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Die Hells Angels in Hannover Razzia bei Hells Angels-Chef Hanebuth
Thema Specials Die Hells Angels in Hannover Razzia bei Hells Angels-Chef Hanebuth
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22:32 24.05.2012
Von Tobias Morchner
Spezialeinheiten der Polizei haben am Donnerstag das Privathaus von Hannovers Hells Angels-Chef Frank Hanebuth durchsucht. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Bissendorf-Wietze

Das Schloss des hölzernen Haupttors ist zersplittert, der Seiteneingang vollständig demoliert. Dicke Äste liegen auf dem Gehweg vor dem vier Meter hohen Zaun, der das noble Anwesen von Hannovers Rockerchef Frank Hanebuth in Bissendorf-Wietze umgrenzt. Sie sind stumme Zeugen des massiven Polizeieinsatzes, der sich am Donnerstagmorgen in der Wedemärker Prominentensiedlung zugetragen hat.

Der Sog des Hubschraubers der Spezialeinheit GSG 9 hatte die unterarmdicken Äste von den Tannen gerissen, als der Helikopter vom Typ „Super Puma“ um etwa zehn Minuten nach 5 Uhr tief über dem Grundstück im Natelsheideweg stand, um die schwer bewaffneten und vermummten Beamten der Antiterrorabteilung abzuseilen. Zeitgleich brachen weitere Polizisten die Tore des Grundstücks auf und verschafften sich so Zutritt zu dem Wohnhaus des Hells-Angels-Chefs.

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Im Zuge der Großrazzia gegen Mitglieder des verbotenen Kieler Charters der Höllenengel am Donnerstag war auch Hanebuth in den Fokus des Landeskriminalamts Schleswig-Holstein gerückt. Die Behörde wirft den Kieler Rockern vor, trotz des Verbots weiterhin in Menschen- und Waffenhandel, Korruption und Körperverletzungsdelikte verstrickt zu sein. Der hannoversche Hells-Angels-Chef, der gerne als Führungsfigur innerhalb der bundesdeutschen Rockerszene auftritt und von der Polizei nicht nur deshalb als einflussreichster Höllenengel des gesamten Bundesgebiets eingestuft wird, soll von den illegalen Aktivitäten an der Förde gewusst, die Kieler Rocker teilweise zu den Taten angestiftet haben.

Die Polizei hat das Anwesen des hannoverschen Hells-Angels-Chef Frank Hanebuth durchsucht. Einsatzkräfte waren mit einem Hubschauber auf dem Anwesen gelandet.

Vor diesem Hintergrund waren die Spezialkräfte bei ihrem Einsatz in der Wedemark wenig zimperlich. Sie erschossen einen sechs Monate alten Welpen, einen Kangal, der gemeinsam mit zwei Schäferhunden das Grundstück bewachte. Offenbar waren die Kräfte der GSG 9, die in der Nähe von Bonn stationiert sind, bestens über die Beißattacke von Hanebuths ausgebüxten Wachhunden im vergangenen Jahr informiert und wollten offensichtlich kein Risiko eingehen. Sie brachten Frank Hanebuth, der, geweckt durch den Lärm der Hubschrauberrotoren, sofort ins Freie gelaufen war, zu Boden und fesselten ihn. Dann durchsuchten sie sieben Stunden lang jedes Zimmer des alten Backsteinhauses.

