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Sportbuzzer Startschuss für Superlative
Sportbuzzer Startschuss für Superlative
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12:16 28.08.2012
Von Manuel Becker
Der südafrikanische Leichtathlet Oscar Pistorius bei seinem 400m Vorlauf am 04.08.2012 bei den Olympischen Spielen London 2012 im Olympia Stadion in London. Quelle: dpa
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Drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ging es darum, querschnittsgelähmte Kriegsveteranen wieder ans Leben heranzuführen. Und das erreicht man am besten mit Sport, dachte sich der jüdisch-deutsche Neurologe Sir Ludwig Guttmann. Er arbeitete seit 1944 rund 70 Kilometer vor den Toren Londons am Hospital Stoke Mandeville in Aylesbury und hatte die Idee zu den „Stoke Mandeville Games“, die Vorreiter der Paralympics waren.

Am 29. Juli 1948 nahmen 14 Männer und zwei Frauen mit Rückenmarksverletzungen in Aylesbury an den ersten Sportspielen für Rollstuhlfahrer teil. Auf dem Programm stand Bogenschießen als einzige Disziplin. Das Besondere der ersten „Stoke Mandeville Games“ war, dass sie Guttmann bewusst auf den Tag gelegt hatte, an dem auch die Olympischen Spiele 1948 in London begannen. Die Idee, die Spiele für Behinderte und Nichtbehinderte auch am selben Ort auszurichten, kam indes noch zu früh.

