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Sportbuzzer Teresa Enke spricht über Depressionen ihres Mannes
Sportbuzzer Teresa Enke spricht über Depressionen ihres Mannes
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18:15 11.11.2009
„Wir dachten, wir schaffen alles. Wir dachten halt auch, mit Liebe geht das. Man schafft es aber doch nicht“, sagte Teresa Enke. Quelle: lni
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Es ist eine beklemmende und unwirklich erscheinende Pressekonferenz, die an diesem Mittwochnachmittag beim Fußball-Bundesligaverein Hannover 96 stattfand: Keine 24 Stunden nach dem völlig unerwarteten Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke gab der Club des mit 32 Jahren verstorbenen Profisportlers eine Stellungnahme ab, die es so in Deutschland noch nicht gegeben hat.

Robert Enkes Witwe Teresa schilderte unter Tränen und dennoch gefasst aller Öffentlichkeit, was außer ihr kaum jemand wusste: dass ihr Mann - der gefeierte Publikumsliebling des Bundesligisten - über Jahre unter schweren Depressionen litt. Und Enkes behandelnder Arzt Valentin Markser erklärte neben Teresa Enke sitzend, warum selbst er als Fachmann bis zuletzt einen Selbstmord Enkes ausschloss. Vor unzähligen Journalisten und wohl Millionen Menschen am Fernsehen, brachen sie ein Tabu: Sie reden in aller Öffentlichkeit über die Selbsttötung eines Menschen. Vermutlich um andere Depressive dazu zu ermuntern, nicht über ihre Krankheit zu schweigen.

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Ganz in schwarz gekleidet schilderte Teresa Enke, dass ihr Mann schon seit Jahren in medizinischer Behandlung bei dem Kölner Psychotherapeuten Markser war. Immer wieder habe der Mediziner eine stationäre Behandlung in einer Klinik angeregt - zuletzt noch am Dienstag, wenige Stunden bevor sich Robert Enke gegen 18.30 Uhr nördlich von Hannover von einem Regionalzug überfahren wurde. Doch Robert habe stets abgelehnt aus Furcht, dass die Öffentlichkeit von seiner Krankheit erfahren könnte, sagte Frau Enke: „Er wollte es nicht aus Angst, dass es herauskommt, und aus Angst, er könnte dann Leila verlieren.“

Leila, die achtmonatige Tochter, hatte das Ehepaar Enke im Frühjahr adoptiert. Die leibliche Tochter Lara verloren die Enkes im Jahr 2006. Das zweijährige Kind litt an einem schweren Herzfehler. Vater Robert hat den Tod von Lara wohl nie evrwunden. Ihren Namen hatte er sich für alle sichtbar auf den Unterarm tätowieren lassen.

Teresa Enke gab dennoch bis zuletzt die Hoffnung auf Besserung seines Zustands nicht auf. Sie habe ihrem Mann immer wieder versucht beizubringen, „dass es so viele schöne Dinge im Leben gibt“, berichtete sie. Doch wenn es überhaupt etwas gab, was Robert Enke Kraft zum Weitermachen schenkte, sei es der Fußball gewesen. „Das war sein Leben, sein Lebenselixier“, berichtete sie. Teil der Mannschaft zu sein und täglich zum Training fahren zu können - das „war für ihn der Halt“, fügte Teresa Enke hinzu und umklammerte fest ihr weißes Taschentuch. Immer wenn sie sich damit die Tränen im Gesicht trocknete, grellte ein Blitzlichtgewitter der vielen anwesenden Fotografen auf.

Robert Enkes behandelnder Arzt, Valentin Markser, erklärte dann beinahe rechtfertigend, dass der Sportler nicht an einer „typischen endogenen Depression“ mit plötzlich auftretender Suizidabsicht gelitten habe. Vielmehr seien es über Jahre und bis zuletzt „eher depressive Phasen nicht mit akuten, sondern eher latenten Selbstmordgedanken“ gewesen, sagte Markser. Und sein Patient habe über die Jahre „Abwehrmechanismen“ entwickelt, um diese Gedanken zu verbergen. „Die Indikation für eine Zwangseinweisung bestand meiner Ansicht nach nicht“, sagte Markser.

