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Sportbuzzer Zwei Hannoveraner bei der Triathlon-WM auf Hawaii
Sportbuzzer Zwei Hannoveraner bei der Triathlon-WM auf Hawaii
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08:03 08.10.2010
Von Jens Reinbold
Bei der Ironman-EM triumphierte Sandra Wallenhorst im Juli dieses Jahres. Quelle: dpa
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Ihren Aufenthalt auf Hawaii hat sich Lena Brunkhorst möglicherweise anders vorgestellt. Eigentlich soll sich die Hannoveranerin um Philipp kümmern, den Sohn von Sandra Wallenhorst, die am Sonntag auf der Pazifikinsel bei der WM die Ironman-Krone ins Visier nimmt. Doch statt Kinderbetreuung steht für Brunkhorst – selbst Triathletin von Format – Kilometerfressen auf der Tagesordnung.

Lena muss jeden Tag hier ran und mit mir schwimmen“, sagt Wallenhorst, „die Arme muss überall dran glauben.“ Vor ein paar Tagen etwa stand bei der Mitfavoritin von Hannover 96 ein 25-Kilometer-Lauf auf dem Plan – um sechs Uhr morgens. „Ich hatte keine Lust, alleine loszutraben“, sagt Wallenhorst, „also habe ich Lena in die Laufklamotten gesteckt, und ab ging die Post.“

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Es muss eben jeder mithelfen, damit die 38-jährige Juristin auf Hawaii zu großen Taten fähig ist. Und große Taten stehen an: Wallenhorst will nichts anderes als den Titel, dafür schindet sie sich wie kaum eine Zweite – auch deshalb war der 8. Platz aus dem vergangenen Jahr, den Wallenhorst mit Tränen quittierte, subjektiv betrachtet eine einzige Enttäuschung. Und das Rennen in den Lavalandschaften von 2009 steckt auch aus einem anderen Grund noch immer in ihren Kleidern: Einen Beinahesturz bei Tempo 70 auf dem Rad hat die 38-Jährige nicht verwunden. „Ich wache manchmal nachts aus einem Albtraum von diesem Fastcrash auf, er ist immer noch sehr präsent“, sagt Wallenhorst, die schon im Training 14 Tage zuvor gestürzt war – was sie ebenfalls als Grund anführt, weshalb es 2009 nicht so geklappt hat wie ein Jahr zuvor, als sie wie aus dem Nichts Dritte wurde.

Den Sturz im Kopf, die Konkurrenz vor Augen: Wallenhorst weiß sehr genau, dass es auch dieses Jahr kein Spaziergang werden dürfte in der Gluthitze von Hawaii. „Das ist das stärkste Feld, das ich je erlebt habe“, sagt sie – und kommt dabei unweigerlich auch auf Chrissie Wellington. Die Britin gewann bereits dreimal die WM, im Juli dieses Jahres schockte die 33-Jährige die Konkurrenz zudem mit einer für Frauenverhältnisse schier unglaublichen Zeit: Beim Ironman-Wettbewerb in Roth benötigte Wellington für 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren und 42,195 Kilometer Laufen weniger als 8:20 Stunden – selbst im Männerfeld eine absolute Spitzenzeit. „Es wäre Augenwischerei, sie nicht ganz vorne zu sehen“, sagt Wallenhorst, „aber auch Chrissie muss das Rennen erst einmal bestreiten, und an einem solchen Tag kann viel passieren.“

Jan Raphael hat seine eigene Umschreibung dessen, was Wellington zu leisten imstande ist. „Wenn es Leben auf einem anderen Planeten gibt, dann ist sie vielleicht von diesem“, sagt der zweite Spitzentriathlet aus Hannover, der die WM in Angriff nimmt. Raphael, der im Commerzbank Triathlon Team mit Größen wie Timo Bracht, Normann Stadler oder Marino Vanhoenacker an den Start geht, fühlt sich ebenfalls bestens gerüstet für das Rennen, das um 6.30 Uhr im Pazifik gestartet wird. „Ich möchte endlich einmal zufrieden nach Hause fliegen“, sagt der 30-jährige Lehramtsstudent, der im vergangenen Jahr als 25. den Zielstrich auf dem legendären Alii Drive überquerte. „Es ist zwar sehr schwierig, auf Hawaii sein absolutes Leistungsvermögen abzurufen, aber wenn mir das gelingt, dann wird etwas richtig Gutes dabei herauskommen“, sagt Raphael.

