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Sportbuzzer Trendsportart Parcour – ein Selbstversuch
Sportbuzzer Trendsportart Parcour – ein Selbstversuch
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06:15 16.07.2012
Von Manuel Becker
Mit Anlauf drüber: Manuel Becker springt mit einem Speed Vault über den Schwebebalken. Quelle: Florian Petrow
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Hannover

Nein, hoch ist dieser Schwebebalken wirklich nicht. Hüfthoch vielleicht. Ich stehe auf dem fußbreiten Turngerät und versuche, das Gleichgewicht zu halten. Runterspringen soll ich, sagt Parkour-Experte Georg Niggemeyer, und auf einem Balken am Boden präzise landen. Dieser sieht von oben mit einmal ziemlich schmal aus. Nach kurzem Zögern gehe ich in die Hocke und springe – etwas zu weit. Bei der Landung rutsche ich ab.

In der Halle des TV Badenstedt wird derzeit das neue Programm „Next Generation“ des „TUI Feuerwerks der Turnkunst“ einstudiert. Die Trendsportart Parkour, bei der die Sportler (Traceure) über Hindernisse laufen und springen, ist dieses Mal ein fester Bestandteil der Show - ebenso Tricking, eine Mischung aus Kampfsport und Akrobatik. Im Selbsttest will ich Parkour ausprobieren.

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Zunächst heißt es warm machen. Um das tänzerische Aufwärmen zur Musik mit Hip-Hopper und Choreograf Raik Preetz hätte ich mich gerne gedrückt. Aber wer mitmachen will, kommt da nicht drum rum, sagt Regisseurin Heidi Aguilar. Ich stelle mich in die letzte Reihe. Schon beim Dehnen komme ich an meinen Grenzen. Bei geraden Beinen mit den Händen den Boden berühren? Keine Chance! Ich bin viel zu ungelenkig. Bei den Turnerinnen vor mir sieht das so leicht aus. Die Schrittfolgen kriege ich aber hin - jedenfalls in gemächlichem Tempo. Als Raik das Tempo erhöht und zu den Fußbewegungen auch noch die Arme kommen, muss ich passen.

Dann geht es endlich an die Hindernisse, die für mich erst einmal aus einem Schwebebalken bestehen, wie mir Georg sagt. Seit dreieinhalb Jahren gehört er zur Parkour-Szene. Wie die meisten Traceure hat auch er auf der Straße angefangen. Auf Oldenburger Schulhöfen lernte er erste Tricks und Elemente. Heute trainiert er auch in der Halle. „Wenn die Sonne scheint, sind die aber alle draußen“, sagt Regisseurin Aguilar.

Beim Parkour gehe es darum, effektiv von A nach B zu kommen, erklärt mir Georg. In meinem Kopf läuft die Anfangsszene vom Kinofilm „Casino Royal“ ab, in der Daniel Craig als James Bond einen Gangster über Häuser jagt, beide von Dach zu Dach springen, an Wänden hochklettern und über Hindernisse rennen. Ich dagegen soll einfach von einer Matte aus auf einen am Boden liegenden Balken springen. „Es ist egal, ob es zwanzig Zentimeter sind oder zwei Meter“, sagt Georg. Auf die Präzision komme es an. „Ich muss wissen, dass ich den Sprung ohne Mühe schaffe“, sagt er, „sonst wird das russisches Roulett.“

Enttäuscht über das wenig spektakuläre Element springe ich auf den Balken - halten kann ich mich mit dem Schwung des Sprungs nicht. Georg macht es mir vor, hebt ab und landet elegant. Leise müsse die Landung sein, und auf den richtigen Schwerpunkt komme es an, sagt der Life-Science-Student. Alles doch nicht so leicht. Aber die Tipps helfen mir, und nach einigen Versuchen klappt es.

Der Sprung von dem hüfthohen auf den am Boden liegenden Balken wird aber zu einer größeren Herausforderung. Präzise auf dem schmalen Gerät zu landen ist schwerer als gedacht. Ein Tick zu weit würde für James Bond beim Dächerspringen den Abgrund bedeuten - und auf der Straße, auf Schulhöfen und Garagen, wo Parkour gelebt wird, zu Schürfwunden führen. Von denen hat auch Georg einige am Rücken.

Nach einigen Versuchen klappt der Sprung auf den Balken. Anschließend geht es über ihn. Mit Anlauf hin, seitlich abspringen, mit einem Arm abstützen und drüber. Speed Vault nennt sich der Sprung. Auch der Katzensprung - ähnlich einem Bocksprung - klappt schnell. Am Ende springe ich über ein Hindernis und rolle mich über die Schulter ab - gar nicht so schwer und sogar ein bisschen spektakulär, denke ich stolz.

Trotzdem sieht das Ganze bei Georg viel dynamischer aus. Wie ein Flummi springt er über die Geräte, und das schneller, höher und weiter und mit fe-derweicher Landung. Er würde sich an den Hindernissen auch bis zur Hallendecke turnen, denke ich. Das Training hat Spaß gemacht, meinen Ehrgeiz geweckt und Lust gemacht auf diese Sportart - auch wenn es zum Gangsterjagen wohl so schnell nicht reichen wird.

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