Robert Enke ist nicht der erste deutsche prominente deutsche Fußballprofi, der an Depressionen litt. Vor ein paar Jahren sorgte der ehemalige Nationalspieler und Bayern-Profi Sebastian Deisler für Aufsehen, als er an dem gleichen Leiden erkrankte und letztendlich deswegen seine Karriere beenden musste. Der Unterschied zu Enke ist, dass Deisler an die Öffentlichkeit ging. In der Welt des deutschen Profifußballs, wo Schwächen kaum gezeigt werden, war das ein mutiger Schritt und kam einem Outing gleich.

Robert Enke wagte diesen Schritt nicht. In seinem Abschiedsbrief entschuldigte er sich für die „Täuschung“ seines Vereins, seiner Mannschaftskameraden und der allgemeinen Öffentlichkeit über seinen wahren seelischen Zustand, wie Mediziner Markser auf der Pressekonferenz berichtete. Das Unverständnis über Enkes Verhalten wird bleiben, selbst bei Witwe Teresa, die ihn am besten kannte. „Es hätte für alles eine Lösung gegeben“, sagte sie mit bebender Stimme.

Für den Mittwochabend wurde eine Trauerandacht in der Marktkirche in Hannover angekündigt, die Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann halten sollte. Im Anschluss war ein von den Fans organisierter Trauermarsch durch die Stadt zur AWD-Arena geplant. Bischöfin Käßmann, die auch Ratsvorsitzende der EKD ist, hatte betroffen auf Enks Suizid reagiert: „Uns alle hat gerührt, wie er mit seiner kleinen kranken Tochter und ihrem Tod umgegangen ist.“ Den Spielern von Hannover 96 wurde freigestellt, ob sie in dieser Woche trainieren wollen. Erst am Montag soll der reguläre Trainingsbetrieb aufgenommen werden. Der Verein erwägt, künftig einen Psychologen in seinen Betreuerstab aufzunehmen.

In Gedenken an ihren Kollegen Enke werden die Mannschaften der Ersten und Zweiten Liga am 13. Spieltag mit Trauerflor auflaufen. Zudem gab die Deutsche Fußball Liga bekannt, dass es vor den 18 Partien am übernächsten Wochenende eine Gedenkminute für den Profi geben wird. Im Hotel der deutschen Nationalmannschaft in Bonn beriet die Führung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gemeinsam mit Bundestrainer Joachim Löw über eine mögliche Absage der Partie gegen Chile am Samstag in Köln oder andere Konsequenzen. Um 14.30 Uhr wollten sich DFB-Präsident Theo Zwanziger und Teammanager Oliver Bierhoff in der Pressekonferenz äußern.

Die Nachricht von Enkes Tod löste über die Grenzen Deutschlands hinweg und über den Fußball-Bereich hinaus Fassungslosigkeit und Trauer aus. So reagierte Bundeskanzlerin Angela Merkel bestürzt von dem Unglück. Die Kanzlerin habe ihr Mitgefühl in einem persönlichen Brief an die Witwe ausgedrückt, sagte Vize-Regierungssprecher Christoph Steegmans in Berlin. Zum Inhalt wollte er keine Angaben machen: „Das gebietet der Anstand, dass ein sehr persönlicher Brief auch persönlich bleibt.“

Bundestrainer Löw und die Nationalspieler erfuhren am Dienstagabend nach dem ersten Training für die Spiele am Samstag gegen Chile und vier Tage später in Gelsenkirchen gegen die Elfenbeinküste vom Tod ihres Kollegen. Das Vormittagstraining am Mittwoch und Interview-Termine der Spieler wurden abgesagt.

Noch am Dienstagabend hatten sich am Unfallort und vor der AWD- Arena Fans und einige Spieler von Hannover 96 versammelt, Kerzen angezündet und Blumen, Bilder, Schals und Trikots niedergelegt. Am frühen Mittwoch standen Hunderte Menschen Schlange, um sich vor der AWD-Arena in Hannover in ein Kondolenzbuch einzutragen. Der Club hatte die Kondolenzliste mit einem Enke-Trikot und drei Kerzen bereits in der Nacht vor dem Haupteingang des Stadions ausgelegt.

Auch in zahlreichen Internet-Foren dokumentierten Fußball-Fans ihre Bestürzung. Hannover 96 änderte seine Homepage. Auf einer schwarzen Seite erinnerte die Inschrift „Wir trauern um Robert Enke“ an den Profi. Auf der Website von Enke www.enke1.de trugen sich minütlich trauernde Fans in ein schnell eingerichtetes Online-Kondolenzbuch ein. Auch auf HAZ.de können Sie Ihr Beileid aussprechen.

ddp / lni

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