Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Sportbuzzer Strahlende Momente einer glänzenden WM
Sportbuzzer Strahlende Momente einer glänzenden WM
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:02 23.08.2009
Von Carsten Schmidt
Usain Bolt (2. von links) stellte mit seinen beiden Weltrekorden alle anderen Athleten in den Schatten.
Usain Bolt (2. von links) stellte mit seinen beiden Weltrekorden alle anderen Athleten in den Schatten. Quelle: afp
Anzeige

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ist in Feierlaune. „Wir wollten neuen Schwung in die Leichtathletik bringen und weite Teile der Bevölkerung begeistern. Das ist uns gelungen“, resümierte DLV-Präsident Clemens Prokop am Schlusstag der Weltmeisterschaften in Berlin. Prokop verwies auf „sensationelle Marktanteile und Quoten im Fernsehen“ sowie auf die „absolut zufriedenstellende Besucherzahl“ im Olympiastadion, auch wenn die Arena nur an einem Veranstaltungstag ausverkauft war. „Uns war klar, dass es eine Riesenherausforderung sein würde, ein so großes Stadion zu füllen.“

Bei so viel Selbstzufriedenheit – es fehlte nur noch der Begriff „Spätsommermärchen“ – war Kritik nicht erwünscht, was aber nicht der präsidiale Prokop, sondern die Macher im DLV, Leistungssport-Vizepräsident Eike Emrich, und Sportdirektor Jürgen Mallow, herausstellten. Mallow machte in der Affäre um die Beschimpfungen des Diskuswurf-Weltmeisters Robert Harting eine „unfaire Diskussion“ aus, die über „die Medien“ transportiert wurde. Und Emrich verstieg sich zu der Behauptung, es müsse nicht „die Leichtathletik attraktiver gemacht, sondern die attraktive Sportart Leichtathletik besser aufbereitet und dargestellt werden“. Aha. Das Thema Zeitplan-Straffung bei Weltmeisterschaften hat sich in Wohlgefallen aufgelöst, obwohl das auf neun Tage gestreckte Programm viele Längen bot. Wie es anders geht, zeigt sich bei den Europameisterschaften, die 47 Entscheidungen in sechs Tagen unterbringen.

Einen Hauch von „Sommermärchen“ boten die Stadionbesucher. Mit knapp 400.000 verkauften Tickets wird das Ergebnis der vergangenen Weltmeisterschaften deutlich übertroffen. Und in der 
WM-Historie füllten nur in Stuttgart 1993 mehr Zuschauer die Ränge. In puncto Begeisterungsfähigkeit und Fairness schloss das Berliner Publikum sogar zu Stuttgart auf, wobei festgehalten werden muss, dass Leichtathletik-Fans aus allen Teilen des Landes die unvergleichliche Stimmung erzeugt haben, die nahezu allen Sportlern Schauer über den Rücken gejagt hat. Als Volltreffer erwies sich auch die Verlegung der Geh- und Marathonwettbewerbe in die Berliner Mitte. „Bestes Stadtmarketing“ nannte Prokop die Entscheidung, weil die Athleten viele Sehenswürdigkeiten passierten, die mehrere Stunden lang im TV gesendet wurden. Der Beitrag Berlins zum WM-Erfolg indes fällt bescheiden aus. Die Freundlichkeit der Hauptstädter, die oft als pampig verschrien sind, überraschte positiv. Und mit Maskottchen „Berlino“ gelang ihnen der größere Wurf als den Fußballern 2006 mit „Goleo“, wobei jene Vorgabe allenfalls bezirksmeisterlich war. Der muntere „Tapsbär“ übertrieb es aber mit seiner Präsenz auf der Tartanbahn.

Nicht gewachsen war zeitweise der öffentliche Nahverkehr den Besucherströmen. Vor allem am Donnerstag und am Sonnabend mussten Wartezeiten bis zu einer Stunde in Kauf genommen werden, ehe ein S- oder U-Bahn-Zug bestiegen werden konnte. Die Fünf-Minuten-Taktung war zu breitmaschig, wohl auch den S-Bahn-Problemen geschuldet. Mehr als die Hälfte der entsprechenden Züge ist derzeit nicht einsatzbereit. Auch die Verankerung der Titelkämpfe in den Berliner Kiezen ließ zu wünschen übrig. Aktionen lediglich am Brandenburger Tor und an der Gedächtniskirche schaffen kein 
WM-Gefühl in der ganzen Stadt. Begeisterung für die Leichtathletik haben in erster Linie die Sportler geweckt. In dieser Hinsicht gab in Berlin die ideale Unterhaltung in allen Rollen. Den strahlenden Helden gab der Jamaikaner Usain Bolt, der über 100 und 200 Meter noch einmal zwei Fabel-Weltrekorde lief. Der 23-Jährige ist der Popstar der Leichtathletik: Kinder und Jugendliche versuchten, ein Autogramm oder ein Foto von und mit Bolt um jeden Preis zu erhaschen. Sie belagerten die Pressezelte und die VIP-Ausgänge, hoffend, dass ihr Held dort vorbeikommt. Es gab aber auch die traurige Prinzessin mit Jelena Issinbajewa. Die Russin, einzige Stabhochspringerin in der Welt mit einer Bestleistung jenseits der fünf Meter, produzierte drei Fehlversuche am Stück und schied ohne Höhe aus, statt ihren dritten WM-Titel zu gewinnen.

Die Rolle des „Bad Guy“ war unterdessen mit Harting besetzt. Der Diskuswerfer entwertete seine eigene sportliche Leistung – er warf mit seinem letzten Versuch persönliche Bestleistung und schob sich noch am Polen Piotr Malachowski vorbei zur Goldmedaille – durch Beschimpfungen von Dopingopfern und pauschale Verunglimpfungen der Verbandsoberen. Auch wenn Harting sich entschuldigte und der DLV dem Werfer „Stress“ zugute hielt, hinterlässt dieses Potenzial an Unbeherrschtheit einen Beigeschmack.

Dass sich die deutsche Leichtathletik dennoch „gut behauptet“ (Prokop) hat, liegt neben Harting an Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius und den Medaillengewinnern Nadine Kleinert, Jennifer Oeser, Betty Heidler, Ariane Friedrich, Raul Spank, Ralf Bartels und der 4x100-Meter-Staffel der Frauen. Mit neun Medaillen ist das Desaster der Olympischen Sommerspiele von 2008 in Peking vergessen. Und immerhin verspricht der DLV, sich nicht auf diesem Lorbeer auszuruhen. „Wir werden unsere Arbeit konsequent fortsetzen mit unseren hervorragenden Trainern“, versprach Mallow.

Stefan Knopf 21.08.2009
Stefan Knopf 19.08.2009