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Sportbuzzer Wasserball droht Entzug der Spitzenförderung
Sportbuzzer Wasserball droht Entzug der Spitzenförderung
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20:38 07.05.2015
Von Norbert Fettback
„Gibt es in keinem anderen Sportverband“: Waspos Andreas Schlotterbeck.
„Gibt es in keinem anderen Sportverband“: Waspos Andreas Schlotterbeck.  Quelle: imago sportfotodienst
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Hannover

Hannover. Es muss gewichtige Gründe geben, wenn Andreas Schlotterbeck auf das Thema Wasserball-Nationalmannschaft derzeit nicht gut zu sprechen ist. Mehr als 270-mal hat der 33-Jährige von Waspo 98 Hannover für Deutschland gespielt; damit soll auch nicht Schluss sein, wenn es nach ihm geht. „Ich hänge sehr an dem Sport und habe all die Jahre viel investiert. Auch zulasten meiner Familie“, sagt er. Nun aber droht das letzte große Ziel, das der Nationalspieler Schlotterbeck hat, aus dem Blickfeld zu geraten: die Olympischen Spiele 2016. Und das hat nicht allein damit zu tun, dass die nötige Qualifikation für Rio de Janeiro noch aussteht. „Wir Spieler müssen das ausbaden, was Funktionäre nicht hinbekommen“, sagt er.

Die Funktionäre, die er meint, haben im April in größerer Runde zusammengesessen. Einige davon sehen sich an diesem Wochenende schon wieder: bei der Hauptausschusssitzung des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), in dem die Wasserballer als Fachsparte eine Art Mauerblümchendasein fristen. Die Randsportart muss das Schlimmste befürchten, nachdem der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), national der Herr der Ringe, angekündigt hat, die Zügel anzuziehen. Nach Einschätzung des DOSB, das machte Fachspartenleiter Hans-Jörg Barth in einem offenen Brief publik, sei die Qualifikation für Rio wenig realistisch („Man traut uns das nicht zu“), die Förderstrukturen in dieser Sportart müssten unverzüglich auf die Olympischen Spiele vier Jahre später in Tokio ausgerichtet werden. Andernfalls droht der Rotstift - und damit unter anderem der Wegfall von jährlich 110 000 Euro für spezielle Maßnahmen. Barth spricht von der „letzten Chance“ für den deutschen Wasserball, weiterhin an der Spitzensportförderung teilzuhaben.

Schlotterbeck wäre 38, wenn sich die Beste der Welt 2020 auf den Weg nach Tokio machen. Dann bräuchte man ihn nicht mehr. Ihn ärgert aber etwas anderes. „Ich habe den Eindruck, der DOSB hat uns abgeschrieben. Was da sportpolitisch abläuft, ist nicht in Ordnung.“

Sechs Hannoveraner betroffen

Auswirkungen für die Bundesliga: Die guten Jahre im deutschen Wasserball sind inzwischen Geschichte. Bei Olympischen Spielen gab es 1984 die letzte Medaille (Bronze); 1998 (Vierter) und 2004 (Fünfter) sprangen noch vordere Platzierungen heraus. 2008 kehrte das DSV-Team aus Peking als Zehnter zurück (unter anderem mit dem heutigen Waspo-Spieler Andreas Schlotterbeck, damals Wasserfreunde Spandau). Die Qualifikation für London 2012 wurde verpasst. Mit Schlotterbeck, Erik Bukowski, Roger Kong, Marko Bolovic und David Kleine (alle Waspo 98) sowie Kevin Götz (White Sharks) gehören derzeit sechs Hannoveraner zum Kader der deutschen Auswahl, die seit Januar ohne Bundestrainer dasteht. Angeblich soll die Nationalmannschaft seinerzeit Vorbehalte gegen Nebojsa Novoselac öffentlich gemacht haben, was zur Absetzung führte – die Spieler verweisen auf ein ausschließlich intern an den Verband weitergegebenes Schreiben.

Ihr Vorschlag, dem früheren Hannoveraner Sören Mackeben zumindest vorübergehend eine Chance zu geben, wurde aufgrund dessen fehlender A-Lizenz abgelehnt. Sollte die Drohung des Deutschen Olympischen Sportbundes wahr werden, den Wasserballern über kurz oder lang die Spitzensportförderung zu entziehen, würde das unter anderem Plätze in der Sportfördergruppe der Bundeswehr kosten und den Wegfall von Bundesstützpunkten bedeuten. Unmittelbare Auswirkungen auf einen Bundesligaverein wie Waspo 98 hätte dies nicht, so Bernd Seidensticker. „Für unser Alltagsgeschäft sorgen wir selbst“, sagt der Waspo-Präsident. Man brauche aber eine starke Nationalmannschaft, um die Sportart Wasserball voranzubringen.

Ein wichtiger Teil der Kritik des altgedienten Nationalspielers ist eine zentrale Personalie: der seit Januar unbesetzte Posten des Bundestrainers. Zuletzt half der Duisburger Arno Troost aus; er musste vor dem jüngsten Weltligaauftritt in Spanien nebenbei auch sämtliche Reiseformalitäten für das Team erledigen, wie ein Spieler berichtet. Zwei Tage später saß mit Nebojsa Novoselac der ehemalige, nicht gerade erfolgreiche Bundestrainer mit am Tisch, als Vertreter von DOSB und DSV die mittelfristigen Perspektiven im deutschen Wasserball ausloteten. Novoselac ist weiterhin beim DSV angestellt, Vertrag ist Vertrag. „Eine Riesenfarce“, meint Schlotterbeck. „Das gibt es in keinem anderen Sportverband.“

Der neue Bundestrainer soll Ende Mai gefunden sein. Das aber wird auch keine Dauerlösung sein könne, die mit Blick auf Tokio Hoffnung machen könnte: Derartige Verträge, die der DSV abschließt, gelten bis Ende 2016, wenn der aktuelle Olympiazyklus ausklingt. Danach werden die Karten wieder neu gemischt.

Die Vorgabe des DOSB, die Förderstrukturen im Wasserball auf eine erfolgreiche Teilnahme an den Spielen in Tokio auszurichten, scheint zumindest keine Auswirkungen auf die Etappen zu haben, die das deutsche Team auf dem Weg nach Rio noch zurücklegen müsste. Laut Barth sind das EM-Qualifikationsturnier im Oktober, die EM im Januar und die mögliche deutsche Beteiligung im März am Ausscheid für die Spiele 2016 nicht betroffen. „Die Chance ist klein, das wissen wir auch“, sagt er. „Aber wir werden alles unternehmen, um es zu schaffen.“

Einer wie Schlotterbeck muss nicht extra motiviert werden. „Wir haben eine gute Truppe beisammen“, sagt der Sportsoldat, dessen Vertrag mit der Bundeswehr bis 2017 gilt. „Man merkt aber schon, dass die Mannschaft an der unbefriedigenden Situation zu knabbern hat.“ Das wurde in der Weltliga deutlich, in der zuletzt alle sechs Spiele mit einer Niederlage endeten. Das tat dem ohnehin angekratzten Ruf der DSV-Auswahl nicht gut.

Nun heißt es, das Ganze ausbaden, ohne dabei das Kind mit dem Bade auszuschütten. Ansonsten droht der Randsportart Wasserball hierzulande die völlige Bedeutungslosigkeit.

Carsten Schmidt 06.05.2015
06.05.2015