Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Sportbuzzer Der „Wirbelwind im Diskuskäfig“
Sportbuzzer Der „Wirbelwind im Diskuskäfig“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:30 02.11.2014
Von Carsten Schmidt
Anschwung zur Bestleistung: Liesel Westermann wirft 64,96 Meter am 12. August 1972 in Zürich.
Anschwung zur Bestleistung: Liesel Westermann wirft 64,96 Meter am 12. August 1972 in Zürich. Quelle: NOP 72
Anzeige
Hannover

Das Lächeln zeigt die Familienähnlichkeit. Liesel Westermann-Krieg genießt den Vormittag in einem Café in Hannover-Mitte mit ihren Schwestern Ilse Schwandt und Ute Cordes zwei Tage vor ihrer großen Feier, dem 70. Geburtstag am morgigen Sonntag. Erinnerungen werden wach an die Kindheit in Sulingen. „Wir waren gern schwimmen im Freibad, wann immer es möglich war“, sagen die Schwestern.

Schwimmen bot Spaß und Zeitvertreib. Leistungssport war nur ein Fall für Liesel, die mittlere der Westermann-Schwestern. Und sie hatte ein besonderes Händchen für den Diskus, wie 1967 ihr Jahrhundertwurf über 60 Meter bewies. „Das war etwas Besonderes. Da passte schon alles zusammen – auch die Aerodymanik und die Thermik.“

Liesel Westermann war eine Werferin „neuen Typs“ – nicht massig, sondern schnell mit den Armen und Beinen. „Wirbelwind im Käfig nannte man mich“, erinnert sie sich und fügt hinzu, dass sie den schönsten deutschen Meistertitel 1964 als Schlussläuferin mit der 96-Sprintstaffel gewann. „Jutta Heine (Olympiazweite 1960 im Sprint, d. Red.), die damals für Köln lief, konnte mich nicht mehr einholen“, erzählt sie.

Sehr viel bedeuten ihr die Auszeichnungen als Weltsportlerin 1969, Welt-Leichtathletin 1967 und deutsche Sportlerin des Jahres 1967 und 1969. An Olympische Spiele hat sie zwiespältige Erinnerungen. 1968 warf Lia Manoliu (Rumänien) die Siegerweite noch im Trockenen; als Westermann in den Ring trat, goss es. 1972 in München gaben die Kampfrichter einen Wurf jenseits der 65-Meter-Marke ungültig, das kostete eine Medaille. Zudem war die Sportlerin „geschockt und gelähmt“ vom Attentat auf die israelischen Olympioniken wenige Tage zuvor. Rückblickend bleibt ihr der Stolz, die letzte ungedopte Weltrekordlerin im Diskuswurf zu sein. „Ich fragte 1971 einen Arzt, ob er mir die Einnahme von Anabolika auch dann empfehlen würde, wenn ich seine Tochter wäre“, sagt Westermann-Krieg. „Er antwortete: ,Mädel, lass es!‘“

Bereits zur aktiven Sportlerzeit arbeitete Westermann-Krieg, wie sie seit der Heirat 1978 heißt, als Lehrerin. Und in der Schule galten ihre Sporterfolge wenig, „man musste sich vor der Klasse beweisen, das war ein harter Job“. Auch die eigenen vier Kinder, zwischen 1978 und 1985 geboren, forderten Zeit und Aufmerksamkeit. „Ich bin stolz, dass sie ihren Weg gemacht haben“, sagt Westermann-Krieg. Zwei Söhne sind promovierte Physiker, der dritte Ingenieur und die Tochter Juristin. Nur in den Leistungssport hat es keines der Kinder gezogen. „Sie durften alles auszuprobieren, aber ich habe sie zu nichts gezwungen“, sagt die einstige Weltrekordlerin.

Das Augenmerk auf die Kinder richtete Westermann-Krieg auch während ihrer Tätigkeit im niedersächsischen Kultusministerium. „Von klein auf wollen sich unsere Kinder bewegen. Diese Bewegungsfreude zu erhalten und ihr Raum zu geben ist das Wichtigste“, sagt sie. „Wenn die Elterngeneration das nicht schafft, sind letzten Endes höhere Krankheitskosten unvermeidbar. Und mancher ,Zappelphilipp‘ braucht eher mehr Bewegung als mehr Tabletten.“ Westermann-Krieg bedauert, dass die Fitnesslandkarte für Kinder in Niedersachsen in Ansätzen stecken geblieben ist. „Sportmuffel hätten sich nicht mit den Assen vergleichen müssen, sondern mit anderen Muffeln. Dann hätten sie vielleicht gemerkt, dass sie gar nicht so unbegabt sind.“ Die politische Heimat bietet ihr die FDP. „Ich habe erlebt, dass die liberalen Politiker zu meinen aktiven Zeiten am aufgeschlossensten für die Belange der Athleten waren“, sagt sie.

Wenn Westermann-Krieg, die seit 2003 wieder in Hannover lebt und sich „sehr wohlfühlt“, jetzt selbst Sport treibt, dann spielt sie Golf. „Es macht einfach Spaß, seine Runden auf dem Platz in Engensen zu drehen“, sagt sie und ist mit dem Handicap von 23,1 zufrieden. „Der Golfschwung unterscheidet sich ja doch vom Diskusschwung.“

Liesel Westermann-Krieg hat eine „Traumgrenze“ der Leichtathletik geknackt. Die Sulingerin warf als erste Frau der Welt den Diskus weiter als 60 Meter – 61,26 Meter am 5. November 1967 in São Paulo. Diese Leistung gelang ihr im Trikot von Hannover 96, außerdem startete sie für den TuS Sulingen und TuS 04 Leverkusen. Westermann-Krieg holte 1968 Olympia-Silber und war 1966 sowie 1971 EM-Zweite. Zudem gewann sie zwölf nationale Titel im Diskuswurf (zehn), Kugelstoßen und mit der 4x100-Meter-Staffel von 96. Westermann-Krieg ist verheiratet und hat vier erwachsene Kinder sowie ein Enkelkind. Sie ist Diplom-Sportlehrerin und Lehrerin, zuletzt arbeitete sie bis zur Pensionierung 2009 als Referentin für Schulsport und Gesundheitserziehung im niedersächsischen Kultusministerium. cas

Sportbuzzer Scorpions gewinnen 9:1 gegen ESC Wedemark - Eismaschine defekt – Derby mit Verspätung
01.11.2014
Sportbuzzer Videopanne beim Weltverband - FIFA zeigt Krim als Teil Russlands
31.10.2014
Sportbuzzer Jochen Haselbacher im Interview - Zurück auf Augenhöhe
Björn Franz 02.11.2014