In diesen Tagen sollte er übrigens besser nicht Wallenhorst begegnen; sie könnte miese Laune haben. Seit einigen Tagen hat die Triathletin ihre Ernährung umgestellt; keine Kohlenhydrate, kein Fett, proteinreiche Kost. „Meine Lieben meinen, ich sei dann immer zickig“, sagt Wallenhorst angesichts ihrer sogenannten Saltindiät, die Babysitterin Brunkhorst gleich doppelt trifft: Sie muss nicht nur die Laune ihrer Freundin ertragen, sondern auch die Ernährungsumstellung mitmachen ...

Sandra Wallenhorst im Interview

Sandra Wallenhorst, was haben Sie sich für die WM vorgenommen?

Viel habe ich mir vorgenommen, sonst wäre ich nicht um die halbe Welt geflogen und hätte nicht die ganzen Strapazen im Vorfeld auf mich genommen. Das war eine echte Quälerei, und deshalb soll es sich auch lohnen. Die Konkurrenz ist enorm und meiner Ansicht nach das stärkste Feld, das ich jemals gesehen habe. Ganz oben steht natürlich die Britin Chrissie Wellington. Ich zähle mich zu den Top 10.

Sie sind das dritte Mal bei der WM dabei, wurden 2008 Dritte. Wie viel hilft Ihnen die Erfahrung?

Den Kurs kenne ich inzwischen im Schlaf. Das ist für mich immer sehr wichtig. Ich muss wissen, was mich erwartet. Deshalb reise ich zu jedem Rennen immer sehr früh an, um auf dem Kurs trainieren zu können. Das ist sicher ein großer Vorteil. Und nach drei Jahren weißt du auch, wie die Hitze zu händeln ist. Und es ist mittlerweile mein zehnter Ironman. Alles Routine ...

Haben Sie schon Pläne für 2011? Ist die WM auf Hawaii wieder das große Ziel?

Immer. Solange ich im Ironman-Zirkus unterwegs bin, will ich jedes Jahr hierherkommen. Auch, wenn ich den Mumukuwind (starker, für Hawaii typischer Wind; die Red.) absolut gar nicht mag. Aber hier ist das Mekka unserer „Religion“ Triathlon.

Jan Raphael im Interview

Jan Raphael, wie lief die Vorbereitung auf die WM?

Es lief sehr gut, ich habe gemeinsam mit meinem Teamkollegen Timo Bracht noch mal ein dreiwöchiges Trainingslager auf Lanzarote absolviert. Es war sicher eines der härtesten Camps, die ich bisher erlebt habe. Jetzt bleibt abzuwarten, wie mein Körper auf diese Extremreize reagiert.

Sie sind mittlerweile Hawaii-erfahren, bestreiten am Sonntag Ihre dritte WM. Wie viel hilft die Erfahrung?

Ich fühle mich noch immer wie ein absoluter Neuling. Als erfahrene Athleten sehe ich eher die Jungs, die um die 35 Jahre alt sind und zwischen fünf und zehn Teilnahmen auf dem Buckel haben. Das durchschnittliche Alter der Top 25 im vergangenen Jahr lag bei über 34 Jahren, da habe ich noch immer ein paar Lehrjahre. Klar ist aber auch, dass ich mich mit inzwischen 30 Jahren nicht mehr mit meinem Alter rausreden kann.

Überwiegt vor solch einem harten Rennen die Vorfreude oder das Unbehagen?

Sicherlich ist die Anspannung höher als vor jedem anderen Rennen, immerhin wartet man das ganze Jahr auf Hawaii.Ich versuche, es dieses Mal aber zu sehen wie jedes andere Rennen auch – denn nichts anderes ist es ja. Und es bedeutet gleichzeitig den Saisonabschluss, wodurch mit dem Zieleinlauf jede Menge Druck abfällt.