Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Fit & Gesund Osteopathen heilen mit den Händen
Thema F Fit & Gesund Osteopathen heilen mit den Händen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:43 27.03.2017
Hannover

Es klingt nach Fantasy im Elbenwald: Wenn Marion Sindern ihre Hände auflegt und ihrem Patienten auf der Liege sanft über die Schulterblätter streicht, meint sie manchmal Geräusche im Körperinneren zu hören. Als wollten ihr die Muskeln und Faszien etwas erzählen. Es kommt dann schon mal vor, dass sie den Patienten fragt: „Hören Sie das auch?“

Marion Sindern ist Osteopathin. Das Besondere ihrer Profession: Sie braucht kein Stethoskop, kein Ultraschallgerät, keine Salben oder Tinkturen, um den Ursachen für Schmerzen nachzuspüren. Sie „horcht“ mit den Händen. Sie folgt Strukturen im Gewebe, den Faszien, und ertastet Widerstände und Verspannungen. In der Ausbildung musste sie mit ihren Händen ein einzelnes Haar unter einem Blatt Papier erfühlen; seine Lage, seine Ausrichtung. „Ich bin immer auf der Suche, am Forschen, Ergründen; Schicht für Schicht“, sagt sie. „Häufig findet man den Grund für die Beschwerden in ganz anderen Körperregionen als in jenen, die wehtun.“ Ist die Ursache gefunden, kann die Therapie beginnen.

Warum tut es weh?

Vor sieben Jahren hat Marion Sindern ihre Physiotherapeuten-Praxis in Hannover um die Bereiche Osteopathie und Naturheilkunde erweitert. Wer heute zu ihr kommt, hat häufig bereits eine Odyssee hinter sich. So wie die junge Frau, die seit drei Jahren unter Schwindelanfällen litt, ohne dass ihr jemand sagen konnte, woher ihre Beschwerden rühren. Ein verklemmter Halswirbel? Eine falsche Kieferhaltung? Am Ende stellte sich heraus, dass der Schwindel immer dann auftrat, wenn die Frau schnell aufstand, das Blut in die Beinvenen absackte und die zentrale Blutdruckregulation extrem abfiel. Das Wissen ist heilsam: Mithilfe einer Hormonbehandlung und mit Unterstützung von Marion Sindern lernte sie, das Problem selbst zu lösen.

Das Vertrauen auf die Selbstheilungskräfte des Patienten gehört zur Philosophie der Osteopathie. Ihr Erfinder, der amerikanische Arzt Andrew Taylor Still, verglich den menschlichen Körper mit einem Uhrwerk. Nur wenn sich alle Zahnräder im Gleichklang bewegten, „funktioniere“ Gesundheit. Ziel der Behandlung sei es, Blockaden zu lösen und die Körperflüssigkeit wieder in die rechte Bahn zu leiten. Still gründete seine Schule vor fast 150 Jahren. Trotzdem war die Therapierichtung bis in die Neunzigerjahre in Deutschland weitgehend unbekannt. In anderen europäischen Ländern wie Belgien oder Frankreich gehört sie dagegen seit Längerem zum Standard-Angebot der Medizin. In England ist der Osteopath ein anerkannter Gesundheitsberuf, der an Fachhochschulen gelehrt wird. In den USA gibt es mehr als 20 osteopathische Universitäten und der Absolvent, Doctor of Ostepathy, ist dem Arzt gleichgestellt.

Anerkennung für Osteopathen?

In Deutschland streitet man sich dagegen immer noch, ob die Osteopathie überhaupt eine eigenständige Therapierichtung ist. Die Diskussion wurde durch eine juristische Auseinandersetzung befeuert. 2015 untersagte das Oberlandesgericht Düsseldorf aus Sorge um die Gesundheit von Patienten einer Physiotherapeuten-Praxis, osteopathisch tätig zu sein. Die Richter stellten klar, dass nach Gesetzeslage nur Ärzte oder Heilpraktiker – mit entsprechender Weiterbildung – als Osteopathen tätig werden dürften. Zur Begründung hieß es, die Osteopathie setze medizinische Kenntnisse voraus, die nicht zur Physiotherapeuten-Ausbildung gehörten.

Das Urteil löste eine heftige Debatte aus. Die Osteopathen-Verbände forderten eine staatliche Anerkennung des Berufs, dessen Ausbildung bislang ausschließlich an Privatschulen und einer privaten Hochschule stattfindet. Die Bundesärzteschaft und die Physiotherapeuten plädierten dagegen dafür, die Osteopathie ohne großes Aufsehen als weitere manuelle Therapie in den Heilmittelkatalog aufzunehmen; gleichrangig mit Angeboten wie Lymphdrainage und Massagen, auf Verordnung eines Arztes. Die Politik scheute den Konflikt, wie so oft. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) gab zu bedenken, dass die Osteopathie eine „Behandlungsmethode ohne wissenschaftliche Evidenz“ sei. Deshalb dürfe man ihr nicht „vorschnell“ das Gütesiegel der staatlichen Anerkennung verleihen. Allerdings: Am Praktizierungsverbot für Physiotherapeuten wollte er genauso wenig rütteln.

