statt die vermeintliche Schwäche zu zeigen und seine Erkrankung öffentlich einzugestehen, nahm sich der Nationaltorhüter das Leben. Nun hinterlässt Enke eine verzweifelte Frau und bestürzte Fans in ganz Deutschland.

Enkes Witwe Teresa nahm am Mittwoch ihre ganze Kraft zusammen und berichtete auf einer Pressekonferenz in Hannover vom Leiden ihres Mannes. Ihre Schilderungen zeigten, dass der Eindruck falsch war, bei dem achtfachen Nationalspieler und 196-fachen Bundesligaspieler handele es sich um eine stets gefasste, durch nichts zu erschütternde Persönlichkeit. „Wenn er akut depressiv war, war es schon eine schwere Zeit“, offenbarte Teresa Enke.

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Ihrem Mann habe der Antrieb gefehlt. Und dennoch hätten sie beide immer das Gefühl gehabt, diese Zeiten gemeinsam durchstehen zu können - selbst nach dem Tod ihrer zweijährigen Tochter Lara, die vor drei Jahren nach einer Herzoperation starb. Dies habe sie beide „so zusammengeschweißt, dass wir gedacht haben, wir schaffen alles“, sagte Teresa Enke. „Man schafft es doch nicht immer“, schob sie verzweifelt hinterher.

Im Frühjahr wähnte sich das Ehepaar wieder auf der Sonnenseite des Lebens, sie durften die kleine Leila adoptieren. Doch bei dem manchmal nachdenklich wirkenden Torwart löste auch dieses freudige Ereignis Sorgen aus. Trotz einer neuen depressiven Phase habe Enke wegen Leila nicht die nötige Behandlung machen wollen, sagte Teresa Enke. „Er wollte das nicht aus Angst, dass es rauskommt. Aus Angst, dass man Leila verliert, wenn man einen depressiv kranken Vater hat. “ Die Sorge, dass ihnen das Kind hätte weggenommen werden können, sei aber unnötig gewesen, sie habe deshalb selbst mit dem Jugendamt telefoniert. „Es hätte für alles eine Lösung gegeben“, sagte die Witwe.

Aufgetreten waren die Depressionen im Jahr 2003. Damals war Enke beim FC Barcelona unter Vertrag. Doch weder unter Trainer Louis van Gaal noch unter dessen Nachfolger Radomir Antic konnte er sich durchsetzen, was folgte waren Versagensängste. Zu dieser Zeit versuchte Enke einen ersten Schritt aus der Erkrankung, er suchte den Kontakt zum Psychiater Valentin Markser. Doch anders als beim Mittelfeld-Star Sebastian Deisler, der im selben Jahr seine Karriere bei Bayern München wegen Depressionen unterbrechen musste, machte Enke ein Geheimnis aus seiner Erkrankung.

Markser sagte am Mittwoch, er habe das Ausmaß der Gefährdung nicht erkannt. Enke selbst schrieb in seinem Abschiedsbrief entschuldigend an Ärzte und Angehörige, dass er sie bewusst über seinen wahren Seelenzustand getäuscht habe, um den Suizid begehen zu können. Vom Tabuthema Depressionen sprachen am Mittwoch Vertreter von Enkes Verein Hannover 96.

In der niedersächsischen Landeshauptstadt hatte die Vereinsführung ein Nest für Enke geschaffen, in dem der gebürtige Thüringer zu Hause erschien. Mit seiner Familie lebte er idyllisch auf einem Bauernhof, die Fans verehrten ihn. „Außer Enke könnt ihr alle gehen“, lautete in den vergangenen Krisenjahren des Vereins einer der Schlachtrufe. Entsprechend entsetzt reagierten die Hannoveraner nach der Todesnachricht, die sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Zu Hunderten kamen trauernde Menschen zur AWD-Arena, entzündeten dort Kerzen und trugen sich in Kondolenzbücher ein.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kondolierte Enkes Witwe. Der Deutsche Fußball-Bund sagte das für Samstag geplante Länderspiel gegen Chile ab - eine gemeinsame Entscheidung von Spielern und Funktionären. „Wir müssen auch einmal innehalten können“, sagte ein sichtlich bewegter DFB-Präsident Theo Zwanziger.

afp