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Sportbuzzer Zwischen Edelmetall und Examen im Sportinternat
Sportbuzzer Zwischen Edelmetall und Examen im Sportinternat
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06:15 26.03.2012
Von Michael Soboll
Im Internat am Maschsee sind derzeit insgesamt 70 Sportler im Alter zwischen 12 und 18 Jahren untergebracht. Quelle: Gabriel Poblete Young
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Hannover

Das mit den Medaillen ist beim Schwimmen so eine Sache. Wer in dieser Sportart erfolgreich ist, der hört schnell auf, das gewonnene Edelmetall zu zählen. Das liegt in der Regel daran, dass ein guter Schwimmer in einem Wettkampf gleich mehrere Distanzen für sich entscheiden kann. Bei Lennart Küster liegt es aber auch daran, dass er kaum einen Start auslässt. Zuletzt gewann das Ausnahmetalent aus Hannover die 50, die 100 und die 200 Meter Freistil bei den Landesmeisterschaften. Kurz zuvor wurde er norddeutscher Meister über 200 Meter. Jetzt steht Küster vor seiner bislang größten Herausforderung. Doch diesmal geht es nicht um den Gewinn einer Medaille.

Der 18-Jährige will im Sommer Abitur machen und danach Wirtschaftswissenschaften studieren. Gleichzeitig will er weiterhin zu Deutschlands schnellsten Schwimmern gehören. "Das setzt bis zu zehn Trainingseinheiten pro Woche voraus", sagt Küster. Ob sein Traum vom Sportstipendium in den USA wahr wird, weiß er noch nicht - es würde ihm einiges erleichtern. Aber eins weiß er schon jetzt: "Neben dem Sport zu studieren ist eine Riesenbelastung. Es gibt viele, die nach dem Abitur den Sport an den Nagel hängen", sagt er. Doch Küster will ihn wagen - den Spagat zwischen Leistungssport und Start ins Arbeitsleben.

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Spitzensport ist eine Karriere auf Zeit. Für die meisten endet sie noch vor dem 35.Lebensjahr. Und abgesehen von den hochbezahlten Fußballern der Bundesliga und einigen Tennisstars kann kaum ein Athlet von den Verdiensten aus dem Sport auch das Leben danach finanzieren. Anders als etwa in China oder Polen gibt es in Deutschland keine lebenslange Rente für Gewinner olympischer Medaillen. Wer nach der aktiven Zeit nicht mit leeren Händen dastehen will, der muss schon vorher ein zweites Standbein aufbauen.

Das wissen auch die jungen Athleten aus dem Sportinternat in Hannover. Dort, neben AWD-Arena und Maschsee, wohnen und trainieren Niedersachsens Nachwuchstalente. Auch der Schwimmer Küster gehört dazu. Die 70 Internatsschüler sind zwischen 12 und 18 Jahren alt und bereiten sich Tag für Tag auf den Gewinn der nächsten Medaille vor - und auf das Leben danach. Um neben dem Sprung in die Sportelite auch den Schulabschluss zu schaffen, absolvieren die Jugendlichen ein straffes Tagespensum: Frühtraining um 8Uhr, dann zum Unterricht, anschließend zum Lernen an den Schreibtisch und wieder Training am Abend. "Es ist eine hohe Belastung. Aber wir müssen verhindern dass die Schüler als Weltmeister aus dem Internat kommen, aber gleichzeitig schulisch gescheitert und sozial unterentwickelt sind", sagt Internatsleiter Andreas Bohne. Hilfestellung bei dieser täglichen Gratwanderung gibt ein Team aus Nachhilfelehrern, Sozialpädagogen und Psychologen. "Es ist ein bisschen wie in einer Jugendhilfeeinrichtung", sagt Bohne. "Und ohne die Kooperation der Schulen wäre es nicht zu schaffen."

Die meisten Internatsbewohner besuchen eine der beiden "Eliteschulen des Sports", die KGS Hemmingen und die Humboldtschule. Dort haben sie ein Jahr länger Zeit für das Abitur. Wer wegen Wettkampfvorbereitungen oder Trainingslagern fehlt, kann den Unterricht in Ersatzstunden nachholen. Doch mit dem Ende der Schulzeit nähert sich auch das Ende solcher Rücksichtnahme. Welcher Arbeitgeber toleriert schon 50 Fehltage im Jahr, Goldmedaillen hin oder her? Wer sich im Internat Gedanken über seine Zukunft macht, der landet früher oder später im Büro von Andreas Hundt.

Hundt arbeitet als sogenannter Laufbahnberater am Olympiastützpunkt Niedersachsen. Er hilft jungen Sportlern bei der Planung einer Karriere, die beides vereinen soll: Erfolg im Sport und Erfolg im Beruf. "Königswege gibt es nicht. Jeder Sportler ist anders", sagt er. Grundsätzlich jedoch ziehe es die meisten Leistungssportler ins Studium. An der Universität Hannover etwa sind derzeit 25 Bundeskader-Athleten in 13 verschiedenen Fächern eingeschrieben. Eine Studie des Hochschulsportverbands hat ergeben, dass jede zweite deutsche Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2008 von Studenten gewonnen wurde. "Das Studium ist gerade für Leistungssportler interessant, weil es mit seinen Semesterferien und Urlaubssemestern sehr flexibel ist", erklärt Hundt.

Doch auch der Weg in die betriebliche Ausbildung soll den Sportlern nicht versperrt bleiben. Der Landessportbund (LSB) kooperiert mit großen Unternehmen wie VW, der Sparkasse und Continental, die sich bereit erklärt haben, auf die sportlichen Ambitionen ihrer Auszubildenden Rücksicht zu nehmen - durch flexiblere Arbeitszeiten mit individuellem Zuschnitt. Herumgesprochen hat sich das aber offenbar noch nicht: Die Nachfrage bei den Sportler ist gering. Und so will der LSB das Angebot ausweiten, um für jeden Sportler das Passende zu finden, wie Hundt sagt. "Kürzlich kam ein Sportschütze, der wollte einen Ausbildungsplatz als Büchsenmacher. Da haben wir offenbar noch Nachholbedarf".

Auch Küsters Zimmernachbar Tobias Weber hat schon Zukunftspläne. Der 17-jährige Judoka will zur Polizei, möglichst in eine Sportfördergruppe. "Da bleibt bei 20 Stunden Arbeit pro Woche viel Zeit zum Trainieren", sagt Weber. Laufbahnberater Hundt kennt dieses Argument. Wegen der Sonderprogramme ist die Ausbildung bei der Polizei unter Sportlern ein Klassiker. "Aber wer diesen Weg geht, der hat auch nach der Sportkarriere noch 40 Jahre lang die Polizeimütze auf", sagt er. "Wenn ich das den jungen Leuten klarmache, dann kommen schon mal lange Gesichter."

Schnelle Entscheidungen sind also nicht gefragt, wenn Nachwuchssportler die Weichen für ihr Berufsleben stellen sollen. "Wer zwei Karrieren gleichzeitig machen will, der sollte genau wissen, was er tut", sagt Hundt. Und so ist es ihm nur recht, wenn die jungen Talente lange unschlüssig sind und immer wieder das Gespräch mit ihm suchen. "Von einigen Sportlern habe ich Akten, die sind 14 Jahre dick."

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