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Sportbuzzer Trotz Handicap: Im Kart sind alle gleich
Sportbuzzer Trotz Handicap: Im Kart sind alle gleich
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23:17 20.02.2012
Von Michael Soboll
Auch mit Handicap möglich: Carsten Bartling steigt vom Rollstuhl ins Kart. Quelle: Peters
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Laatzen

Bevor Sven Drewitzki trainieren kann, kommt der Kran zum Einsatz. Der 29-Jährige legt sich Gurte um Brust und Hüfte, dann surrt die Winde. Zwei Stahlseile heben den Mann aus dem Rollstuhl und hieven ihn in den Sitz des Go-Karts. Drewitzki ist querschnittsgelähmt, seine Wirbelsäule ist mit einer Eisenstange verstärkt. Doch kaum sitzt er in seiner „Rimo EV4“, rangiert er sein Gokart flink auf die Fahrbahn und braust davon. Zur gleichen Zeit besteigt auch Robert Diekmann seine „Rimo EV4“. Er braucht keinen Kran, Diekmann ist nicht behindert. Mit einem Sprung schwingt sich der 18-Jährige in das Gokart, lässt die 6,5 PS kurz aufröhren und flitzt hinter Drewitzki her. Das Rennen beginnt

An jedem zweiten Wochenende trainieren auf der Gokart-Bahn in Laatzen rund 20 Motorsportler der Rollstuhl-Sportgemeinschaft (RSG) ‘94. Der Vereinsname trügt. Nur rund die Hälfte der Gruppe sitzt im Rollstuhl. Und die andere Hälfte kommt nicht etwa, um sich ehrenamtlich im Behindertensport zu engagieren. „Ich bin hier, um mich mit den anderen zu messen, ob mit Handicap oder ohne. Denn am Steuer sind wir alle gleich“, sagt Diekmann.

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In der Gokart-Sparte hat die RSG ‘94 erreicht, was für die meisten anderen Sportvereine undenkbar erscheint: Behinderte und nicht behinderte Sportler trainieren gemeinsam und treten zu gleichen Bedingungen gegeneinander an. Das Ziel ist die Integration. Man darf das nicht falsch verstehen: Hier werden nicht die Rollstuhlfahrer integriert, sondern die „Fußgänger“.

Der Spaß verbindet: Bei der Rollstuhlsportgemeinschaft ‘94 trainieren Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam auf der Gokart-Bahn in Laatzen.

Das Erfolgsrezept ist simpel: Die RSG ist der einzige Verein in der Region, der einen eigenen Fuhrpark an Gokarts besitzt. Wer einen solchen Flitzer privat mietet, zahlt bis zu 15 Euro für zehn Minuten Rennvergnügen. Für diesen Preis können RSG-Vereinsmitglieder zwei Stunden lang fahren. Das ist ein Angebot, das nichtbehinderte Kart-Sportler gerne annehmen. „Ich sehe das pragmatisch. Lieber locke ich die ,Fußgänger‘ so zu uns, als sozusagen mit der Blechbüchse um ihr Mitgefühl zu bitten“, sagt der RSG-Vorsitzende Detlev Zinke.

Damit auch Querschnittsgelähmte fahren können, sind die 13 Gokarts umgebaut worden. Statt per Pedal steuern die Fahrer Bremse und Gas über einen Bügel am Lenkrad mit den Fingern. Den Spaß am Rennen schmälert das nicht, sind sich die „Fußgänger“ einig. Auch in anderen Sparten lockt die RSG erfolgreich Nichtbehinderte über das Angebot an seltenen Sportgeräten. Vor allem die Handbikes sind beliebt.

„Früher beschränkte sich das Sportangebot für Menschen mit Handicap auf Sitzball, Boßeln und Bogenschießen“, sagt Zinke. Die RSG gehe „den anderen Weg“. Und der führt vor allem über Fun-Sportarten – von Gokart über Billard bis Quadfahren. Neueste Errungenschaft sind die drei „Panzer“, Rollstühle mit Kettenantrieb für Rennen auf unwirtlichem Gelände.

Und irgendwann ist der Spaßfaktor sogar zum Herzstück der RSG geworden: Statt einer Weihnachtsfeier gibt es jetzt Rollstuhl-Sumoringen, und in Sommercamps fahren Querschnittgelähmte Wasserski. Schwer vorstellbar? „Nur über den Spaßfaktor holen wir Menschen ins Leben zurück, die erst seit Kurzem im Rollstuhl sitzen“, sagt Zinke. Dass man auf diesem Weg auch Nichtbehinderte integrieren kann, sei eher überraschend gekommen. Aber der Nebeneffekt ist überaus willkommen.