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  • Rom richtet beide Spiele aus: Die „Stoke Mandeville Games“ entwickelten sich rasant. 1952 waren es schon 130 Teilnehmer, darunter Niederländer als erste Sportler außerhalb der Britischen Inseln. 1960 wurden die Sommerspiele der Behinderten und der Nichtbehinderten an einem Ort ausgetragen – in Rom. In der italienischen Hauptstadt kämpften 400 Behindertensportler aus 23 Ländern um Medaillen im Basketball, Bogenschießen, Fechten, Schwimmen, Tischtennis und in der Leichtathletik. Allerdings gab es weiterhin nur Entscheidungen für Gelähmte. Auch Tokio sah beide Sommerspiele, 1968 dagegen wurde diese Austragungspraxis unterbrochen.
  • Israel statt Mexiko: Die mexikanische Regierung gab 1966 aus „technischen Gründen“ die Ausrichtung der Behindertenspiele zurück. Es soll aber auch Bedenken von Ärzten gegeben haben, die vor dem Gesundheitsrisiko von Wettkämpfen in 2350 Metern Höhe warnten. Israel sprang ein, und Tel Aviv wurde zum Gastgeber für 750 Sportler aus 29 Ländern. Der Höhepunkt der Spiele war das Finale im Rollstuhlbasketball, als vor 5000 Zuschauern Gastgeber Israel die USA bezwang. 1972 wurde erstmals die 1000-Teilnehmer-Grenze geknackt, 1004 Athleten aus 41 Ländern trugen ihre Wettkämpfe in Heidelberg aus, weil das olympische Dorf in München nach den Sommerspielen schon anderweitig genutzt wurde. Erstmals wurden Wettbewerbe für Sehbehinderte vorgestellt: Goalball und ein 100-Meter-Rennen. Zudem begann nach 1972 die Erarbeitung eines einheitlichen Regelwerks im Behindertensport.
  • Das Angebot wird breiter: Die Sehbehinderten und Blinden sowie Wettkämpfer, denen aufgrund einer Amputation Gliedmaßen fehlen, erlebten ihre Premiere 1976 in Toronto. Sitz- und Standvolleyball wurden neu ins Programm aufgenommen, und es gab erste Livebilder im Fernsehen. Im selben Jahr fanden im schwedischen Ornsköldsvik erstmals auch Paralympische Winterspiele statt. 1980 richtete das niederländische Arnheim die Behindertenwettkämpfe aus, Moskau hatte zuvor abgelehnt. Neue Wege beschritten die Niederländer bei der Finanzierung der Spiele, an denen 2000 Athleten teilnehmen: Ein Telebingo brachte das nötige Geld. Letztmals räumlich getrennt kämpften Behinderte (Hampstead im US-Bundesstaat New York und Aylesbury) und Nichtbehinderte (Los Angeles) 1984 um Medaillen. Die Kalifornier wollten die Behinderten aus Imagegründen nicht einladen.
  • Die ersten „Paralympics“: 24 Jahre nach Tokio fanden sowohl die Olympischen Spiele als auch die Paralympics, wie fortan die Weltspiele der Behinderten genannt wurden, wieder an einem Ort statt. Seoul wurde so zum ersten Meilenstein der paralympischen Bewegung. Die Athleten durften erstmals die Wettkampfstätten der Nichtbehinderten nutzen, zudem wurde für die 3000 Aktiven aus 60 Ländern ein behindertengerechtes Athletendorf gebaut. Neu im Programm waren Radsport und Goalball. 1992 kamen zur paralympischen Eröffnungsfeier in Barcelona 65 000 Besucher, darunter König Juan Carlos und Königin Sofia von Spanien. Erstmals war Rollstuhltennis im Programm.
  • Missachtung in Atlanta: Wieder einmal blamierten sich die Amerikaner mit der Ausrichtung der Paralympics. 1996 in Atlanta fanden die Wettbewerbe teilweise in schon halbabgebauten Wettkampfstätten statt. Die Organisation war lustlos, die Zuschauer blieben fern.
  • Superlative seit Sydney:  Das Jahr 2000 brachte den endgültigen Durchbruch. Die Spiele in Sydney wurden als „die besten Paralympics aller Zeiten“ gelobt. 4000 Athleten aus mehr als 120 Ländern nutzten dieselben Wettkampfstätten wie bei den Olympischen Spielen, ebenso das Ticket- und Transportsystem. 1,2 Millionen Eintrittskarten wurden für die Wettkämpfe verkauft – doppelt so viele wie für Atlanta. Neu ins Programm kamen Rugby und Segeln. Aber es gab auch einen schlimmen Betrug: Im spanischen Basketballteam, das das Turnier der geistig Behinderten gewann, hatten zehn von zwölf Spielern gar kein Handicap. Dieser Eklat führte zur Streichung aller Wettkämpfe für geistig Behinderte – bis London 2012. Bei den Spielen der Nichtbehinderten sorgte zuvor eine stark sehbehinderte Läuferin für Furore: Marla Runyan (USA) wurde im Finale über 1500 Meter sensationell Achte.
  • In Athen 2004 mussten die Athleten erstmals weder die Kosten für Unterkunft noch für Verpflegung und Transport bezahlen. Die nächste Steigerung bot Peking 2008 mit den „besten Paralympischen Spiele aller Zeiten“, wie es Sir Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees, ausdrückte. 1,82 Millionen Tickets wurden verkauft – und mit dem Prothesenläufer Oscar Pistorius aus Südafrika gab es den ersten Weltstar im Behindertensport. Pistorius schaffte vier Jahre später die Qualifikation sowohl für die Paralympics als auch für die Olympischen Spiele.

Zurück zum Ursprung:  Am Mittwoch kehren die Paralympics nach England zurück. Und erwartete 2,5 Millionen Zuschauer und rund 4200 Athleten aus 165 Nationen zeugen vom ungebremsten Wachstum im Behindertensport. Großbritanniens Premierminister David Cameron ist sich schon im Vorfeld sicher: „Wir stehen vor dem Start der größten Paralympics in der Geschichte.“

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Die Paralympics treten aus dem großen Schatten von Olympia heraus. Die Jahrzehnte der No-Name-Athleten bei Behindertenspielen sind vorbei.Die Stars der 14. Paralympics in London sind schon vor der ausverkauften Eröffnungsfeier am Mittwoch bekannt: Oscar Pistorius mit seinem viel diskutierten Doppelstart, der frühere Formel-1-Pilot Alex Zanardi bei seinem Comeback im Handbike und Olympiasiegerin Ilke Wyludda mit dem Diskus.

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