Am Anfang steht das Gespräch

Marion Sindern hat ihre berufliche Laufbahn als Physiotherapeutin begonnen; zu einer Zeit, als man noch etwas abschätzig von der Krankengymnastin sprach. Wie viele ihrer Kollegen hat sie unzählige Weiterbildungskurse besucht, viel Geld gezahlt und Tausende Stunden damit verbracht, Zusatzqualifikationen zu erwerben. Sie kennt die PNF-Technik, die das Zusammenspiel von Nerven und Muskeln nutzt, und weiß, wie man mit der Bobath-Therapie Schiefhaltungen von Säuglingen abbaut. Sie hat sich an einer Privatschule zur Heilpraktikerin und Osteopathin ausbilden lassen und genießt nun den Vorzug, wie alle 43 000 Heilpraktiker, ohne ärztliches Rezept arbeiten zu dürfen. „Erstkontakt erlaubt“ heißt das. Aber nicht alle Kassen erstatten die Kosten).

Als Heilpraktikerin und Osteopathin hat Marion Sindern nicht nur medizinisches Wissen von der Anatomie des Körpers und der Funktionsweise der inneren Organen. Sie besitzt auch die nötige Empathie, um ihre Patienten im Gespräch kennenzulernen. Jede Behandlung beginnt mit einer ausführlichen Anamnese, dem Erkunden der Probleme. Manchmal, sagt sie, stoße sie auf Lebensnarben, verdrängte Erlebnisse. Ein Patient erinnerte sich erst durch ihre Nachfrage, dass er früher mal an der Bauchspeicheldrüse erkrankt war. „Stimmt; ich durfte eine Zeit lang als Kind keinen Zucker essen.“

Immer häufiger gehören auch Kinder und Babys zu ihren Patienten. Weil sie partout das Bettnässen nicht lassen können, weil sie ständig den Schnuller ausspucken oder Probleme beim Stillen haben. In der Regel sucht Marion Sindern gemeinsam mit den Hebammen und Kinderärzten nach Lösungen. Die Kooperation mit den ärztlichen Kollegen sei ihr wichtig, sagt sie. Allerdings klappt das nicht immer. Es gebe nach wie vor Vorbehalte. Therapeutin und Arzt, Kollegen auf Augenhöhe? Marion Sindern hat den Traum noch nicht aufgegeben.

Von Gabi Stief

Zahlt die Kasse?

Für Privatpatienten ist entscheidend, ob ihr Tarif die Kostenübernahme alternativer Heilmethoden einschließt. Abhängig vom Unternehmen und vom Vertrag ist eine 100-prozentige Erstattung der Behandlung möglich.
Bei den gesetzlichen Krankenkassen gehört Osteopathie nicht zum Leistungskatalog, den der Bundesausschuss verbindlich festlegt. Die Behandlung beim Osteopathen ist eine freiwillige Zusatzleistung. Das heißt: Viele, aber nicht alle Kassen beteiligen sich an den Kosten. Einige zahlen Zuschüsse zur Behandlung im Rahmen von Bonusprogrammen oder Gesundheitskonten. Voraussetzung für die Kostenübernahme: Der behandelnde Therapeut muss eine entsprechende Qualifikation vorweisen und es muss eine ärztliche Überweisung vorliegen. Generell wird nicht über die Gesundheitskarte abgerechnet. Patienten müssen die Rechnung zunächst selbst zahlen und dann bei ihrer Kasse einreichen – wenn sie denn Osteopathie als freiwillige Leistung anbietet.
Einige Beispiele: Die AOK Nordwest zahlt maximal 360 Euro im Jahr, höchstens sechs Sitzungen, höchstens 60 Euro pro Sitzung. Die AOK Niedersachsen bietet eine Verrechnung über das sogenannte Gesundheitskonto an, das auf 250 Euro Mehrleistungen pro Jahr begrenzt ist. Viele Betriebskrankenkassen erstatten bis zu 390 Euro im Jahr, einige wenige sogar bis zu 500 Euro. Die Techniker Krankenkasse zahlt einen 40-Euro-Betrag für maximal drei Sitzungen pro Jahr. Der Zuschuss der Barmer beträgt 50 Euro. Die DAK bietet einen Zuschuss im Rahmen ihres Bonusprogramms an.Quelle: Krankenkasseninfo

Bei den Foren zur HAZ-Gesundheitswoche geht es ab Montag um Keime, Achtsamkeit und Depressionen. Der Vortrag und Talk mit Nina Ruge am Dienstag ist allerdings schon ausverkauft – für die anderen Veranstaltungen gibt es noch Plätze.

25.03.2017

Für Sonntag lädt die HAZ zur Nordic Walking-Runde: Für Werner Schulz von Dets Laufshop ist Nordic Walking die Sportart der drei Ks. „Gefördert wird die Kondition, Koordination und die Kommunikation“, sagt der 59-Jährige.

25.03.2017

Sie sitzen viel oder belasten den Körper oftmals einseitig? Das wird sich früher oder später mit Rückenproblemen bemerkbar machen. Aber mit diesen sechs Übungen beugen Sie Schmerzen vor.

23.03.2017