Hanebuth sah ebenso wie sein elfjähriger Sohn, seine Lebensgefährtin sowie der inzwischen informierte Rechtsanwalt Götz von Fromberg mit an, wie die Beamten Computer und USB-Sticks, Handys, Akten, Fotos und alte Zeitungsartikel beschlagnahmten. „Die haben bei mir weder Waffen noch Drogen gefunden“, sagt Hanebuth später gegenüber der HAZ. Währenddessen bewachten schwer bewaffnete Polizisten die Einfahrten des Grundstücks. Erst um kurz nach 12 Uhr verließen die Beamten in Begleitung eines Vertreters der Staatsanwaltschaft Kiel das Gelände. Hanebuths Rechtsanwalt von Fromberg kritisierte den Einsatz der Polizei als unverhältnismäßig. „Der erste Zugriff war sehr massiv“, sagt er. Vollkommen unerklärlich sei ihm der Einsatz der Spezialeinheit GSG 9 gegen seinen Mandanten. Dieser weise alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück: „Sie sind an den Haaren herbeigezogen und völlig abwegig“, erklärt der Jurist. „Es ist bekannt, dass die Ermittlungsbehörden seit Jahren versuchen, Herrn Hanebuth in seiner Eigenschaft als Präsident des Charters Hannover der Hells Angels auszuschalten, bisher ohne jeden Erfolg“, heißt es in einer schriftlichen Erklärung, die von der Anwaltskanzlei am Nachmittag verschickt wurde. Rechtsanwalt von Fromberg sieht das aktuelle Ermittlungsverfahren gegen Hannovers Hells-Angels-Chef als Teil einer Strategie an, „Herrn Hanebuth persönlich und wirtschaftlich zu ruinieren, genau wie sein Umfeld“.

Die Kieler Ermittler glauben jedoch, Beweise gegen den hannoverschen Hells-Angels-Chef in der Hand zu haben. In zwei bis drei Ermittlungsverfahren in Schleswig-Holstein soll Hanebuth eine Rolle spielen. Zudem soll er gute Kontakte zu Dirk Reese, dem Präsidenten des Kieler Charters, unterhalten haben. Regelmäßig soll Frank Hanebuth den sogenannten „Brüdern“ im Norden einen Besuch abgestattet haben. Das Kieler Charter gehörte zu den ältesten Hells-Angels-Rockerklubs in Deutschland. Reese gehört, dem Vernehmen nach, zu den fünf Männern, die im Rahmen der Durchsuchungen am Donnerstag festgenommenen wurden.

Hannovers Rockerchef zeigte sich rund 30 Minuten nach dem Ende der Razzia in seiner Villa betont gelassen in der Öffentlichkeit. Bekleidet mit einem Karohemd, auf der Nase eine blau getönte Sonnenbrille, radelte er in Begleitung seiner Lebensgefährtin vor das Tor seiner Villa. „Ich muss eine kleine Tour machen, um den Kopf wieder frei zu bekommen“, sagte er. Er hob hervor, dass es keinerlei Verbindungen zwischen den Rockern aus Hannover und den Mitgliedern des Kieler Charters gebe. „Jeder macht sein eigenes Ding, deshalb weiß ich auch nicht, was das Ganze hier soll“, so Frank Hanebuth.

Frank Hanebuth

Er selbst nennt sich „Präsident“ der hannoverschen Hells Angels. Im Steintor rufen sie ihn bis heute einfach nur „Langer“. Ex-Profi-Boxer Frank Hanebuth ist allein schon wegen seiner Körpergröße von fast zwei Metern eine imposante Erscheinung. Sein Wort hat Gewicht bei den Höllenengeln – auch über die Grenzen der niedersächsischen Landeshauptstadt hinaus. Als sich die Hells Angels mit den verfeindeten Bandidos im Ruhrgebiet regelrechte Kämpfe lieferten und dadurch das Geschäft beider Klubs bedroht war, sprach Hanebuth ein Machtwort.

Er inszenierte in der Kanzlei seines Anwalts Götz von Fromberg den sogenannten „Rockerfrieden von Hannover“. Er vermittelte auch, als in Berlin ein ganzer Trupp von Rockern überraschend von den Bandidos zu den Hells Angels überlief. Am Steintor verwirklichte er über zehn Jahre hinweg das, was die Polizei als den „Partyplan“ der Hells Angels bezeichnet: Er machte aus dem einst schmuddeligen Rotlichtviertel eine Amüsiermeile für jedermann – unter der Kontrolle seiner Höllenengel.

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