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Sportbuzzer Sportler kritisieren Prämiensystem
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20:41 27.08.2012
Die deutsche Diskuswerferin Ilke Wyludda hat den Umgang mit den deutschen Behindertensportlern kritisiert. Quelle: dpa
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Frankfurt/Main

Als der Lufthansa-Flug 908 am Montagmittag gegen 13.45 Uhr von Frankfurt am Main aus in Richtung London abhob, hatten viele deutsche Behindertensportler auch eine gehörige Portion Wut im Bauch. Denn bei aller Vorfreude auf die an diesem Mittwoch in der britischen Hauptstadt beginnenden Paralympics - dass es nach wie vor keine Gleichbehandlung mit den nichtbehinderten Athleten gibt, sorgt bei den meisten Sportlern mit Handicap für Unmut. „Der Behindertensport hat in Deutschland leider Gottes immer noch nicht den Stellenwert, den er verdient“, sagte Diskuswerferin Ilke Wyludda.

Die Deutsche Sporthilfe hat auf die Kritik reagiert. Vorstandschef Michael Ilgner kündigte in der „Sport Bild“ (Mittwoch) an, dass die Prämien für die Medaillengewinner der Paralympics erhöht werden. Für Gold gibt es jetzt 7500 statt wie bislang 4500 Euro, für Silber 5000 statt 3000, für Bronze 3000 statt 1500 Euro. „Das wurde vor allem durch Gelder der Deutschen Fußball Liga mit der Bundesliga-Stiftung möglich“, sagte Ilgner. Von Gleichheit kann aber noch lange nicht die Rede sein. So bekamen die deutschen Goldmedaillen-Gewinner der Olympischen Spiele immerhin 15.000 Euro.

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„Man macht es nicht der Prämien wegen, aber man braucht schon ein gewisses Geld, um die eigenen Kosten gestalten zu können“, sagte Wyludda. Die gebürtige Leipzigerin hat dreimal an Olympischen Spielen teilgenommen, gewann 1996 in Atlanta die Goldmedaille. Nachdem die Diskuswerferin im Dezember 2010 wegen einer Infektion den rechten Unterschenkel verloren hatte, steht sie nun vor ihrem ersten Start bei den Paralympics - und vor ungeahnten Problemen.

„Ich habe noch nicht einmal eine komplette Ausrüstung“, sagte die 43-Jährige. „In ihrer Größe haben wir leider nichts mehr, Pech gehabt“, erzählte Wyludda von ihren Erfahrungen. „Es kann doch nicht sein, dass wir bei der Eröffnungsfeier als deutsches Team rumlaufen wie die Kanarienvögel.“

Der viermalige Goldmedaillen-Gewinner Wojtek Czyz stimmte Wyluddas grundsätzlicher Kritik zu. Auch die Ankündigung, die Prämien zu erhöhen, stimmt ihn nicht milde. „Das können sie sich sparen, so lange es nicht 15.000 Euro sind“, sagte er der „Bild“ (Dienstag). „Eine Erhöhung ist keine Anerkennung für unsere Leistungen. Da hätten sie das Geld besser gespart und woanders eingesetzt.“

Zuvor hatte der 32-Jährige schon gesagt, dass es nicht um das Geld, sondern um die Anerkennung gehe. „Von einer Gleichbehandlung sind wir leider noch weit entfernt. Auf uns wartet in London keine MS Deutschland, es gibt keinen Empfang in Hamburg“, sagte der Leichtathlet, der über 100 und 200 Meter sowie im Weitsprung an den Start geht.

Czyz hat neben der mangelnden finanziellen Akzeptanz noch weiteren Ärger. Wie schon 2008 in Peking starten in London Oberschenkel- und Unterschenkelamputierte im Weitsprung in einem Wettkampf. „Jeder weiß, dass das keinen Sinn macht, aber es ändert sich nichts. Eine Chance auf den Sieg habe ich damit nicht“, sagte er frustriert.

Bei allen Unregelmäßigkeiten auf dem Weg zu mehr Professionalität im Behindertensport war bei den Athleten während der offiziellen Verabschiedung des deutschen Teams aber auch Vorfreude zu spüren. „Ich lasse alles auf mich zukommen. Dass ich überhaupt dabei bin, ist eine tolle Sache. Alles andere ist Zugabe“, sagte Wyludda und versprach: „Ich werde es genießen.“

Für die blinde Schwimmerin Daniela Schulte werden ihre vierten Paralympics in ganz besonderer Erinnerung bleiben. Die Berlinerin wird bei der Eröffnungsfeier an diesem Mittwoch die deutsche Mannschaft als Fahnenträgerin ins Londoner Olympiastadion führen.

dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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